Nachruf
Tod des bayerischen Politikers Hubert Aiwanger - das Gesicht der Freien Wähler
Stand: 05.11.2026 • 09:03 Uhr
Bierzelt, Bauernhof, klare Kante: Hubert Aiwanger stand wie kein anderer für die Freien Wähler. Er führte die Partei in die Staatsregierung und blieb bis zuletzt ihr prägendster Kopf. Ein Nachruf von Regina Kirschner.
Von Regina Kirschner
Er war das Gesicht seiner Partei. Mit ihm an der Spitze haben es die Freien Wähler in Bayern erstmals auf die Regierungsbank geschafft, auf der sie bis heute neben der CSU Platz nehmen. Gewohnt selbstbewusst machte Hubert Aiwanger kurz nach der Wahl 2018 klar: Seine Partei werde sich vom großen Koalitionspartner nicht bevormunden lassen. Sollte sich herausstellen, dass die CSU "mit uns Schlitten fahren will", seien die Freien Wähler die Ersten, die vom Schlitten abstiegen und die CSU "alleine an die Wand fahren" ließen.
Klare Worte – dafür war der Niederbayer bekannt. Hubert Aiwanger wurde im Januar 1971 in Ergoldsbach geboren, wuchs in Rahstorf im Landkreis Landshut auf einem landwirtschaftlichen Betrieb auf und studierte Agrarwissenschaften.
Vom politischen Niemand zum Parteichef
2006 startete Aiwanger politisch durch. Die Freien Wähler suchten einen neuen Vorstand. Aiwanger – damals noch ein politischer Niemand – trat bei der Landesversammlung vor Landräte und Bürgermeister auf die Bühne und habe "frei Schnauze drauf losgeredet, was mir das Herz so in den Mund gelegt hat", erinnerte er sich später. Er wurde zum Landeschef gewählt.
2008 gelang den Freien Wählern erstmals der Einzug in den Bayerischen Landtag, Aiwanger wurde Fraktionschef. 2010 übernahm er auch den Bundesvorsitz. Aus der stark kommunal verwurzelten Bewegung machte er eine Partei – gegen innere Widerstände. Denn manch einer befürchtete, die einstige Graswurzelbewegung könnte dadurch die Nähe zu den Menschen vor Ort verlieren.
Aiwanger zeigte sich aber auch als Wirtschaftsminister und Vize-Ministerpräsident weiterhin betont bodenständig. Er mochte Bierzeltauftritte, tauchte dort in die Menge ein, schüttelte Hände und ließ sich feiern. Die Ärmel hochgekrempelt, immer frei heraus, ohne Manuskript: Das wurde zu seinem Markenzeichen.
Klare Worte machen Aiwanger bundesweit bekannt
Für seine Kritiker galt Aiwanger als zu derb und als jemand, der mit seinen Äußerungen immer wieder übers Ziel hinausschoss. Gleichzeitig verschaffte ihm dieser Stil bundesweite Bekanntheit.
Vor allem für die Landbevölkerung machte sich Aiwanger stark. Menschen aus den Städten seien auf dem Land willkommen, erklärte er einmal – solange sie nicht versuchten, dort "das ganze Dorf zu dressieren" und den Nachbarn zu erklären, wie sie zu leben haben.
Flugblatt-Affäre wurde zur schwersten Krise
Selbst die schwerste Krise seiner Karriere überstand Aiwanger politisch. Im Sommer 2023 wurde bekannt, dass während seiner Schulzeit ein antisemitisches Flugblatt in seiner Schultasche gefunden worden war. Aiwanger bestritt, es selbst verfasst zu haben.
Bei einem Bierzeltauftritt mitten in der Affäre räumte er ein: "Auch ich habe in meiner Jugend Scheiß gemacht, jawohl, ich habe auch Mist gemacht." Zugleich kritisierte er, wenn Menschen mit Dingen konfrontiert würden, die 35 oder 40 Jahre zurücklägen, bis hin zur Gefährdung ihrer beruflichen Existenz.
Nur wenige Wochen später erreichten die Freien Wähler bei der Landtagswahl in Bayern 15,8 Prozent – ihr bis dahin bestes Ergebnis. Die massive öffentliche Kritik mobilisierte die Wähler eher, als dass sie Aiwanger politisch schadete.
Auch bei den bayerischen Kommunalwahlen im Frühjahr feierten die Freien Wähler unter seiner Führung große Erfolge und nahmen der CSU mehrere Landratsposten ab.
Sprung in den Bundestag gelang nie
Ein großes politisches Ziel blieb Aiwanger allerdings verwehrt: der Einzug seiner Partei in den Bundestag. Viermal versuchten es die Freien Wähler und scheiterten jeweils an der Fünf-Prozent-Hürde.
Aiwanger wurde 55 Jahre alt. Der Niederbayer hatte zwei Kinder und lebte mit der Freie-Wähler-Landrätin Tanja Schweiger zusammen. Die Freien Wähler verlieren mit Hubert Aiwanger ihren markantesten und sicher auch streitbarsten Kopf.
Im Video: Was über den Tod von Hubert Aiwanger bekannt ist
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Quelle: BR24 04.11.2026 - 22:00 Uhr
Source: Tagesschau · Regina Kirschner
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