Ein Demonstrant schwenkt eine französische Flagge während einer Demonstration in Paris.

Schüler, Gelbwesten und Gewerkschaften Unzufriedenheit treibt erneut Hunderttausende auf die Straßen

Stand: 05.11.2026 • 19:57 Uhr

Der Ruf nach höheren Löhnen, Steuergerechtigkeit und mehr Geld für Bildung hat in Frankreich erneut Hunderttausende auf die Straßen getrieben. Der Aktionstag verlief weitgehend friedlich, vereinzelt kam es zu Ausschreitungen.

In Frankreich sind nach Angaben des Innenministeriums erneut Hunderttausende Menschen landesweit auf die Straßen gegangen, um bessere Bedingungen an Schulen und Universitäten und höhere Gehälter zu fordern. Die Gewerkschaft CGT sprach von fast 1,6 Millionen Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei mehr als 200 Demonstrationen. Zudem gab es einen Streik im öffentlichen Dienst. Etwa zehn Prozent der Beschäftigten dort legten die Arbeit nieder.

Während die Kundgebungen überwiegend friedlich verliefen, kam es in Paris und Lyon zu Ausschreitungen. In der Hauptstadt schlug die zunächst friedliche Stimmung um, als einige Demonstranten mit der Polizei aneinandergerieten, die daraufhin Tränengas einsetzte. In La Courneuve nördlich von Paris wurde ein Jugendlicher nahe einer blockierten Schule durch Messerstiche verletzt. In Lyon gingen die Einsatzkräfte ebenfalls mit Tränengas gegen eine Gruppe von teils Vermummten vor. In der Nähe von Toulouse steckten Unbekannte nach Angaben des Innenministeriums mit Feuerwerkskörpern eine Schule in Brand.

Zehntausende Polizisten im Einsatz

In Paris blieb der Eiffelturm wegen des Streiks geschlossen. Zahlreiche Regionalzüge fielen aus. In mehreren Fällen hatten die Behörden Kundgebungen in den Innenstädten verboten, um Plünderungen von Geschäften zu verhindern. Nach Angaben von Innenminister Laurent Nuñez waren landesweit 70.000 Polizisten im Einsatz, unterstützt von Panzerfahrzeugen, Drohnen und Hubschraubern.

An den vergangenen Wochenenden waren bei Ausschreitungen am Rande der Proteste rund 3.000 Geschäfte beschädigt und geplündert worden.

"Wir brauchen konkrete Antworten"

Der Aktionstag war ein weiterer Teil der Protestwelle, die seit fast zwei Monaten durchs Land rollt. Mehrere Gewerkschaften hatten schon Anfang Oktober dazu aufgerufen. Schüler- und Studierendenverbände sowie die Gelbwesten-Bewegung unterstützten den Aufruf und sorgten damit für höhere Teilnehmerzahlen. Diejenigen, die friedlich protestieren, sprechen von einer "convergence des colères", einer "Vereinigung der Wut".

Marylise Léon, die Chefin der Gewerkschaft CFDT, sagte: "Wir wollen eine klare Botschaft an die Regierung senden, dass wir konkrete Lösungen brauchen, die auf die Schwierigkeiten der Arbeitnehmer eingehen, am Ende des Monats über die Runden zu kommen. Die Kaufkraft ist seit Monaten ein Thema. Wir brauchen konkrete Antworten!"

Blockaden vor Schulen im ganzen Land

Am Morgen hatten Schülerinnen und Schüler erneut Blockaden aus Mülltonnen und Absperrgittern vor zahlreichen Schulen errichtet. Nach Gewerkschaftsangaben waren landesweit knapp 1.000 der insgesamt 3.700 Oberschulen von Blockaden betroffen. Die Regierung meldete 81 blockierte Schulen und 16 Prozent Streikbeteiligung bei den Lehrkräften. Auch jede dritte Hochschule war von Protestaktionen betroffen.

"Ich bin Lehrerin und hier, um unseren öffentlichen Dienst zu verteidigen. Um den Jugendlichen zu sagen, dass sie ein Recht auf Bildung und eine Zukunft haben", sagte eine Demonstrationsteilnehmerin in Paris. "Wir sind hier als Eltern, aber auch als Bürger. Uns blutet das Herz beim Gedanken an unsere Republik."

Frankreichs Oberstufenschüler protestieren seit Mitte September gegen Lehrermangel, zu lange Schultage, Schulgebäude in marodem Zustand und die undurchsichtige Vergabe von Studienplätzen. Die Regierung versprach ein neues Bewerbungsverfahren und mehr Lehrerstellen, was die Schülerverbände jedoch als unzureichend bezeichneten.

Regierung plant "Sozialkonferenz"

Die Proteste gelten als erneute Herausforderung für Präsident Emmanuel Macron und die Regierung. Sie finden rund fünf Monate vor der Präsidentschaftswahl statt, bei der Macron nach seiner zweiten Amtszeit nicht wieder antreten darf.

Premierminister Sébastien Lecornu kündigte für Montag eine "Sozialkonferenz" an, um auf die Forderungen der Demonstranten einzugehen.

Mit Informationen von Carolin Dylla, ARD Paris

Source: Tagesschau · tagesschau.de

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