Nach Prognosen in Israel Eine Wahl ohne klaren Gewinner
Stand: 28.10.2026 • 06:47 Uhr
Es war eine lange, nervenaufreibende Nacht in den Wahlkampfzentralen in Tel Aviv und Jerusalem. Doch Klarheit hat dieser Morgen nicht gebracht. Im Gegenteil: Israel droht nach der Wahl eine monatelange politische Blockade.
Nach den vorliegenden Teilergebnissen der Auszählung zeichnet sich ein klassisches Patt ab. Weder das nationalkonservative Lager noch das breite Bündnis der Regierungsgegner kann eine Mehrheit von 61 der 120 Sitze in der Knesset für sich verbuchen.
Premierminister Benjamin Netanjahu gab sich vor seinen Anhängern auf der Wahlparty seiner Likud-Partei dennoch kämpferisch. "Dies ist erst der Anfang. Wir warten noch auf die endgültigen Ergebnisse, die wir im Laufe der nächsten ein bis zwei Tage erhalten werden", sagte er. "Was den Likud betrifft, so ist deutlich geworden. Und das ist unmissverständlich: Der Likud ist die stärkste Partei in Israel."
Tatsächlich wird Netanjahus Likud nach den vorliegenden Teilergebnissen stärkste Einzelkraft - noch vor der neuen Mitte-Partei Yaschar von Gadi Eisenkot. Deutliche Gewinne verbuchen dagegen die arabischen Parteien. Ihnen könnte nun die Rolle des Züngleins an der Waage zukommen.
Keine Koalition Netanjahus mit arabischen Parteien
Doch einer Koalition mit ihnen erteilte Netanjahu noch in der Wahlnacht eine klare Absage: "Wir müssen eine rechte, nationale und starke Regierung bilden. Das ist es, was getan werden muss. Wir dürfen auf keinen Fall Israel gefährden, indem wir eine Regierung bilden, die von antizionistischen arabischen Parteien gestützt wird."
Ob Netanjahus Block die nötigen Sitze für eine solche Rechts-Regierung überhaupt zusammenbekommt, ist völlig offen. Denn auf der anderen Seite des politischen Spektrums herrscht ebenfalls Siegesstimmung. Die Opposition sieht das Wahlergebnis als klaren Auftrag, die Ära Netanjahu endgültig zu beenden.
"Wir haben Geschichte geschrieben"
Einer der Architekten dieses Gegenbündnisses ist Gadi Eisenkot. Für den ehemaligen Generalstabschef ist der Wahlausgang bereits jetzt ein historischer Wendepunkt: "Wir haben Geschichte geschrieben! Ich stehe bewegt vor Ihnen. Heute Morgen ist das israelische Volk an die Urnen gegangen, um über die Führung zu entscheiden, die Israel in den kommenden Jahren leiten wird. Heute Abend haben wir eine Antwort erhalten", sagte Eisenkot. "Die Menschen haben sich für einen Wandel entschieden."
Ein Wandel, der auf dem Papier zwar gefeiert wird, das Land aber vor ein riesiges mathematisches Problem stellt. Keiner der beiden Blöcke hat derzeit eine realistische Chance, ohne die arabischen Parteien die magische Mehrheit von 61 Sitzen in der Knesset zu erreichen. Was Israel nun droht, ist das genaue Gegenteil von Stabilität: ein erbitterter politischer Postenpoker, bei dem in den nächsten Wochen um jede einzelne Stimme gefeilscht wird.
Source: Tagesschau · Julio Segador
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇩🇪 DE
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira