Ein Boot liegt am Orlik-Stausee.

Europamagazin

Regen- und Schneemangel Gerät Tschechiens Wasserhaushalt in Gefahr?

Stand: 07.11.2026 • 03:08 Uhr

Seit zwei Jahren gibt es in Tschechien zu wenig Schnee und Regen - der wasserreichste Stausee ist mittlerweile halb leer. Sollte auch dieser Winter die Pegelstände nicht anheben, wäre die Versorgung im ganzen Land gefährdet.

Von André Berthold, ARD Prag

Pavel Patera steigt hinab - erst die Stufen des neuen Bootsanlegers, dann muss er klettern, um in sein Kontrollboot zu gelangen. Er ist der Leiter des Orlik-Stauwerks, des wasserreichsten Stausees in Tschechien. Patera erzählt, dass man erst vor zwei Jahren die Treppe neu gebaut habe. Keiner habe damals vermutet, dass der Pegel einmal so tief fallen würde. Bei dem Anblick des Sees blute ihm das Herz.

Ganze 15 Meter ist der Pegel des Stausees schon gefallen - und hat damit die Hälfte seines Wassers verloren. Hier, kurz hinter der Staumauer, wirkt der Wasserverlust auf den ersten Blick minimal, doch an den Rändern zeichnet sich der alte Wasserstand ab.

An den Rändern des Stausees wird deutlich, welche Auswirkungen die Trockenheit in Tschechien hier hat.

Zu wenig Regen, zu wenig Schnee

So niedrig war der Pegel zuletzt vor 50 Jahren. Vor allem die Seitenarme des Stausees laufen trocken. An der Podolsky Most, rund 25 Kilometer Luftlinie von der Staumauer entfernt, tauchen die Reste eines alten Gasthofes wieder auf.

Daneben kommen die Pfeiler der alten Seilbrücke aus dem 19. Jahrhundert wieder zum Vorschein. Der Pegel an der neuen Brücke zeigt schon seit Wochen keinen Wasserstand mehr an. Selbst in der Nähe der Staumauer wurden Gebäuderuinen im See mit kleinen selbstgemachten Bojen markiert - wie etwa der alte Kirchturm, der noch unter Wasser liegt.

Patera hofft, dass das auch so bleibt, denn seit zwei Jahren gab es in Tschechien zu wenig Schnee und Regen. Der vergangene Sommer war nach Angaben von Hydrologen der trockenste seit 80 Jahren.

Stauwerkschef Patera sagt, dass Prag in die Wasserversorgung des Landes investieren müsse.

Sorge um die Moldau

Doch davon merkt man in der Landeshauptstadt Prag nichts; zumindest noch nicht. Denn der Orlik-Stausee gehört zur sogenannten Moldau-Kaskade. Das sind neun Staubecken vom Böhmerwald bis kurz vor Prag.

Sie dienen dem Hochwasserschutz, doch bei Dürre geben sie Wasser ab und halten den Pegel der Moldau auf einem Mindestmaß. Noch können andere Teile der Kaskade genügend Wasser bereitstellen, so dass die Pegel in Prag stabil bleiben.

Das Stausystem diene aber nicht nur der Hauptstadt, es versorge viele Regionen Tschechiens, erklärt Petr Kubala, Direktor der Flussgebietsverwaltung Moldau. Mit dem Wasser der Seen würde das gesamte Ökosystem rings um den Fluss am Leben gehalten. Es sorge dafür, dass die Wasserentnahme, beispielsweise für die Landwirtschaft, funktioniere, dass eingeleitete Abwässer verdünnt würden, und dass der Grundwasserspiegel in der folgenden Elbe-Region stabil bleibe.

Auch Kubala blickt sorgenvoll auf den Fluss. Noch ein weiterer Dürrewinter würde nicht nur die Moldau-Kaskade sondern die gesamte Wasserwirtschaft in Tschechien in Gefahr bringen.

20 neue Stauseen oder Rekultivierung?

Die Regierung Babis verspricht deshalb 20 neue Stauwerke - sie sollen noch mehr Wasser für Dürren bereithalten. Doch deren Finanzierung ist völlig unklar. Im tschechischen Haushalt klafft ein Milliardenloch, und ob die EU dafür Fördermittel bereitstellt, ist offen. Außerdem dauert der Bau von Staumauern Jahre; am Orlik-See wurde sieben Jahre gearbeitet.

Auch deshalb schlägt Direktor Petr Kubala, der auch die Regierung berät, kurzfristigere Maßnahmen vor. So müsse die Landwirtschaft mehr Versickerungsflächen schaffen, alte Bach- und Flussläufe sollten rekultiviert werden. Das Ziel müsse sein, das Wasser besser zu speichern statt es abzuleiten.

Das sieht auch Pavel Patera am Orlik-Stausee so. Auch er ist überzeugt, dass Tschechien in seine Wasserversorgung investieren muss. Vielleicht könne er irgendwann die neuen 20 Stausee-Chefs begrüßen, sagt er. Doch bis dahin sei es ein weiter Weg.

Jetzt hofft Patera erstmal auf Regen: Viel Regen - denn ein richtig nasser Herbst und Winter würden seinen See wieder auffüllen.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Europamagazin - am Sonntag um 12:45 Uhr im Ersten.

Source: Tagesschau · André Berthold, ARD Prag

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