Die Münchner Firma Hypersonica will binnen kürzester Zeit Hyperschallraketen für die europäische Abschreckung bauen. Amerikanische Investoren und ein deutscher Minister glauben offenbar, dass es klappen kann.

02.11.2026, 06.16 Uhr

Testflug des Raketenprototyps HS-1 von Hypersonica in Norwegen Testflug des Raketenprototyps HS-1 von Hypersonica in Norwegen

Testflug des Raketenprototyps HS-1 von Hypersonica in Norwegen

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Hypersonica / dpa

In der noch kleinen Firmenzentrale des Start-ups Hypersonica im Münchner Vorort Feldkirchen hängt das Lieblingsfoto von Philipp Kerth. Es zeigt, wie im Dämmerlicht der Prototyp einer Hyperschallrakete in den norwegischen Himmel steigt, die HS-1 von Hypersonica. Geht es nach dem Co-Gründer und -Chef, soll diese Waffe schon in drei Jahren einen wesentlichen Beitrag zur europäischen Abschreckung gegen mögliche Angriffe aus Russland leisten.

Ein extrem ambitioniertes Ziel für eine nur drei Jahre alte Firma: Bis 2029 will das Start-up aus dem Prototyp eine einsatzbereite Hyperschallwaffe machen und sie in Serie produzieren können. Investoren scheinen jedoch daran zu glauben, dass Hypersonica es schaffen kann.

An diesem Montag verkündet das deutsch-britische Start-up, dass Geldgeber ihm in einer sogenannten Series-B-Finanzierungsrunde 100 Millionen Euro zur Verfügung gestellt haben. Damit rückt die Firma unter die am höchsten bewerteten deutschen Rüstungs-Start-ups auf.

Angeführt wurde die neue Runde von den amerikanischen Risikokapitalgebern Lightspeed Ventures und General Catalyst, auch bestehende Investoren wie die europäische Risikokapitalfirma Plural mit Sitz in London steckten erneut Geld in das Unternehmen.

Hyperschallwaffen gelten für die europäische Verteidigung als Schlüsseltechnologie, bislang verfügt der Kontinent nicht über derartige Fähigkeiten. Großbritannien und Deutschland hatten vor zwei Jahren ein Abkommen unterzeichnet, um verteidigungspolitisch wieder näher zusammenzurücken. Teil der Vereinbarung ist ein Programm, das beide Länder in die Lage versetzen soll, Tausende Kilometer weit entfernte Ziele hinter möglichen feindlichen Linien präzise zu treffen. Allein Großbritannien will in den kommenden vier Jahren 900 Millionen Euro in das Programm stecken.

Auf die Entwicklung solcher Deep Precision Strike-Waffen (DPS) zielt auch eine im Juli angekündigte, multinationale Initiative unter Führung der Nato ab, die Investitionen von rund 43 Milliarden Euro über die kommenden zehn Jahre vorsieht.

Für Hypersonica ist die 100-Millionen-Euro-Runde in mehrerlei Hinsicht ein großer Sprung. Bislang hatte das Start-up lediglich gut 25 Millionen Euro eingesammelt. Die Finanzierung gebe »den Stempel drauf«, dass Hypersonica mit der Entwicklung im Zeitplan liege, sagte Kerth.

Um zu verstehen, wie ehrgeizig dieser Plan ist, muss man einen Blick auf die Technik werfen, um die es geht. Dass Raketen mit Hyperschallgeschwindigkeit fliegen, also mindestens fünfmal schneller als der Schall (mehr als 6000 km/h), ist nichts Ungewöhnliches; schon ältere ballistische Raketen schaffen das. Allerdings sind herkömmliche Raketen mit einem gewöhnlichen Gefechtskopf ausgestattet, die Raketen fliegen in einem hohen Bogen und sind relativ leicht abzufangen.

Modelle chinesischer Hyperschallraketen: Angriffen ausweichen und neue Ziele ansteuern

Modelle chinesischer Hyperschallraketen: Angriffen ausweichen und neue Ziele ansteuern

Foto: CFOTO / Future Publishing / Getty Images

Dagegen bestehen Hyperschallwaffen wie der chinesische DF-17 und der US-amerikanische »Dark Eagle« aus einem Raketenantrieb (Booster) und einem speziellen Gefechtskopf, letzterer wird auch Hyperschallgleiter (HGV) genannt. Der Gleiter wird abgekoppelt, wenn der Booster verbraucht ist, und fliegt dann ohne eigenen Antrieb weiter. Dabei soll er manövrierfähig bleiben, Angriffen ausweichen und neue Ziele ansteuern können. Dadurch soll er von der gegnerischen Luftverteidigung nur schwer abzufangen sein.

Der US-Konzern Lockheed Martin tut sich mit der Entwicklung des »Dark Eagle« seit acht Jahren schwer und hat bis heute kein einsatzbereites Produkt. Hypersonica glaubt, mit anderen Entwicklungs- und Fertigungsmethoden nicht nur deutlich schneller, sondern im Vergleich zu herkömmlichen Verfahren auch um 80 Prozent günstiger sein zu können.

Co-Gründer Kerth sagt, sein Unternehmen verwende, so weit möglich, vorhandene Technologien und Materialien, und konzentriere sich auf die Entwicklung kritischer Komponenten wie der Steuerung und der Integration des Gesamtsystems.

Beim ersten Testflug im Februar erreichte die HS-1 zwar sechsfache Schallgeschwindigkeit, schaffte aber lediglich 300 Kilometer. In Zukunft sollen europäische Hyperschallraketen nach den Vorstellungen der Nato rund 2000 Kilometer weit fliegen. Der erste Hypersonica-Prototyp nicht steuerbar, diese entscheidende Fähigkeit fehlte noch.

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»Wir streben im Jahr 2027 die nächsten Testflüge an und wollen dann vor allem bei der Lenkung und Manövrierfähigkeit einen Schritt nach vorn machen«, sagt Kerth. Danach werde man schrittweise die weiteren Fähigkeiten entwickeln, dabei soll das Geld aus der Finanzierungsrunde helfen.

Außerdem kündigte Kerth an, einen eigenen Feststoffraketenantrieb entwickeln zu wollen. Große Raketenbooster seien »ein kritischer Engpass in der gesamten Nato«, sagte Kerth. Hypersonica arbeite auch an einer Sicherung der Lieferkette für Ausgangsstoffe.

Den ersten Test hatte Hypersonica noch mit einem vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und dem Rüstungsspezialisten Bayern-Chemie entwickelten Antrieb absolviert. Das DLR hat aber nach SPIEGEL-Informationen die Zusammenarbeit mit Hypersonica beendet. Das Unternehmen äußert sich dazu nicht.

Bayern-Chemie ist eine Tochter des europäischen Rüstungskonzerns MBDA, der ebenfalls an der Entwicklung von Hyperschallwaffen arbeitet. Ansonsten ist die Konkurrenz in dem Bereich der Hyperschallwaffen überschaubar. Das Münchner Rüstungsunternehmen Helsing hat gerade angekündigt, Überschallraketen für die Flugabwehr bauen zu wollen. Diese sind aber nur etwa halb so schnell wie Hyperschallraketen.

Plakat des Rüstungsunternehmens Helsing: Überschallraketen für die Flugabwehr

Plakat des Rüstungsunternehmens Helsing: Überschallraketen für die Flugabwehr

Foto: Sven Hoppe / dpa

Noch ehe die Rakete fertig entwickelt ist, will Hypersonica die Grundlage schaffen, die Waffen in hohen Stückzahlen produzieren zu können. Außerdem will das Start-up sich weiter internationalisieren, bislang hat es neben dem Hauptsitz in München eine Tochtergesellschaft in Großbritannien.

Kerth und sein Mitgründer Marc Ewenz haben in Oxford studiert und dort zu Hyperschalltechnologien geforscht. Großbritannien gilt neben Deutschland als möglicher erster Kunde für Hypersonica.

Zum Stand der Verhandlungen mit beiden Staaten äußert Kerth sich nicht. Am vergangenen Donnerstag erhielt das Start-up aber Besuch aus Berlin. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) verschaffte sich am Hypersonica-Sitz in Feldkirchen einen Überblick über den Stand des Projektes, Kerth sprach von »konstruktiven Gesprächen«.

Bedenken, dass Hypersonica angesichts der hohen Beteiligung amerikanischer Investoren unter außereuropäische Kontrolle fallen könnte, tritt Kerth entgegen. Die Mehrheit liege bei europäischen Eigentümern. Zudem lägen das Know-how und die Patente in Deutschland, man werde keine Komponenten verwenden, die den strengen amerikanischen Exportkontrollvorschriften der International Traffic in Arms Regulations (ITAR) unterliegen.

Source: Der Spiegel · Martin Hesse, Marc Hasse

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