Der Lycurgus-Becher kann, was sonst unter anderem Chamäleons vorbehalten ist: Er wechselt seine Farbe. Scheint Licht von innen in das Glas, leuchtet es von außen betrachtet rubinrot. Bei normalen Lichtverhältnissen hingegen wirkt er jadegrün. Bereits vor rund 1600 Jahren gelang den alten Römern in der Antike das Meisterwerk, das Historiker und Glasmacher seit Hunderten Jahren fasziniert. Jetzt ist es Forschern der University of Sheffield dem »Guardian« zufolge gelungen, den Farbtrick präzise nachzuahmen.
Das Projekt sei eine Herzensangelegenheit gewesen, sagte Lisa Hollands, Technikerin an der Fakultät für Chemie-, Material- und Bioingenieurwesen der University of Sheffield dem »Guardian«. Andere hätten zuvor bereits versucht, den Effekt nachzubilden, allerdings nur mit mäßigem Erfolg. »Für mich ist es Magie«, sagte sie.
Gold- und Silberpartikel, tausendmal kleiner als ein Sandkorn
Um den Effekt zu kopieren, galt es bei der Herstellung Gold- und Silbernanopartikel unter den richtigen Bedingungen in das Glas einzubringen – jedes davon tausendmal kleiner als ein Sandkorn. Der Erfolg hing unter anderem vom Platz im Brennofen ab. Als Vorlage diente den Forschenden ein Fragment des römischen Originals. »Wenn die Römer mich beim Experimentieren hätten beobachten können, hätten sie wahrscheinlich gelacht und gefragt: ›Warum weiß sie nicht, wie man das macht?‹«, sagte Hollands.
Die Gold- und Silbernanopartikel sorgen dafür, dass nur rote und orangefarbene Anteile des Lichts das Glas durchdringen können, blaue und grüne Anteile blockieren sie. Aus diesem Grund wirkt das Glas von außen rot, wenn es von innen bestrahlt wird. Fällt hingegen Licht auf die Oberfläche des Glases, wird dieses reflektiert und durch die Partikel gestreut, wodurch eine grüne Farbe entsteht.
Das Projekt soll helfen, zu verstehen, wie den römischen Künstlern Werke wie dieses allein aufgrund ihrer handwerklichen Fähigkeiten gelingen konnten, ohne Mikroskope, Labore und Wissen um die physikalische Theorie.
Der luxuriöse Becher, der im 4. Jahrhundert nach Christus gefertigt wurde, zeigt eine Szene aus der griechischen Mythologie. Darin triumphiert der Weingott Dionysos über König Lycurgos, der von einer Weinrebe gefangen gehalten wird. Ian Freestone, emeritierter Professor für archäologische Materialien am University College London, hält den rot-grünen Farbverlauf des Glases laut »Guardian« nicht für einen Zufall: Einer Theorie zufolge könnte er die Reifung der Traube symbolisieren.
Vervollständigt wird das Glas, das im British Museum bewundert werden kann , von einem silbernen Fuß, verziert mit Weinblättern. Knapp 16 Zentimeter ist der Becher hoch, knapp 700 Gramm schwer. Und seit 2022 zählt er zu den sieben Glaswundern der Welt.
Source: Der Spiegel · DER SPIEGEL
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