Stand: 29.10.2026 • 15:23 Uhr
Seit dem 1.Oktober gilt ein neuer Tankrabatt. Experten zufolge geben die Mineralölkonzerne die Ersparnis nur zum Teil an die Autofahrer weiter. Der Interessenverband der Branche widerspricht.
Anja Genehr tankt regelmäßig morgens vor der Arbeit. Von ihrem Wohnort Oberhausen nach Witten und zurück sind es etwa 100 Kilometer. Die Fahrt zur Tankstelle ist für sie jedes Mal eine Achterbahnfahrt der Gefühle: "Wut, Heulen, die Frage: warum? Wann wird es besser?" Die Spritpreise weit über zwei Euro für Benzin bestimmen den Alltag der Bürokauffrau.
Um Pendlerinnen und Pendler wie Anja Genehr zu entlasten, gilt seit dem 1. Oktober ein neuer Tankrabatt. Bis Ende Dezember hat die Bundesregierung die Energiesteuer um 14 Cent pro Liter gesenkt, dazu kommen drei Cent Minus bei der Mehrwertsteuer. Daraus sollte sich eine Ersparnis von 17 Cent an Zapfsäule ergeben. Anja Genehr merkt davon nur wenig: "Ich finde diesen Tankrabatt lächerlich. Für mich macht das eine Ersparnis von sechs bis sieben Euro. Ich gehe zwei bis drei Mal im Monat tanken. Klar, wenn man das jetzt hochrechnet, dann könnte man von dem Geld jetzt Essen gehen, aber im Grunde ist das ein Witz."
Diesel-Preis krisenanfälliger
2,13 Euro kostete am 28. Oktober ein Liter Superbenzin im bundesweiten Durchschnitt. Der Preis für einen Liter Diesel lag bei 2,29 Euro. Im Mittel der letzten 60 Tage ist der Preis für einen Liter Benzin stark gesunken, der Preis für einen Liter Diesel hingegen kaum. Weil Diesel für die Industrie wichtiger ist und auch als Ersatz für Gas genutzt wird, ist der Dieselpreis deutlich krisenanfälliger.
Unabhängig vom Tankrabatt ist der Rohölpreis zuletzt wieder gestiegen. Das liegt unter anderem an beschädigten Pipelines in Saudi-Arabien und an den Huthi-Rebellen, die seit Anfang September eine für den Export wichtige Meerenge kontrollieren. "Am Ende geht es darum: Gibt es genug Kraftstoff auf dem Weltmarkt? Die Antwort ist bisher: nein", sagt Thomas Puls vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW). Die "zentrale Größe", an der der Spritpreis hänge, sei der Weltmarktpreis für Benzin und Diesel, so der Ökonom und Experte für Transport und Infrastruktur.
Dennoch ist vier Wochen nach Wiedereinführung der Tankrabatt weiterhin umstritten. Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) vom 15. Oktober haben ergeben, dass bisher knapp zwei Drittel des Rabatts bei den Verbraucherinnen und Verbraucher ankommen. Laut Schätzungen des Münchner ifo Instituts gaben die Mineralölkonzerte den Rabatt zwischen dem 21. und 27. Oktober bei Benzin nahezu vollständig weiter. Bei Diesel gebe es einen Unterschied von drei Cent. Beim Tankrabatt im Mai und Juni kamen das ifo Institut, die Monopolkommission und das Bundeskartellamt zum Schluss, dass der Rabatt nicht vollständig weitergegeben wurde. Die Mineralölwirtschaft bestreitet das.
"Ohne Spritpreisdeckel keine Kontrolle"
Der Verband der Tankstellenpächter und Tankstelleneigentümer sieht den Tankrabatt insgesamt kritisch. Aktuell zahle man an der Zapfsäule tatsächlich weniger als ohne Rabatt. "Der Tankrabatt hat erreicht, was er erreichen wollte", sagt Herbert Rabl, Pressesprecher vom Tankstellen-Interessenverband e.V. Dennoch mahnt Rabl: "Wir sind mit Tankrabatten aller Art nicht zufrieden. Am Ende schlucken die Mineralölkonzerne noch was weg."
Ein Spritpreisdeckel, wie ihn die Bundesregierung für das kommende Jahr beschlossen hat, könne die bessere Maßnahme sein, sagt Rabl: "Ohne Spritpreisdeckel können wir nicht kontrollieren, wie viel am Ende an die Bürger weitergegeben worden ist." Die Mineralölkonzerne würden das Geld verdienen, nicht die Tankstellenbetreiber.
Ölkonzerne verweisen auf Krieg und Krisen
Die Mineralölkonzerne weisen Kritik zurück. Schriftlich teilt ein Sprecher des Wirtschaftsverbands Fuels und Energie mit: "Die Markentankstellen hatten die Preise mit Beginn der Steuerentlastung am 1. Oktober um Mitternacht um 17 Cent je Liter gesenkt und halten dies weiterhin durchweg aufrecht. Der Tankrabatt kommt also vollständig dort an, wo er hingehört: bei den Tankkunden." Gründe für die hohen Spritpreise sieht er in den Entwicklungen in Nahost und im Ukraine-Krieg. "Erst wenn es in diesen Regionen Friedenssignale gibt, wäre mit einer durchgreifenden Entspannung bei den Preisen zu rechnen."
Für Anja Genehr ist es irrelevant, wieso der Spritpreis so hoch ist. Sie fordert: "Macht den Sprit wieder so günstig, wie er vor zwei, drei Jahren war, mit 1,60 für den Super. Dann können wir alle damit leben." Erst dann kann sie wieder mit weniger Frust und Sorge zur Arbeit pendeln.
Source: Tagesschau · Jan Koch
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