1. Abschied mit Pflastern

EZB-Präsidentin Christine Lagarde

EZB-Präsidentin Christine Lagarde

Foto: Ecb Press Office / ZUMAPRESS.com / picture alliance

Die Chefin der Europäischen Zentralbank hat heute angekündigt, vor Ende ihrer offiziellen Amtszeit aufzuhören. Christine Lagarde will ihr Amt im Februar 2027 niederlegen. Ihre achtjährige Amtszeit an der Spitze der EZB wäre regulär erst Ende Oktober 2027 ausgelaufen.

Lagardes Abgang fällt in heikle Zeiten, ist aber wenig überraschend. »Es war das vermutlich am schlechtesten gehütete Geheimnis in Frankfurt, dass Christine Lagarde lange vor ihrem offiziellen Amtsende als Präsidentin der Europäischen Zentralbank zurücktreten würde«, schreibt mein Kollege Tim Bartz .

Ihre Nachfolge kann nun noch vor der möglicherweise turbulenten Wahl in Frankreich im April 2027 geregelt werden. Außerdem hat Lagarde wohl auch schon einen neuen Job in Aussicht. Sie werde, so heißt es, die Chefin des Davoser Weltwirtschaftsforums. »Die Herzen der Europäer dort hatte sie bereits Anfang dieses Jahres gewonnen, als sie nach einem aggressiv-arroganten Auftritt von US-Handelsminister Howard Lutnick noch während seiner Rede den Saal verließ«, schreibt Tim Bartz.

In einem Video, das Lagarde heute auf ihren Social-Media-Kanälen verbreitete, wirkte sie ein bisschen angeschlagen, allerdings nur optisch. Zwei weiße Pflaster bedeckten ihre Nase und den linken Wangenknochen. In den Kommentaren klärte sie auf: Anfang der Woche habe sie sich operieren lassen müssen. Da ihr folgender Rat Leben retten kann, wiederhole ich ihn gern: »Folgen Sie den Anweisungen Ihres Arztes und lassen Sie Ihre Haut regelmäßig checken.«

2. Ein Versehen und seine Folgen

Linkenpolitikerin Elif Eralp

Linkenpolitikerin Elif Eralp

Foto:

Doro Zinn / DER SPIEGEL

Die Linke Elif Eralp will weiter Regierende Bürgermeisterin in Berlin werden. Sie wolle außerdem mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln gegen Gewalt und Terror vorgehen und werde sich »von niemandem einschüchtern lassen«, sagte sie weiter. Das Pressestatement fand heute am Rande der konstituierenden Sitzung des Berliner Abgeordnetenhauses statt.

Eralp reagiert damit auf die SPIEGEL-Enthüllung eines internen Vermerks der Linkenpolitikerin. Darin schrieb Eralp, sie und ihr Mann hätten »Angst vor diesen Leuten« . Sie bezieht sich dabei auf den Hamas-Sympathisanten Ibrahim Ibrahim, der im September bei der Wahlparty der Linken in Berlin-Neukölln aufgetaucht war.

Der Vermerk gelangte versehentlich zum SPIEGEL, nachdem meine Kollegen am Montag ein Interview mit Eralp geführt hatten: In der schriftlichen Autorisierung des Interviews, die Eralps Sprecher an die Redaktion zurücksandte, waren noch interne Kommentare enthalten. Aus den Anmerkungen geht hervor, dass Eralp aus Sorge um ihre Sicherheit und die ihrer Familie nicht namentlich auf Ibrahim eingehen wollte.

Politiker verschiedener Parteien warfen Eralp nach der Veröffentlichung vor, nicht geeignet für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin zu sein. Manche sehen sogar ein Alarmsignal für die Demokratie. Eralp selbst betonte heute, es sei ganz normal und eine Selbstverständlichkeit, dass man sich Sorgen um seine eigene Familie mache.

Falls Sie sich selbst eine Meinung bilden wollen, empfehle ich Ihnen die Sonderfolge des Politikpodcasts »Mad Kings« meiner Kollegen Anna Reimann und Christoph Hickmann (hören Sie hier die ganze Folge). Sie sprechen über Angst in der Politik und erklären noch mal, wie die interne Notiz von Elif Eralp zum SPIEGEL kam – und warum wir sie trotz Sicherheitsbedenken veröffentlichten.

3. Lang lebe der Baumkuchen

Kanzler Friedrich Merz in Tokio

Kanzler Friedrich Merz in Tokio

Foto: Kay Nietfeld / dpa

In diesen Stunden beendet Friedrich Merz seine bisher längste Auslandsreise als Kanzler. Drei Länder in fünf Tagen. Erst Singapur, dann Japan, zum Schluss Südkorea. Auf dem internationalen Parkett ist Merz nicht der Getriebene. Hier streitet man nicht über Rentenjahre, Plastiksteuer oder Stromrabatte. »Hier ringt man um die ganz großen, um die globalen Fragen«, schreibt mein Kollege Konstantin von Hammerstein, der den Kanzler auf seiner Reise begleitet hat .

Eigentlich wollte der Kanzler die Botschaft senden: Wer von den Großen nicht gefressen werden will, sollte sich besser zusammentun. Doch dann kam Merz die Bundespräsidentinnendebatte dazwischen. Konstantin von Hammerstein berichtet, dass der Kanzler Mitarbeiter nach hinten in den Regierungsflieger schickte, um die mitreisenden Journalisten zu beruhigen. Der Kanzler habe weder eine Entscheidung getroffen noch einen Vorschlag unterbreitet, hieß es. Er beharre aber darauf, dass der oder die künftige Bundespräsidentin aus den Reihen der CDU vorgeschlagen wird. Welchen konkreten Namen der Kanzler im Kopf hat, weiß man nach der Reise leider immer noch nicht.

Was man dafür weiß, dank eines kulinarischen »Updates« des Bundespresseamtes: Das Dessert in Tokio war gut. Beim Kanzler und seiner japanischen Amtskollegin gab es Baumkuchen, »den wir extra aus Deutschland mitgebracht haben«. Baumkuchen sei in Japan sehr bekannt und stehe hier für ein langes Leben und die Unendlichkeit der Beziehung, schrieben die Beamten. Die Beziehung zwischen Kanzler und Wahlvolk war vermutlich nicht gemeint.

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Ukraine meldet 13 Tote nach russischem Angriff auf Bahnhof: In Dnipro steht ein Zug zur Abfahrt bereit, dann schlägt laut ukrainischen Angaben eine russische Drohne ein und tötet mehr als ein Dutzend Menschen. Präsident Selenskyj verurteilt den »entsetzlichen Angriff«.

  • Bundesschülerkonferenz plant eigenen Protest am 20. November: Die Initiative »Gen Z regelt« will am Samstag bundesweit Zehntausende junge Menschen zu Demonstrationen bewegen. Die Bundesschülerkonferenz will eigene Wege gehen – auch aus Sorge vor Krawallen.

  • Staatsanwaltschaft fordert lebenslange Haft für Angeklagte: Hat Gina H. den acht Jahre alten Fabian getötet? Ja, sagt die Rostocker Staatsanwaltschaft. Sie beantragt eine Verurteilung wegen Mordes – und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

VW-Konzernchef Oliver Blume

VW-Konzernchef Oliver Blume

Foto:

Julian Stratenschulte / dpa

Was heute weniger wichtig ist

Tischtennisstar Timo Boll

Tischtennisstar Timo Boll

Foto: Tom Weller / dpa

Heiße Platte: Als jemanden, der auf Partys gern bis weit nach Mitternacht beim Rundlauf an der Tischtennisplatte zu finden ist, macht mich diese Nachricht neugierig: ProSieben veranstaltet Anfang Dezember ein Tischtennisturnier als Fernsehshow. Dafür kehrt sogar das deutsche Tischtennisidol Timo Boll an die Platte zurück. Der ehemalige Weltranglistenerste tritt als einer von vier Teamkapitänen bei der »Promi Tischtennis WM« an. Neben Doppelspielen sollen auch »Trickshot-Challenges« zum Wettbewerb gehören. Wer weiß, vielleicht sogar der klassische Rundlauf.

Mini-Hohlspiegel

Aushang an einem Kletterzentrum des Deutschen Alpenvereins e.V. in Baden-Baden

Aushang an einem Kletterzentrum des Deutschen Alpenvereins e.V. in Baden-Baden

Darüber diskutieren SPIEGEL-Leserinnen und -Leser heute

Kann die Linkspartei für Sicherheit in Berlin sorgen?

Und heute Abend?

Countrystar Langley

Foto:

Terry Wyatt / WireImage

Kennen Sie den Countrystar Ella Langley? Ich hatte bis heute noch nie von der Sängerin gehört. Dabei ist die 27-Jährige mit ihrem Hit »Choosin’ Texas« derzeit in den USA erfolgreicher als Taylor Swift. Mein Kollege Andreas Borcholte wundert sich, warum das aus seiner Sicht »erstaunlichste Musikphänomen des Jahres« in so vielen Ländern zündet – nur in den deutschen Charts überhaupt nicht .

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Vielleicht ist Countrymusik mit einem Southern-Rock-Anteil zu sehr Nische für das deutsche Radio, vermutet Andreas. Andererseits setzt sich ein guter Song im Zweifel immer durch. Hören Sie am besten selbst rein. Mir haben die Herzschmerzgeschichte einer Sängerin, die an einer Bar in Texas ihren Lover an eine Einheimische verliert, und der eingängige Refrain eigentlich ganz gut gefallen. Vielleicht kommt Ella Langley ab sofort in »Good Ole Tschörmany, dem Land der Truck-Stop-Fans und Wildwestromantiker«, wie Andreas schreibt, doch noch groß raus.


Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Herzlich
Ihre Anna Clauß, Autorin der Chefredaktion

Source: Der Spiegel · Anna Clauß

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