Frank-Walter Steinmeier und Rabbi Achivai Apel

Stand: 02.11.2026 • 18:50 Uhr

Mit der Jüdischen Akademie eröffnet der Zentralrat der Juden in Frankfurt erstmals nach der Shoah eine überregionale Bildungseinrichtung. Bundespräsident Steinmeier nutzte seine Rede für einen Appell, den Kampf gegen Antisemitismus zu verstärken.

Es ist ein Symbol, das an keinem jüdischen Haus fehlen darf. Für gewöhnlich ist die Mesusa, eine kleine Kapsel, die ein Pergament mit den ersten beiden Abschnitten des jüdischen Glaubensbekenntnisses enthält, um die zehn Zentimeter lang. Doch an diesem Montagmorgen darf es an der Frankfurter Senckenberg-Anlage etwas größer sein.

Die Mesusa, die der Frankfurter Gemeinderabbiner Avichai Appel am Türrahmen der Jüdischen Akademie anbringt, ist länger als sein Unterarm. Neben dem Geistlichen steht einer der Ehrengäste an diesem Tag: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Noch ein Hinweis darauf, dass hier etwas Außergewöhnliches stattfindet.

Vergangenheit und Gegenwart bespielen

Denn zum ersten Mal nach der Shoah eröffnet der Zentralrat der Juden in Deutschland mit der Jüdischen Akademie eine überregionale Bildungseinrichtung. Rund 40 Millionen Euro hat das Projekt gekostet. Die neue Akademie besteht aus einer älteren Villa, die instandgesetzt und mit einem modernen Neubau verschränkt wurde.

Ein Ensemble mit Symbolkraft findet Co-Direktorin Sabena Donath: "Wenn Sie das Haus betreten, stehen Sie zwischen einem alten Gebäude und einem Neubau. Genauso verstehen wir unsere Arbeit." Die Akademie wolle an "religionsphilosophische, historische Themen" anknüpfen, zugleich aber die jüdische Gegenwart "bespielen", betont Donath. Damit fülle die Akademie auch eine Lücke in der deutschen Bildungslandschaft.

Josef Schuster (l-r), Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Elke Büdenbender, Ehefrau des deutschen Bundespräsidenten, Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident, der hessische Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) und der Frankfurter Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) durchschneiden das Band zur Eröffnung der Jüdischen Akademie.

Aufklärung gegen Hass

In erster Linie solle die neue Akademie ein Ort der Debatte und Begegnung sein. Ein Haus, das allen offenstehe, die "klüger herauskommen wollen, als sie hineingegangen sind", erklärte Bundespräsident Steinmeier. Die Akademie sei "ein Haus für Jüdinnen und Juden und für Nichtjuden, die verstehen wollen. Hier wird gelernt und gestritten werden, nachgedacht und zugehört." Nicht zuletzt sei sie eine Bereicherung für das "geistige Leben" in Frankfurt und ganz Deutschland.

Zentralratspräsident Josef Schuster erinnerte derweil daran, dass aus seiner Sicht jüdisches Leben in Deutschland so bedroht sei wie seit der Shoah nicht mehr. Die Akademie bietet nach seiner Auffassung das Potenzial, dem Hass mit Offenheit und Aufklärung entgegenzutreten.

"Denn bislang erstrecken sich viele Gespräche über leider die negativen Themen wie Judenfeindlichkeit, Antisemitismus. Hier denke ich, kann, soll und wollen wir auch zeigen, dass Judentum auch ganz andere Seiten hat. Nicht nur die Opferseite, sondern jüdische Tradition, jüdisches Leben", so Schuster.

Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) verwies auf die zentrale Rolle, die das jüdische Bürgertum für die Entwicklung der Stadt gespielt hat, und sieht darin einen Auftrag für die Gegenwart: Diese Tradition werde die Akademie fortsetzen, "indem sie die Menschen abholen, zusammenführen und das Zusammenleben stärken wird. Vor allem findet hier Dialog zwischen Jüdinnen und Juden statt, aber auch zwischen Jüdinnen und Juden und Nicht-Jüdinnen und Juden", so Josef.

Kritik an Berliner Koalitionsgesprächen

Steinmeier nutzte seine Rede für einen Appell an die Politik, den Kampf gegen Antisemitismus zu verstärken. Judenhass müsse ohne Hintertür und Vorbehalt in die Schranken gewiesen werden. "Wo über Koalitionen verhandelt wird und Regierungen gebildet werden, muss das Bedingung sein."

"Antisemitismus darf nirgendwo in Deutschland Einfluss auf die Regierungsarbeit bekommen", erklärte der Bundespräsident in Anspielung auf die aktuellen Koalitionsverhandlungen in Berlin.

Noch deutlicher wurde Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU). In Berlin werde eine Partei nicht trotz, sondern wegen ihres Antisemitismus gewählt. Mit solchen Leuten koaliere man nicht, sagte Rhein.

Source: Tagesschau · tagesschau.de

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