Millionen Touristen kommen jedes Jahr nach Südtirol, um die traumhafte Landschaft zu erleben, zum Wandern, zum Skifahren, zum Genießen. Hier gibt es Knödel und Tiroler Küche, aber auch Pizza und guten Espresso. Doch Südtirol hat eine Geschichte, die tiefe Wunden gerissen hat, die bis heute zum Teil noch nicht verheilt sind.

Südtiroler Dorf nahe des Brennerpasses: Seit mehr als 100 Jahren bei Italien

Südtiroler Dorf nahe des Brennerpasses: Seit mehr als 100 Jahren bei Italien

Foto: Christof Stache / AFP

Seit mehr als 100 Jahren gehört Südtirol zu Italien. Davor war das Land südlich des Brenners mehr als 500 Jahre lang mit Nord- und Osttirol ein gemeinsames Tirol, gehörte zum Habsburger Reich. Im Ersten Weltkrieg kämpften die Südtiroler noch mit Österreich-Ungarn gegen die Italiener. Italien war eigentlich Verbündeter, blieb bei Kriegsausbruch neutral und wechselte 1915 die Seiten.

Dafür bekam Rom nach dem Krieg im Vertrag von Saint-Germain Territorien zugesprochen, darunter das vorrangig deutschsprachige Südtirol.

Es folgten Jahre der Unterdrückung, vor allem nach der Machtübernahme des Diktators Benito Mussolini. Die italienischen Faschisten versuchten den Südtirolern ihre Sprache und Kultur zu nehmen, Nachnamen und Ortsnamen wurden »italianisiert«. Doch es gab Widerstand. In sogenannten Katakombenschulen lernten Kinder Deutsch, in Wort und Schrift.

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Nach dem »Anschluss« Österreichs an Hitlerdeutschland  kümmerte sich Adolf Hitler um Südtirol. Aber nicht, um Südtirol »heimzuholen« – Mussolini war ja sein Stahlpakt-Partner – sondern nur dessen deutsch- und ladinischsprachige Bevölkerung.

Die rechtsextremen Diktatoren machten 1939 einen Deal auf dem Rücken der Südtiroler: die »Option«. Die Betroffenen mussten entscheiden, ob sie ins Nazi-Reich ziehen – oder in der Heimat bleiben, die deutsche Sprache aufgeben und sich der faschistischen Italianisierung beugen. Ganze Familien sind daran zerbrochen.

Hitler und Mussolini bei Treffen am Brenner: Deal unter Diktatoren

Hitler und Mussolini bei Treffen am Brenner: Deal unter Diktatoren

Foto: 91050 / United_Archives / TopFoto / United Archives / picture alliance
Diktatoren Hitler (Mitte), Mussolini (links): Faschistische Italienisierung

Diktatoren Hitler (Mitte), Mussolini (links): Faschistische Italienisierung

Foto: Keystone / Getty Images

Auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs blieb Südtirol bei Italien, wurde schließlich autonome Provinz. Doch der Weg dahin war lang, gesäumt von Attentaten und vielen Verhandlungen. Inzwischen kommen Delegationen aus der ganzen Welt, um sich das Südtiroler Modell anzusehen, das Miteinander von drei anerkannten Sprachgruppen. Auch wirtschaftlich steht das Land besser da als viele andere Regionen – vor allem im Vergleich zum Rest Italiens.

Und Österreich? Die Alpenrepublik hat bis heute eine Schutzfunktion, passt auf die Autonomie und den Minderheitenschutz auf.

Im Podcast »Inside Austria« widmen wir uns ab dieser Woche in drei Folgen Südtirol, das mit Österreich immer noch eng verbunden ist. Wir blicken auf die leidvolle Geschichte, die noch heute die Südtiroler Identität entscheidend prägt. Und wir fragen, ob der aktuelle Rechtsruck das friedliche Miteinander gefährdet – und welches Interesse FPÖ und AfD an Südtirol haben. Hier geht es zur Auftaktfolge.

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Als das Dorf Namlos namenlos wurde

Der Tiroler Bezirk Reutte gilt als einer der sichersten Landstriche Österreichs. »Wir haben eigentlich keine Kriminalität«, sagt Walter Zobl, Bürgermeister des Bergdorfes Namlos. Und doch ist neulich etwas passiert: Unbekannte schraubten das Ortsschild ab und nahmen es mit. Namlos war namenlos.

Das Dorf befindet sich zwischen hohen Gipfeln auf mehr als 1200 Meter Höhe, ein Ziel für Naturfreunde, die die abgelegene Lage schätzen. Nur 55 Menschen sind in Namlos gemeldet, jeder kennt jeden. Zobl steht einer der kleinsten Gemeinden Österreichs vor. Eine heile Welt, sollte man meinen.

Entsprechend groß ist der Zorn des Bürgermeisters über den Tafelklau. Die »Tiroler Tageszeitung« schrieb, Zobl habe Verdächtige »längst im Visier«, die Rede war von einem Streit in der Region. Den »Burschen« ließ Zobl ausrichten: »Das ist einfach kein Scherz«.

Auf telefonische Nachfrage von SPIEGEL und »Standard«, wiegelt der Ortschef nun ab. »Das stimmt doch vorn und hinten nicht!«, wettert der Ortschef über die Berichterstattung, »Blödsinn« sei das. Lediglich eine vage Vermutung habe er geäußert. Am Telefon klingt der Bürgermeister nun so, als ob ihn die Medienberichte mehr aufregen würden, als der Diebstahl.

Hölzerner Hintern am späteren Tatort

Zobls Temperament sorgte bereits 2012 für Schlagzeilen, als ihn der Radiosender Ö3 reinlegte: Der Spaßanrufer behauptete, die Europäische Union akzeptiere den Namen Namlos nicht. Zobls Reaktion: »Die EU geht mir am Arsch vorbei!«

Darauf widmete ein Künstler dem Dorfchef ein Paar geschnitzte Pobacken. Das hölzerne Hinterteil wurde am Ortseingang platziert – beim Schild Namlos, dem späteren Tatort.

Der Dieb ist noch nicht gefasst, optisch ist nun alles beim Alten: Vor ein paar Tagen wurde eine neue Ortstafel montiert, Namlos hat seinen Namen wieder. Einen Schaden habe das Bergdorf ohnehin nicht, sagt Bürgermeister Zobl, er klingt nun weniger wütend: Es handele sich um das Schild einer Landesstraße – »da muss die Gemeinde nicht zahlen«.

Source: Der Spiegel · Katharina Zingerle

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