Eine Analyse des größten Eisschilds Nordamerikas deutet darauf hin, dass der menschengemachte Klimawandel inzwischen die natürliche Dynamik des Erdklimas überlagert. Der Laurentidische Eisschild bedeckte auf dem Höhepunkt der vorigen Eiszeit vor etwa 20.000 Jahren fast ein Drittel von Nordamerika – darunter den größten Teil des heutigen Kanadas. Danach schrumpfte der einst kilometerdicke Eispanzer und erreichte sein Minimum vor etwa 3600 Jahren, wie ein überwiegend US-amerikanisches Forschungsteam im Fachjournal »Science«  schreibt.

Demnach begann der Eisschild vor etwa 2000 Jahren wieder zu wachsen. Das Team um Nicolás Young vom Lamont-Doherty Earth Observatory der Columbia University in Palisades im US-Bundesstaat New York wertet dies als allmählichen Beginn einer neuen Kaltphase. Doch ab etwa 1960 hat sich der Eisrand bis 2022 wieder um etwa 200 bis 800 Meter zurückgezogen. Dies führt das Team hauptsächlich auf deutlich gestiegene Sommertemperaturen zurück.

Dies veranschauliche die Folgen der Erderwärmung durch die vom Menschen ausgestoßenen Treibhausgase. »Die nächste Eiszeit stand kurz bevor – und doch blieb sie aus«, wird der Geochemiker Young in einer Mitteilung seiner Universität zitiert. »Es ist ein sehr eindrückliches Beispiel dafür, wie wir das System erschüttert haben.«

In den kommenden Jahren ganz verschwinden

Die zeitliche Entwicklung des Eisschilds rekonstruierte die Forschungsgruppe durch Analysen in der Umgebung der Barnes Ice Cap auf der Baffin-Insel im Nordosten von Kanada. Diese etwa 6000 Quadratkilometer große Eiskappe bildet den Rest des einst mächtigen Eisschilds – einschließlich unterschiedlich alter Schichten –, der sich bis heute erhalten hat.

Wie der Eispanzer wuchs und schrumpfte, rekonstruierte das Team anhand von Felsen vor allem mit dem seltenen Beryllium-Isotop 10. Dieses zerfällt bei Exposition zu kosmischer Strahlung – und gibt somit Aufschluss darüber, wann sich der Eispanzer zurückgezogen hatte. Zudem verrät das Kohlenstoff-Isotop 14 (C-14), wann Vegetation wieder von Eis bedeckt wurde.

Mit der Analyse liefere die Studie einen wichtigen Richtwert dafür, wie Eisschilde auf Klimaveränderungen reagierten, schreibt der Geowissenschaftler Shaun Marcott von der University of Wisconsin in Madison, der nicht an der Untersuchung beteiligt war, in einem »Science«-Kommentar. Die Untersuchung zeige, »wie schnell der Gletscher auf Veränderungen der Sommertemperatur reagiert«, betont der Experte.

Source: Der Spiegel · DER SPIEGEL

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