In der europäischen Tech-Branche ist ein Richtungsstreit entbrannt, ob Europa den Anschluss im weltweiten Rennen um die fortschrittlichsten KI -Modelle noch suchen oder sich auf die Nutzung von Anwendungen konzentrieren soll. Führende Politiker wie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vertreten zunehmend die Auffassung, der alte Kontinent müsse nicht zwingend an der technologischen Front mitmischen, um wirtschaftlich vom KI-Boom zu profitieren. Stattdessen soll der Fokus darauf liegen, den Wert der Technologie durch clevere Applikationen abzuschöpfen. Doch diese Perspektive ruft prominente europäische Tech-Unternehmer auf den Plan, die vor den langfristigen Folgen einer solchen „Kapitulation“ warnen.
Anführer des Protests sind laut Politico Schwergewichte wie der Chef des französischen KI-Giganten Mistral, Arthur Mensch, und Jarek Kutylowski, CEO des deutschen KI-Übersetzers DeepL. Mensch warnt in seinem viel beachteten LinkedIn-Beitrag „Build or surrender“, dass ein Verzicht auf eigene Frontier-Modelle Europa die restliche Bedeutung auf der KI-Weltbühne kosten werde. Kutylowski betonte gegenüber Politico, Europa müsse die gesamte Wertschöpfungskette der Künstlichen Intelligenz beherrschen. Sonst laufe der Kontinent Gefahr, die Wertschöpfung ganz anderen Regionen zu überlassen.
Angst vor Handelsdefizit
Beide Firmenchefs verweisen auf die akute Gefahr einer neuen technologischen Abhängigkeit sowie ein potenzielles Handelsdefizit zulasten der EU. Wenn Europa sich darauf beschränke, nur Anwendungen auf Basis fremder Modelle zu betreiben, drohe dem Kontinent die Rolle des Nachzüglers, der mit minderwertigen Restbeständen und massiven Problemen in der Handelsbilanz dastehe. Kutylowski führt als Beispiel die Softwareentwicklung an, bei der ein beachtlicher Teil der Unternehmensausgaben mittlerweile direkt in KI-Modelle statt in Ingenieursgehälter fließe. Fehlten eigene europäische Modelle, wandere dieser wirtschaftliche Wert in die USA ab.
Max Junestrand, CEO des schwedischen Legal-Tech-Unternehmens Legora, hatte die Debatte mit der Einschätzung angeheizt, dass der Aufbau eines konkurrenzfähigen Frontier-Labors aktuell wie Wunschdenken wirke. Europa und seine Wirtschaft sollten ihre begrenzten Ressourcen darauf verwenden, die vorhandene Technologie gewinnbringend zu kapitalisieren, statt einem uneinholbaren Vorsprung hinterherzulaufen.
Europa hinkt den USA und China bei der Entwicklung hochkomplexer KI-Modelle bisher deutlich hinterher. Ein Grund dafür ist die enorme Rechenleistung, die für das Training und den Betrieb solcher Systeme erforderlich ist und gewaltige finanzielle Mittel verschlingt. Die Kommission gab im Sommer trotzdem den Startschuss für den Aufbau von sieben KI-Gigafabriken mit einem Volumen von rund 30 Milliarden Euro. Ein europäisches Konsortium unter Führung der italienischen Firma Domyn arbeitet ferner an einem eigenen Frontier-Modell, das künftig in allen Amtssprachen für die EU verfügbar sein soll.
(nen)
Source: Heise · Stefan Krempl
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