Gesetzlich Versicherte Kassenärzte warnen vor längeren Termin-Wartezeiten
Stand: 20.10.2026 • 19:41 Uhr
Ab 2027 wird in Arztpraxen ein festes Kontingent an Terminen festgelegt. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung befürchtet noch längere Wartezeiten auf Termine - die Krankenkassen sehen darin Angstmacherei.
Die Kassenärzte in Deutschland erwarten, dass gesetzlich Versicherte ab kommendem Jahr deutlich länger auf einen Arzttermin als bisher warten müssen. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, verwies dazu in der Bild auf die Kürzung von Mitteln für die ambulante Versorgung. Dadurch seien "mehr als 50 Millionen Termine" gestrichen worden. Die Terminnot werde sich daher weiter verschärfen, sagte Gassen.
Das Sparprogramm der Bundesregierung für die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) sieht umfangreiche Sparmaßnahmen vor. Nach Angaben der KBV ist der ambulante Bereich besonders stark betroffen. Die geplanten Kürzungen belaufen sich in diesem Bereich demnach allein für das kommende Jahr auf rund 2,7 Milliarden Euro. Ein Großteil der Einsparungen soll durch die Deckelung der Ausgaben erzielt werden.
Kritik an erweiterter "Terminmeldepflicht"
Die KBV hatte diese erweiterte "Terminmeldepflicht" im Zuge der kürzlich beschlossenen Reform der Notfallversorgung bereits kritisiert. Bisher waren Vertragsärzte verpflichtet, der Terminservicestelle freie Termine zu melden. Sie konnten den Umfang demnach selbst bestimmen. Künftig soll es feste Kontingente für Termine geben, die sie melden müssen.
Das werde nicht dazu führen, dass Patienten schneller an Termine kommen, sagte Gassen. "Im Gegenteil: Wird ein festes Kontingent zu meldender Termine festgelegt und diese damit in den Praxen blockiert, stehen diese nicht mehr für die Patienten in diesen Praxen zur Verfügung", sagte der Kassenärzte-Chef. Die KBV habe genau darauf immer wieder hingewiesen, betonte Gassen. Es sei mehr Geld für die ambulante Versorgung nötig - nur so könnten weitere Termine geschaffen werden.
Ersatzkassen: KBV malt "Schreckgespenst"
Der Verband der Ersatzkassen (vdek) kritisierte, mit seinen Äußerungen schüre der KBV-Chef "bewusst Ängste bei Millionen gesetzlich Versicherten". Die KBV male "ein Schreckgespenst von Leistungskürzungen und endlosen Warteschlangen an die Wand" und trage "eine politische Diskussion auf dem Rücken der Patientinnen und Patienten aus", erklärte die vdek-Vorsitzende Ulrike Elsner.
Als besonders abwegig sei die Behauptung, dass Millionen Termine künftig wegfallen. Dass Praxen künftig zudem verbindlich freie Termine an die Terminservicestellen (116117) melden müssen, nehme "keine Kapazitäten aus dem System, sondern sorgt endlich für eine verlässliche Vermittlung nach medizinischer Dringlichkeit", sagte Elsner. Es falle "kein einziger Termin weg, nur weil für eine Selbstverständlichkeit kein Extra-Zuschlag mehr gezahlt wird".
Das steckt hinter dem Streit
Mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG/2019) ist Ärztinnen und Ärzten Zusatz-Vergütungen in bestimmten Fällen einer Terminvergabe gewährt worden. Trotz entsprechender Milliarden-Mehrausgaben konnte laut Bundesrechnungshof nicht erreicht werden, die Wartezeiten zu reduzieren. Das Kassen-Sparpaket der Regierung, das im Juli in Kraft getretene GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, schafft diese Vergütungsregelungen nun zum Teil wieder ab. Für die Praxen bedeutet der Wegfall der sogenannten TSVG-Vergütung laut der KBV einen Honorarverlust von rund 1,64 Milliarden Euro pro Jahr.
GKV: "Niemand hat Arzttermine gestrichen"
Auch der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) entgegnete, einige versuchten, "Honorarforderungen auf dem Rücken der Patientinnen und Patienten durchzusetzen". Sprecher Florian Lanz sagte: "Niemand hat irgendwelche Arzttermine gestrichen, vielmehr wurde der Honorar-Bonus für die schnellere Terminvergabe zurückgenommen, weil es keine schnelleren Arzttermine gab."
Kritik kam auch vom Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch: "Die Kassenärzte-Lobby will mit einer Pseudo-Verknappung die ambulante Versorgung der fast 75 Millionen gesetzlich Krankenversicherten torpedieren". Dabei würden die gesetzlich Versicherten durch die Regierungsvorhaben bereits am meisten geschröpft, sagte Brysch im Blick auf steigende Medikamenten-Zuzahlungen, sinkende Festzuschüsse beim Zahnersatz und eine eingeschränkte beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern.
Source: Tagesschau · tagesschau.de
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