Kein Hurrikan, trotzdem schwere Überschwemmungen: Die »King Tide« in Florida zeigt beängstigende Folgen des steigenden Meeresspiegels – und wie die Mächtigen in dem US-Staat das Wissen ums Klimarisiko unterdrücken.

30.10.2026, 15.04 Uhr

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Die »King Tide« hat den Südosten von Florida in dieser Woche mit voller Wucht erwischt. An mehreren Tagen hintereinander stieg die Flut mehr als 75 Zentimeter über die normale Hochwassermarke. In Städten wie Miami wurde die Alarmstufe einer schweren Überschwemmung ausgerufen – erstmals ohne den Einfluss eines Hurrikans. Tropische Wirbelstürme haben dem US-Staat schon oft verheerende Wassermassen per Flut und Regen gebracht, zuletzt Hurrikan »Isaias« Anfang Oktober. Dieses Mal gab es zwar starken Wind, aber das Problem bestand in erster Linie darin, dass das Wasser von unten stieg.

Dahinter steht ein natürliches Phänomen, das regelmäßig vorhersagbar auftritt. Wenn der Mond der Erde auf seiner Umlaufbahn besonders nahe kommt, zugleich im Vollmond erscheint und auch die Schwerkraft der Sonne ihr Maximum dazugibt, verstärken diese Kräfte die Gezeiten des Meeres zu einer Springtide. Diese wächst sich zur landläufig genannten »King Tide«, also Königsflut, aus. Denn dann steigt der Meeresspiegel vor Florida saisonal durch Meeresströmungen. In dieser Woche kam noch ein Tiefdruckgebiet vor der Ostküste hinzu, das ein starkes Druckgefälle zu einem stabilen Hochdruckgebiet im Norden bildete, sodass auflandige Winde den Wasserstand an Floridas Küsten hoben. Und all das vor dem Hintergrund, dass der Meeresspiegel infolge der Klimakrise dauerhaft steigt. Astronomie, Wetter und menschengemachter Klimawandel trafen also in einer ungünstigen Konstellation zusammen.

Pumpen und Rohre versagen

75 Zentimeter klingt nicht nach viel. Doch das Land ist flach und besteht aus porösem Kalkstein, von etlichen Lagunen, Kanälen, Sümpfen und anderen Wasserflächen durchzogen. Mit dem Meer hebt sich auch das Grundwasser, das sich mit Salzwasser vermischt und so die Frischwasserversorgung erschwert. Zudem kann das Abwasser kaum aus den Siedlungen abfließen. Pumpen und Rohre versagen. Mehrere Flutschutztore, die das Wasser aus Kanälen in die Biscayne Bay ableiten sollen, wurden ab Dienstag in die falsche Richtung überschwemmt.

Über die Ufer getretener Fluss im Volusia County, Florida: Millionen Menschen bekommen ein Problem

Über die Ufer getretener Fluss im Volusia County, Florida: Millionen Menschen bekommen ein Problem

Foto: Paul Hennessy / Sipa USA / picture alliance

So bekommen Millionen Menschen ein Problem, selbst wenn sie nicht direkt an der Küste wohnen. Dort konnten viele in dieser Woche zweimal täglich für Stunden ihre Häuser nicht verlassen – oder versuchten es trotzdem, setzten ihre teils teuren Autos der Rostgefahr durch Salzwasser aus und sich selbst der Gefahr von Stromschlägen aus überschwemmten Leitungen.

Der »Miami Herald« schreibt von einem »Vorgeschmack darauf, wie normale Tage in kommenden Jahrzehnten aussehen, wenn das Meer meterhoch steigt«.

Am meisten zu verlieren – und nichts davon wissen wollen

Florida gilt seit Jahrzehnten als eine jener Regionen, die durch die Erderwärmung am meisten zu verlieren haben. Es ist einer der teuersten Flecken Erde, mit Billionenwerten allein an Immobilien entlang des Küstenstreifens. Mehrere Apartmenttürme sackten bereits ab, einer stürzte 2021 ein, nachdem Salzwasser die Fundamente korrodiert hatte.

Florida ist aber auch eine Zuflucht der Reichen und Mächtigen, die davon nichts wissen wollen – und auch andere daran hindern möchten, davon zu wissen. Es ist die Wahlheimat des Anti-Klima-Aktivisten Donald Trump mit seiner Residenz Mar-a-Lago, ebenso wie vieler seiner Anhänger. Zu den Midtermwahlen am Dienstag kann Trump auf Florida bauen.

US-Präsident Trump am 23. Oktober auf dem Donald J. Trump International Airport in West Palm Beach (Florida) am 23. Oktober: Solide Bastion

US-Präsident Trump am 23. Oktober auf dem Donald J. Trump International Airport in West Palm Beach (Florida) am 23. Oktober: Solide Bastion

Foto: Alex Wong / Getty Images

Der scheidende Gouverneur Ron DeSantis sagte von sich, er sei »nicht so der Erderwärmungstyp«. 2024 brachte er ein Gesetz durch, das den Begriff »Klimawandel« aus etlichen offiziellen Dokumenten strich und auch Floridas Ziele zum Umstieg auf erneuerbare Energien beseitigte. Auf dieser Grundlage ließen die Behörden sogar Schulbücher zensieren, in denen Klimabezüge vorkamen oder Hinweise, dass an Kohlekraft etwas schmutzig sein könnte.

Am Freitag vergangener Woche reichte Floridas Justizminister James Uthmeier eine Klage gegen den Finanzinformationsdienst First Street des Börsenkonzerns MSCI ein, weil dieser Modelldaten zum Klimarisiko anbietet. Uthmeier wirft der Firma »Alarmismus« vor, der Hausbesitzer schade und zu übertrieben hohen Versicherungsprämien führe. Ein Haus in Florida zu versichern, koste bereits durchschnittlich mehr als 8000 Dollar pro Jahr, mehr als in jedem anderen US-Staat. Auf der Immobilienplattform Zillow seien inzwischen die Hälfte der Inserate mit ausgewiesen hohem Flutrisiko unverkäuflich, heißt es in der Klageschrift. Zwar hat Zillow die First-Street-Scores schon aus der Übersicht der Anzeigen entfernt, nachdem sich kalifornische Makler darüber beschwerten. Das genügt dem Justizminister jedoch nicht: Die Informationen seien nur versteckt und immer noch zu finden.

First Street »vermarktet Angst, um eine klimaaktivistische Agenda voranzutreiben, während sie diese Angst ausnutzen, um ihre Taschen zu füllen«, schäumte Uthmeier. Er sprach von »Fake-Flutrisiko«. Welche Ironie, dass sich nur Tage später die ganz reale Flut auf Floridas Straßen ergoss.

Trockene Landebahn für den Wahlverlierer

Immerhin fand der brasilianische Wahlverlierer Flávio Bolsonaro am Mittwoch noch eine trockene Landebahn, als er vor der Justiz in seiner Heimat floh , die wegen des Verdachts der Geldwäsche ermittelt und seine Ausreise untersagt hatte. Natürlich flog Bolsonaro im Privatflugzeug nach Miami, wie schon viele gescheiterte Mächtige aus Lateinamerika vor ihm. Die gute Nachricht aus Klimasicht: Wäre Bolsonaro Präsident geworden, hätte er an die Politik seines Vaters Jair zum Raubbau am Amazonas angeknüpft. Den für das Weltklima wichtigen Regenwald zu bewahren, erscheint den Agrar- und Bergbaulobbys in Brasilien ebenso geschäftsschädigend wie der Küstenschutz den Baumagnaten in Florida.

Landung Bolsonaros am Opa Locka Executive Airport nahe Miami am Mittwoch: Gute Nachricht aus Klimasicht

Landung Bolsonaros am Opa Locka Executive Airport nahe Miami am Mittwoch: Gute Nachricht aus Klimasicht

Foto:

Eva Marie Uzcategui / REUTERS

Nun versammeln sich die Realitätsverweigerer in Florida. Einer Trutzburg, gebaut auf flachen, durchlässigen Kalkstein. Und das Wasser steigt.

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Die SPIEGEL-Beiträge zur Klimakrise

Source: Der Spiegel · Arvid Haitsch

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