Rekord-Emissionen, steigende Temperaturen, dazu ein Super-El-Niño: Und ausgerechnet jetzt bremsen einige Länder den Weltklimarat IPCC aus – eine durchsichtige Taktik zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt.

23.10.2026, 10.44 Uhr

Überflutung auf den Philippinen (Symbolbild): Verzögerung zum denkbar schlechten Zeitpunkt Überflutung auf den Philippinen (Symbolbild): Verzögerung zum denkbar schlechten Zeitpunkt

Überflutung auf den Philippinen (Symbolbild): Verzögerung zum denkbar schlechten Zeitpunkt

Foto: Str/ dpa

Lesen Sie mehr über die neuesten Entwicklungen, Hintergründe und spannenden Lösungsansätze in unserem Themenspezial.

Der Weltklimarat IPCC mit Sitz in Genf gilt als das größte Klimagremium der Welt, in regelmäßigen Abständen präsentiert er eine Art Wasserstandsbericht der weltweiten Klimaforschung. Die Analyse ist umfassend, die Berichte füllen Tausende Seiten, Hunderte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Dutzenden Ländern wirken daran mit. Ihre Ergebnisse liefern die Basis für internationale Klimaverhandlungen.

Nun blockieren einige Länder den Zeitplan für den nächsten Bericht, auch über ein Budget gab es keine Einigung. Eigentlich sollten zentrale Teile des sogenannten siebten Sachstandsberichts, kurz AR7, im Jahr 2028 erscheinen – rechtzeitig zur Klimakonferenz im selben Jahr, der COP 33.

Eine Gruppe von Staaten, darunter Saudi-Arabien, China, Indien und Russland, drängt darauf, die Veröffentlichung um ein Jahr zu verschieben. Ihr Argument: Es müssten mehr Erkenntnisse und Daten aus Ländern des Globalen Südens einfließen, dafür brauche es Zeit.

Verzögerung mit Taktik

Die Debatte zog sich in einer Plenarsitzung am vergangenen Freitag in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, dermaßen in die Länge, dass es am Ende weder eine Einigung über den Zeitplan noch über das Budget gab. Insider sprechen von der bislang schwersten inneren Krise des Weltklimarats.

Überflutung in Nepal (Symbolbild): Ohne Verhandlungsgrundlage

Überflutung in Nepal (Symbolbild): Ohne Verhandlungsgrundlage

Foto: Athit Perawongmetha / REUTERS

»Wir wissen im Moment nicht, wie es im kommenden Jahr weitergehen wird«, sagt Carl-Friedrich Schleussner vom internationalen Institut für angewandte Systemanalyse im österreichischen Laxenburg dem SPIEGEL. Er arbeitet an dem aktuellen IPCC-Bericht mit. Unklar sei etwa, ob wichtige Forschungstreffen überhaupt stattfinden können. Gerade Kolleginnen und Kollegen aus Entwicklungsländern könnten sich die Teilnahme ohne eine Förderung durch den IPCC nicht leisten.

Heikler Zeitpunkt

Eine Verzögerung um ein Jahr, was macht das schon? Könnte man meinen. Doch ohne den neuen Sachstandsbericht fehlt der COP 33 quasi die Verhandlungsgrundlage. Bei dem Treffen steht eine globale Bestandsaufnahme an, die zeigen soll, wie weit die Welt beim Erreichen ihrer Klimaziele vorankommen ist – oder eben nicht. Es ist erst die zweite dieser Art überhaupt und soll die Grundlage bilden für die Klimapolitik der kommenden Jahrzehnte. Wie soll das gehen ohne aktuelle Daten?

Strengere Klimaschutzvereinbarungen erscheinen so unwahrscheinlich. Dabei drängt die Zeit.

Laut einem Uno-Bericht aus dieser Woche steuert die Erde bis zum Ende des Jahrhunderts auf eine Erwärmung um 2,8 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu. Das wäre weit über dem 2015 im Pariser Klimaabkommen formulierten 1,5-Grad-Ziel, mit dem die schlimmsten Folgen des Klimawandels noch verhindert werden sollen.

Kippt das 1,5-Grad-Ziel?

Untersuchungen sprechen dafür, dass diese Marke bereits zeitweise überschritten sein könnte. Noch lasse sich die Entwicklung laut der Uno zurückdrehen. Um bis zum Ende des Jahrhunderts wieder bei der 1,5-Grad-Marke oder darunter zu landen, müssten allerdings die Emissionen deutlich sinken: Um 18 Prozent bis 2030, um 45 Prozent bis 2035 und 69 Prozent bis zum Jahr 2040, verglichen mit dem Niveau von 2025. Tatsächlich waren die globalen Emissionen durch fossile Brennstoffe zuletzt so hoch wie nie, zeigen Messungen des Global Carbon Projects. 

Gleichzeitig hat sich im Pazifik ein El Niño zusammengebraut, der sämtliche bisherigen Maßstäbe sprengen könnte. Das wiederkehrende Klimaphänomen begünstigt in einigen Regionen der Welt Dürren, in anderen heftige Regenfälle. Fachleute rechnen mit einem Schock für die Weltwirtschaft. Zwar ist ein El Niño ein natürliches Phänomen. Laut Forschenden nimmt seine Intensität aber wahrscheinlich zu, weil die Weltmeere durch den Klimawandel aufgeheizt sind.

Angesichts solcher Entwicklungen ist es nicht überraschend, dass die mögliche Verzögerung des IPCC-Berichts für Unmut sorgt – gerade bei Ländern, die besonders stark vom Klimawandel betroffen sind. »Wir können nicht zulassen, dass politische Interessen darüber entscheiden, welche Wissenschaft die Welt zu hören bereit ist«, sagte Jess Gasper, Staatssekretär für Umwelt der Marshallinseln, laut dem britischen »Guardian« . Die Atolle im Pazifik liegen nur zwei Meter über dem Meeresspiegel und könnten in den kommenden fünfzig Jahren unbewohnbar werden.

Kwajalein Atoll: Binnen 50 Jahren unbewohnbar?

Kwajalein Atoll: Binnen 50 Jahren unbewohnbar?

Foto: U.S. Army/ AP

Gaspers Kritik lässt erahnen, dass hinter der Verzögerung nicht nur der Wunsch nach mehr wissenschaftlicher Forschung stecken dürfte. China ist der größte Emittent von Treibhausgasen der Welt, Saudi-Arabien der zweitgrößte Ölproduzent, Indien eine aufstrebende Wirtschaftsmacht, Russlands Wirtschaft ist gebeutelt vom Krieg gegen die Ukraine. Sie alle haben wohl wenig Interesse daran, dass ihre Klimabilanz in der Weltöffentlichkeit verhandelt wird. Ebenso wie die USA, die unter Präsident Donald Trump das Pariser Klimaabkommen gleich ganz aufgekündigt haben.

In einem offenen Brief  versichern mehr als 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die an dem aktuellen IPPC-Bericht arbeiten, ihre Datengrundlage sei im Vergleich zum vorherigen Bericht noch umfassender geworden und berücksichtige jeden Kontinent, jede Disziplin und Perspektive. Sie drängen darauf, den Zeitplan einzuhalten. Die Klimakonferenz im Jahr 2028 könne ihren Zweck ohne die neueste Bewertung des IPCC praktisch nicht erfüllen. »Wir werden weiterarbeiten«, schreiben die Wissenschaftler. »Wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Der IPCC reagierte auf eine Anfrage nicht.

Der SPIEGEL berichtet für Sie über die Klimakrise. Alle Beiträge finden Sie immer laufend aktualisiert hier.

Wenn Sie mögen, informieren wir Sie einmal in der Woche über das Wichtigste zur Klimakrise – Storys, Forschungsergebnisse und die neuesten Entwicklungen zum größten Thema unserer Zeit. Zum Newsletter-Abo kommen Sie hier.

Lesen Sie mehr über die neuesten Entwicklungen, Hintergründe und spannenden Lösungsansätze in unserem Themenspezial.

Source: Der Spiegel · Julia Köppe

At a glance

Topic
World
Country
🇩🇪 DE
Publisher language
DE
Added to Allnira