Exklusiv
Stand: 02.11.2026 • 05:33 Uhr
Trotz aller Sanktionen importiert die EU russisches Ammoniak - aufgrund eines "EU-Sonderkontingents" legal. Nach SWR-Recherchen haben die beteiligten Firmen Verbindungen zu Putin-nahen Oligarchen und zur Sprengstoffindustrie.
Von Nick Schader, SWR
Am 5. Oktober erreicht das Tankschiff "Eco Sorcerer" wieder mal den Chemiehafen von Antwerpen. Filmaufnahmen des SWR zeigen, wie das Schiff in einem Hafenbereich andockt, den die BASF und die Firma EuroChem gemeinsam nutzen. Das Tankschiff ist voll beladen mit mehr als 20.000 Tonnen russischem Ammoniak.
Der Tanker "Eco Sorcerer" transportiert russisches Ammoniak nach Europa.
Zehn Tage zuvor wurde es im russischen Hafen von Ust Luga am dortigen Terminal der russischen Firma EuroChem vollgeladen. Das zeigen Satellitendaten, die SWR-Reporter über mehrere Wochen ausgewertet haben. Sie belegen auch, dass diese Ammoniak-Transporte unentwegt stattfinden.
Ammoniak als Einnahmequelle für Russland
Ammoniak wird weltweit als Rohstoff vor allem für die Düngemittel-Produktion gehandelt. Hergestellt wird es aus Erdgas. Für Russland ist das ein äußerst lukratives Geschäft. Während Erdgas immer weiter sanktioniert wird, hat Russland die Ammoniak-Produktion und die benötigten Hafenanlagen und Transportwege mit Milliarden-Investitionen ausgebaut.
Das Ganze folgt einem Plan, der in einem Strategiepapier des russischen Energieministeriums im Jahr 2014 ausgearbeitet wurde. Demnach soll die Ammoniak-Produktion bis 2030 massiv gesteigert werden.
Russland passt sich Sanktionen an
"Russland versucht systematisch, sich an Sanktionen anzupassen", erklärt Benjamin Hilgenstock, Sanktionsexperte an der Kyiv School of Economics (KSE). "In diesem Fall hat Russland die Möglichkeit, seine Energieressourcen indirekt zu exportieren und damit Einnahmen zu erzielen, selbst wenn der direkte Export zunehmend eingeschränkt wird."
Da diese Importe Russland erhebliche Einnahmen liefern, wollte das EU-Parlament diesen Handel im Jahr 2025 laut einem Antrag eigentlich stoppen. Doch russlandfreundliche Abgeordnete würden immer wieder "schmerzhafte Kompromisse" aushandeln, berichtet die luxemburgische EU-Abgeordnete Isabel Wiseler-Lima (Christdemokraten) dem SWR.
Am Ende wurde ein "Sonderkontingent" für russisches Ammoniak von stattlichen 700.000 Tonnen pro Jahr verabschiedet. "Das sind Kompromisse, über die die wenigsten zufrieden sind, jedenfalls keiner, der hinter der Ukraine steht. Ich stehe absolut hinter der Ukraine. Das kann nicht zufriedenstellend sein, absolut nicht. Wir müssen in eine Situation kommen, wo kein einziger Cent mehr nach Russland fließt."
Importe durch Putin-nahe Firma
Recherchen des SWR zeigen, dass die EU-Importe von einer Firma mit engen Verbindungen zum Kreml und zum russischen Militär durchgeführt werden: EuroChem. Der russische Konzern ist einer der weltweit größten Produzenten von Rohstoffen für die Düngemittel-Produktion und hat Tochterfirmen in Antwerpen und auch in Deutschland.
EuroChem-Gründer Melnichenko steht auf der EU-Sanktionsliste - seine Ftima nicht.
Der Gründer der Firma ist ein enger Vertrauter von Vladimir Putin, der Oligarch und Multimilliardär Andrey Melnichenko. Schon kurz nach dem russischen Angriff 2022 wurde er unter EU-Sanktionen gestellt. In der Begründung heißt es, Melnichenko sei einer der wichtigsten Oligarchen in Russland, unterstütze Putin, den Krieg gegen die Ukraine und liefere dem Land wichtige Einnahmen.
Während EuroChem-Gründer Melnichenko sanktioniert ist, ist es die Firma selbst nach wie vor nicht. Dafür hatte der Oligarch seine Firmenanteile im Wert von mehreren Milliarden Euro im Jahr 2022 kurzerhand an seine Ehefrau übertragen.
Totaler Rückzug fraglich
Doch in russischen Medien tritt er weiterhin als der Verantwortliche von EuroChem auf, unter anderem in Berichten über den Ausbau der Ammoniak-Produktion im Werk Kingisepp bei St. Petersburg. Dort wird der Rohstoff für den EU-Markt produziert.
Sanktionsexperte Hilgenstock von der KSE sieht hier Lücken in den Sanktionsregelungen: "Wenn ein Unternehmen eine Schlüsselrolle in der russischen Rüstungsproduktion spielt und gleichzeitig weiterhin legal Geschäfte mit der EU machen kann, dann gehen die Maßnahmen offenkundig nicht weit genug. Alle Unternehmen, die einen wesentlichen Beitrag zur russischen Kriegswirtschaft leisten, sollten sanktioniert und sämtliche Transaktionen mit ihnen verboten werden."
Die EU-Kommission ließ eine Anfrage des SWR zu EuroChem und EU-Sanktionen bis zum Redaktionsschluss unbeantwortet.
Melnichenko offenbar zeitweise in der Schweiz
Obwohl das gegen die aktuellen Sanktionsbestimmungen verstößt, hält sich Melnichenko nach SWR-Informationen offenbar weiterhin, zumindest zeitweise, in der Schweiz auf. Das geht aus einer gerichtlichen Zustellung hervor, die dem SWR vorliegt.
Demnach wurden Melnichenko Ende 2025 Gerichtsunterlagen persönlich in St. Moritz übergeben. Dort besitzt Melnichenko in allerbester Lage zwischen Skipisten und 5-Sterne-Hotels ein riesiges Luxus-Chalet.
Verbindungen zur russischen Sprengstoff-Produktion
Doch die weiteren Recherchen zu Melnichenkos Firma EuroChem liefern noch brisantere Ergebnisse. Das Unternehmen beliefert nicht nur die EU mit Ammoniak, sondern auch russische Militärfirmen mit Salpetersäure für die Sprengstoffproduktion.
Insider aus der Düngemittel-Produktion berichten dem SWR, dass die Herstellung von Ammoniak und Salpeter innerhalb der gleichen Produktionsstätten stattfinden. Aus den Finanzberichten von EuroChem geht hervor, dass die Firma russische Munitionsfirmen mit Salpetersäure für die Sprengstoffproduktion beliefert.
Geheimdienst sieht wichtige Rolle von EuroChem für Munitionsherstellung
Noch deutlicher wird ein Bericht des estnischen Geheimdienstes aus dem Frühjahr 2026. Demnach ist EuroChem nicht einfach irgendein russisches Unternehmen, sondern habe eine Schlüsselrolle in der Produktion von Rohstoffen für die russische Sprengstoffindustrie.
Wörtlich heißt es in dem Bericht über EuroChem: "Jede größere Störung der Produktion in diesen Werken - sei sie technischer oder wirtschaftlicher Natur - würde höchstwahrscheinlich zu schwerwiegenden Unterbrechungen in der gesamten russischen Lieferkette für die Munitionsherstellung führen."
Die russische Zentrale von EuroChem ließ einen Fragenkatalog des SWR unbeantwortet.
Forderungen nach Abkapselung
Dass die EU weiterhin Rohstoffe von solch einer Firma erlaubt, ist für die EU-Abgeordnete Isabel Wiseler-Lima inakzeptabel: "Das ist absolut nicht zu verteidigen. Wir wissen, dass Russland eine Kriegsökonomie ist […] und wir müssen uns wirklich so schnell wie möglich von der russischen Ökonomie abkapseln. In allen Bereichen."
Sanktionsexperte Benjamin Hilgenstock ergänzt: "Jeglicher Handel mit Russland, der nicht zwingend notwendig ist, sollte beendet werden - um Russlands Position zu schwächen, aber auch um wirtschaftliche Abhängigkeiten in Europa zu reduzieren."
Source: Tagesschau · Nick Schader, SWR
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