1. Missing Link: Umgepolt – Bin ich der einzige Gamer, der die Y-Achse invertiert?

Kaum jemand hat schneller die Maus gezogen als Johnathan Wendel: Der Profispieler klickte sich als „Fatal1ty“ um die Jahrtausendwende an die Weltspitze der Videospieler. Fast eine halbe Million US-Dollar Preisgeld hat er kassiert. Wendel war einer der ersten E-Sportler, die davon lebten, eine Spielfigur mit Maus und Tastatur durch eine virtuelle Arena zu steuern. Kaum jemand hatte eine Chance gegen Wendel beim First-Person-Shooter „Quake“. Dabei setzte der 45-Jährige aus den USA auf eine Steuerung, die heute viele irritiert.

Wendel hatte die Y-Achse umgekehrt. Sprich: Fatal1ty schob die Maus nach vorne, um nach unten zu schauen – und zog sie zu sich hin, um hochzublicken. Wie ein Pilot am Steuerknüppel. „Ich benutze seit dem ersten Teil von Quake eine invertierte Maus“, sagt Wendel gegenüber heise online. „Ich hatte nie das Gefühl, dass ich dadurch irgendwelche Nachteile hatte.“ Ganz im Gegenteil: „Ich liebe es“, sagt der ehemalige E-Sportler, der auch mit umgedrehter Blickrichtung auf PC, Konsole und Handydisplay zockt. Überall.

Die Gen Z schüttelt bei solchen Einstellungen nur irritiert den Kopf. Gamer wie Wendel gelten als Einhörner, eine seltene Spezies. Heute gilt: Wer die Maus nach vorne schiebt, schaut auch nach oben, also dahin, wo sich der Mauszeiger hinbewegt. Wie auf dem Desktop am PC: Wer die Maus nach oben schiebt, will dort den Cursor sehen. Mit invertierter Y-Achse spielt mittlerweile kaum noch jemand. Vor allem bei Profis gibt es kaum noch Invertierer. Es gibt nur wenige Ausnahmen, wie den Counter-Strike-Profi „FASHR“, der aber auch ansonsten ungewöhnliche Tasten bevorzugt – und mit der rechten Maustaste vorwärtsläuft.

Einstellungsmenü mit angehaktem Punkt „Controller vertikal umkehren“

Einstellungen bei „Alan Wake 2“: Wer die Maus umkehren will, muss bei aktuellen Spielen meist einen Haken im Menü setzen – wenn es überhaupt geht.

(Bild: Remedy Entertainment)

„Ich bin kein Flugzeug“

In zahlreichen Reddit-Foren tauschen sich Spielerinnen und Spieler darüber aus, ob sie ihre Steuerung umkehren. „Ich invertiere nie“, schreibt dort ein Nutzer. „Ich bin 44 Jahre alt und kein Flugzeug. Normalerweise bin ich ein Typ am Boden, der mit einer Pistole rumläuft.“

Wissenschaftler Jochen Koubek hingegen ist überzeugter Invertierer. „Es fühlt sich für mich richtig an, dass die Kamera nach oben schaut, wenn ich die Maus oder den Joystick zu mir ziehe“, sagt der Professor für Digitale Medien von der Universität Bayreuth im Gespräch mit heise online. Koubek erklärt sich das mit dem sogenannten Embodiment, also praktisch einer Verschmelzung mit der Spielfigur.

Der Steuerhebel sitzt bei Spielfiguren von Invertierern sozusagen auf dem Kopf. Wird der Joystick nach vorne bewegt, senkt sich der Kopf nach unten. Bei der nicht-invertierten Steuerung sitzt der Joystick eher hinter den Augen der Spielfigur. Die Blickrichtung wird direkt gesteuert. Bewegt man den Hebel nach rechts oben, wandern auch die Augen dorthin.

(Bild: TotoMimo)

Wer in aktuellen Computerspielen seine Y-Achse invertieren will, der muss händisch in den Einstellungen nachjustieren. Und selbst dann ist nicht garantiert, dass es funktioniert. Beim Action-Adventure „Alan Wake“ beispielsweise lässt sich auf der Playstation 5 zwar die Blickrichtung der Spielfigur umkehren, aber bei Autofahrten zieht die Kamera weiter konsequent nach oben, wenn man nach oben drückt. Invertierer bringt das zur Verzweiflung. Bei anderen Spielen wie „R.E.P.O.“ haben Fans sogar eigene Tools programmiert, um die vertikale Blickrichtung umzudrehen.

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Auch die Wissenschaft hat sich mit der Frage befasst, warum einige Spielerinnen und Spieler die Y-Achse umkehren. Aufgrund eines Artikels in der britischen Zeitung „The Guardian“ hatte Forscherin Jennifer Corbett mit ihrem Team untersucht, ob Joystick-Gewohnheiten an Alter, Spielerfahrung oder Konsolentyp liegen. Doch Fehlanzeige. „Keiner dieser Faktoren hatte einen Zusammenhang mit der Inversion“, sagt Corbett gegenüber heise online. Klar ist nur: Die Studienteilnehmer hatten sich schon alle vor dem Test entschieden, ob sie invertieren oder nicht.

„Duke Nukem 3D“ und „GoldenEye 007“: Sind die 1990er-Jahre schuld?

Jochen Koubek ist davon überzeugt, dass die 3D-Spiele der Neunzigerjahre ihre Spuren hinterlassen haben. Während bei 2D-Spielen der 1980er-Jahre klar war, dass man mit der Pfeil-Hoch-Taste eine Leiter hochklettert, sei das in der 3D-Welt nicht mehr so eindeutig gewesen. „Das änderte sich, als Spielfiguren wie Lara Croft ins Wasser tauchten“, sagt Koubek. „Da stellte sich dann die Frage, wie man nach oben schwimmt.“ Die Cockpit-Steuerung war geboren.

„Wer in den 1990er-Jahren gespielt hat, der ist mit Flugsimulatoren an die 3D-Welt herangeführt worden“, sagt der Forscher. „Bei ‚Wing Commander‘ war es völlig normal, dass das Raumschiff die Nase hochzieht, wenn man den Joystick zu sich bewegt.“ Reddit-Nutzer sehen das ähnlich. Einer schreibt: „Ich mache ‚Star Fox 64‘ verantwortlich für diesen Teil meines Muskelgedächtnisses.“ Auch „X-Wing“ und „TIE Fighter“ hätten ihren Teil dazu beigetragen.

Ego-Perspektive in „Duke Nukem 3D“: Straße mit Kino, Gegner und Statusleiste

First-Person-Shooter „Duke Nukem 3D“: Bei Spielen in den 1990er-Jahren war es völlig normal, dass die Y-Achse invertiert war.

(Bild: 3D Realms)

Entwickler übertrugen das Cockpit-Gefühl auch auf 3D-Shooter wie „Duke Nukem 3D“. Wer nichts in den Einstellungen änderte – was häufig gar nicht möglich war – spielte automatisch im Flight-Stick-Stil. „‚GoldenEye 64‘ hat mich trainiert“, schreibt ein 46-jähriger Spielefan auf Reddit. Auch frühe Action-Adventures zwangen zu einer invertierten Y-Achse. Die Minijoysticks der Konsolen-Controller wurden einfach wie kleine Flugzeughebel eingesetzt. Die Steuerung brannte sich ein. Ein Spieler schreibt bei Reddit, er sei nach 300 Stunden mit dem Spiel „Morrowind“ auf der Xbox zum Invertierer geworden – weil er erst anschließend die Einstellung entdeckt habe, um die Y-Achse normal zu verwenden.

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Ältere Gamer sollten mal andere Steuerung ausprobieren

Laut Corbett scheitern Spielstudios daran, das Beste aus Gamern herauszuholen. „Unsere Untersuchungen zeigen, dass Spieler teilweise suboptimale Einstellungen treffen, auch dann, wenn sie sich sicher sind, auf eine bestimmte Weise besser zu spielen.“ Corbett vergleicht das mit Linkshändern, die gezwungen wurden, mit der rechten Hand zu schreiben. Es fühle sich zwar richtig an, sei aber auf Dauer deutlich anstrengender für das Gehirn, als mit links zu schreiben. „Letztendlich kommt es darauf an, was für den Einzelnen am besten ‚klickt‘“, sagt Corbett.

Das sieht auch Fatal1ty so. Auf die Frage, ob es sich heutzutage nicht seltsam anfühle, immer noch zu invertieren, sagt Wendel: „So bin ich seit meiner Kindheit verdrahtet.“ Vom Jahr 1996 an habe er die Y-Achse in jedem Shooter invertiert. „Ich werde das nie ändern.“

(dahe)

Source: Heise · Jörg Breithut

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Gaming
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