Die Freiheit im Internet befindet sich weltweit weiter im Sinkflug. Laut einem neuen Bericht der US-Organisation Freedom House verzeichnete sie bereits im 16. Jahr in Folge einen globalen Rückgang. In der am Freitag veröffentlichten Studie „Freedom on the Net 2026“ verschlechterten sich die Bedingungen in 16 der 38 untersuchten Staaten. Nur in acht Ländern machten die Experten Verbesserungen aus.
Zu den Schlusslichtern zählen unverändert China und Myanmar. Im Iran erlebte die Online-Freiheit den drastischsten Einbruch. Nach der gewaltsamen Niederschlagung von Protesten und militärischen Auseinandersetzungen verhängten die Behörden eine rund 88-tägige Internetsperre – die längste in der Weltgeschichte. Zugleich strukturierten sie das Netz so um, heißt es, dass nur noch eine privilegierte Elite Zugang zum globalen Internet erhalte. Die breite Bevölkerung werde systematisch ausgesperrt.
Autoritäre Regime verfeinern laut den Autoren ihre Strategien zur digitalen Isolation. In Russland treibe Präsident Wladimir Putin die Kontrolle über Internetprovider voran, um den Zugang auf staatlich genehmigte Plattformen zu beschränken und VPNs zu behindern. Ähnliche Tendenzen zeigten sich in Kirgisistan, wo der staatliche Einfluss auf den internationalen Datenverkehr deutlich ausgebaut worden sei. Diktatoren investierten gezielt in die Trennung ihrer Gesellschaften vom weltweiten Informationsfluss. Umso wichtiger blieben zensurresistente Technologien und Umgehungswerkzeuge wie das Anonymisierungsnetzwerk Tor für Aktivisten und Journalisten.
Altersprüfung als neues Überwachungsrisiko
Neben staatlicher Zensur breiteten sich weltweit Gesetze zur Altersverifikation aus, moniert die NGO. Unter dem Deckmantel des Jugendschutzes ermöglichten sie erhebliche Eingriffe in die Privatsphäre. Nach dem Inkrafttreten des weltweit ersten Verbots sozialer Medien für unter 16-Jährige in Australien Ende 2025 hätten weitere Staaten Altersgrenzen eingeführt oder vorgeschlagen.
Die Maßnahmen erforderten häufig die Verarbeitung sensibler Daten wie Gesichtsscans oder amtlicher Ausweise, beklagen die Verfasser. Das schaffe Einfallstore für Überwachung und erhebliche Cybersicherheitsrisiken, wie Datenlecks bei Drittanbietern zeigten. In Ländern wie der Türkei drohe zudem die Verknüpfung von Social-Media-Konten mit staatlichen Identitätssystemen. Oppositionelle und Dissidenten würden dadurch noch gläserner.
Auch Künstliche Intelligenz verändert die digitale Landschaft grundlegend. Regierungen versuchten zwar zunehmend, Deepfakes, nicht einvernehmliche intime Bilder und Online-Belästigung einzudämmen. In den USA trat dazu der Take It Down Act in Kraft. In Indien und Mexiko führten strenge Kennzeichnungspflichten für synthetische Inhalte und Gesetze gegen Identitätsmissbrauch dagegen zu kurzen Löschfristen und willkürlichen Verhaftungen von Online-Journalisten. Autokratische Akteure instrumentalisieren KI zunehmend zur Kontrolle und Unterdrückung von Meinungen, statt freie Diskurse zu schützen.
Auch Demokratien sind nicht gefeit
Selbst gefestigte Demokratien stehen laut der Analyse unter Druck. Die USA stagnieren mit 73 von 100 möglichen Punkten auf einem recht niedrigen Niveau der Internetfreiheit. Anhaltende Überwachung, behördlicher Druck auf Online-Aktivisten und schärfere juristische Strafen für digitale Meinungsäußerungen belasteten die Grundrechte.
Deutschland, das in früheren Auswertungen mit mehr als 85 Punkten zu den freiheitlichsten Online-Umgebungen gehörte, ist wegen einer veränderten Methodik und der Konzentration auf 38 ausgewählte Schwerpunktnationen in der aktuellen Ausgabe nicht mehr direkt im globalen Vergleich vertreten. Europäische Debatten über Altersverifikation, Upload-Filter, Verschlüsselung und Plattformregulierung spiegeln aber auch hierzulande den Konflikt zwischen Schutzmaßnahmen und der Wahrung von Privatsphäre und Meinungsfreiheit wider. Im Vorjahr hatte Deutschland drei Punkte verloren.
Angesichts dieser Entwicklungen fordert Freedom House, Demokratien müssten entschlossen handeln und massiv in zensurresistente Werkzeuge, Satelliteninternet und robuste digitale Sicherheitsvorkehrungen investieren. Nur durch internationale Kooperation und den Schutz grundlegender digitaler Rechte lasse sich verhindern, dass das Internet endgültig zum Instrument staatlicher Totalüberwachung werde. Die NGO erhält einen Großteil ihrer Mittel vom US-Außenministerium. Diese Zuschüsse sollen allerdings nicht für die Erstellung des Berichts verwendet werden.
(nie)
Source: Heise · Stefan Krempl
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