James Talarico von den Demokraten vor seinen Fans nach seinem Sieg in Texas bei den Midterms.

Analyse

Stand: 05.11.2026 • 10:12 Uhr

Zum ersten Mal seit 1988 schickt Texas mit Talarico wieder einen Demokraten in den US-Senat. Auch das Gouverneursamt und andere Spitzenpositionen gehen an die Demokraten. Wie ist ihnen das in diesem Bundesstaat gelungen?

Sandra Ratzow

"Wir haben verloren. Die Republikaner haben einfach alles verloren: den Sitz im US-Senat, das Gouverneursamt, die Mehrheit im texanischen Repräsentantenhaus", sagt der Anwalt Thomas Royce aus Texas noch immer völlig fassungslos. Sein Kollege Doug O'Brian ergänzt ironisch: "Trump wollte, dass die Wahlen ein Referendum über seine Arbeit sind. Und genau das war es dann auch."

Der Krieg in Iran, die hohen Benzinkosten, die Zölle, die die Durchschnittsamerikaner am Ende mit höheren Preisen bezahlen mussten, damit habe sich der US-Präsident unbeliebt gemacht. Auch in Texas, einem Bundesstaat, den Trump noch vor zwei Jahren mit fast 14 Punkten Vorsprung gewonnen hatte.

Demokrat musste ländliches Texas nicht gewinnen

Die ersten Auswertungen schlüsseln den Erfolg der Demokraten auf: Die großen Städte lieferten wichtige Stimmen. Hinzu kamen Gewinne in den Vororten und deutliche Verschiebungen in den Grenzregionen zu Mexiko. Nach vorläufigen Daten, die die Texas Tribune ausgewertet hat, legten die Demokraten überall zu.

Auf dem Land blieben die Republikaner klar vorn, ihr Vorsprung schrumpfte jedoch. Talarico musste das ländliche Texas nicht gewinnen. Es reichte, dort weniger deutlich zu verlieren und in den Ballungszentren rund um Austin, Houston und Dallas stärker zuzulegen.

70 Prozent der Latinos wählten Demokraten

Doch nicht nur mit den hohen Lebenshaltungskosten hat der US-Präsident Wähler in Texas verschreckt. Auch das brutale Vorgehen seiner Einwanderungsbehörde ICE hat viele Latino-Wähler empört, die ihm gerade erst eine Chance gegeben hatten.

So wie auch der Bauunternehmer Benigno Melendez aus Südtexas. 2024 hatte er für Trump gestimmt. Doch als Trump dann mithilfe von ICE nicht nur kriminelle Einwanderer abschieben ließ, sondern auch viele Arbeiter auf Melendez' Baustellen, war er entsetzt. "Die haben einfach wahllos Menschen festgenommen, auch mit gültigen Papieren oder Amerikaner", sagt er. Dafür hat Melendez Trump nun einen Denkzettel an der Wahlurne verpasst. Und er ist nicht der Einzige: Etwa 70 Prozent der Latino-Wähler stimmten für den Demokraten James Talarico.

Die Entscheidung fiel vielen wohl umso leichter, weil die Republikaner einen Mann für den US-Senatssitz aufstellten, den selbst Parteifreunde für nicht wählbar hielten: Ken Paxton, Generalstaatsanwalt und Justizminister von Texas. Dem Verbündeten von US-Präsident Trump werden Korruption und Amtsmissbrauch vorgeworfen. Trump unterstützte dessen Kandidatur trotz aller Vorbehalte.

"Die Republikaner sind nach Jahrzehnten an der Macht in Texas selbstgefällig geworden und dachten, sie können sich alles erlauben", sagt der Autowerkstatt-Besitzer Jeff Snyder. Manchmal könne so ein Wahlschock sehr heilsam sein.

Talarico und Hinojosa - ungewöhnliche Wahlsieger

Talarico, der künftige US-Senator für Texas, dagegen hat ein ungewöhnliches Profil: Er ist jung, mitte-links und christlich. Der 37-jährige ehemalige Lehrer, Theologe und Abgeordnete im Parlament von Texas prangerte immer wieder die hohen Lebenshaltungskosten an und die Macht einzelner Milliardäre wie Elon Musk, der als Großspender mit mehr als 200 Millionen US-Dollar im Wahlkampf Texas für die Republikaner retten wollte.

Talarico spricht dabei viel über Nächstenliebe, den Kampf von David gegen Goliath und zitiert Bibelverse. Das schafft Vertrauen auch bei konservativen Wählern, die normalerweise nicht unbedingt für einen Demokraten stimmen. Bisher fühlten sich die Republikaner als die politische Heimat gläubiger US-Bürger. Diese Logik bricht Talarico auf.

Zugleich hat Gina Hinojosa den republikanischen Gouverneur Greg Abbott besiegt. Sie wird die erste Latina an der Spitze des Bundesstaates. Hinojosa griff Abbott dort an, wo politische Entscheidungen im Alltag spürbar werden: bei Lebenshaltungskosten, öffentlichen Schulen und dem Boom von KI-Rechenzentren. Ihr Vorwurf: Die Regierung kümmere sich mehr um mächtige Unternehmen als um einfache Bürger.

Texas als Blaupause

Die Demokraten können aus Texas lernen, dass sie auch in Hochburgen der Republikaner gewinnen können, wenn sie die Alltagssorgen der Wähler ernst nehmen und die richtigen Kandidaten aufstellen. James Talarico hatte im Parlament von Texas schon den überparteilichen Schulterschluss mit den Republikanern gesucht und gemeinsam Gesetze eingebracht. Er gilt als ein glaubwürdiger Brückenbauer und Christ. Das war in Texas eine Formel zum Sieg.

Genauso entscheidend aber waren auch die Fehler der Republikaner. Viele Wähler haben deutlich gemacht: 2026 war in erster Linie eine Abstimmung gegen die Republikaner. Die Demokraten haben erst einmal nur eine Chance bekommen, keine Wahlgarantie. Auch Bauunternehmer und Wechselwähler Melendez sagt: "Die Demokraten müssen jetzt liefern. Meine Stimme gibt es bei der nächsten Wahl nicht geschenkt."

Source: Tagesschau · Sandra Ratzow

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