In einem SPIEGEL-Interview wollte Claudia Roth 2024 nicht von »Genozid« und »Apartheid« im Gazastreifen und Westjordanland sprechen. In einem Podcast rückt die Grüne nun davon ab. Sie sei damals unter Druck gesetzt worden.
05.11.2026, 13.44 Uhr
Grünenpolitikerin Roth (Foto aus dem September 2026)
Foto: Annette Riedl / dpaRoth hatte es in dem Interview im März 2024 – kurz nach einem Eklat über Antisemitismusvorwürfe bei der Berlinale-Preisverleihung – abgelehnt, die israelische Regierungspolitik im Westjordanland und im Gazastreifen als »Apartheid« und »Genozid« zu bezeichnen. Roth, damals Kulturstaatsministerin der Ampelregierung, regierte damit auf Äußerungen israelischer-palästinensischer Filmemacher bei der Preisverleihung.
So hatte etwa der israelische Regisseur Yuval Abraham (»No Other Land«) die Lage zwischen israelischen Siedlern und Palästinensern im Westjordandland als »Apartheid« bezeichnet. »Das ist aus meiner Sicht sehr problematisch, und das lehne ich ab«, sagte Roth daraufhin dem SPIEGEL.
Roth kritisierte 2024 auch, dass Abrahams palästinensischer Co-Regisseur Basel Adra die israelische Kriegsführung im Gazastreifen als »Slaughter« bezeichnet hatte.
Adra habe, so Roth, von »einem vermeintlichen Abschlachten« von Zivilistinnen und Zivilisten im Gazastreifen durch die israelische Armee gesprochen, ohne mit einem Wort das bestialische Massaker der Hamas am 7. Oktober zu erwähnen. »Das war für mich so wirklich nicht akzeptabel.«
»Das war ein totaler Fehler«
Inzwischen bereut Roth die Aussagen offenbar. Auf die Frage des Moderatoren Tilo Jung, ob sie verstehe, dass sich Adra durch Roths nachträgliche Äußerungen »unter den Bus geworfen« gefühlt habe, sagt Roth: »Ja, das war ein totaler Fehler. Dass ich das dann nochmal gesagt habe, war total falsch, war total blöd.« Roth verweist in dem Podcast nun darauf, dass der mediale Druck »massiv« gewesen sei.
Roth hatte sich im SPIEGEL-Interview auch von Aussagen des US-Filmemachers Ben Russell distanziert, der Israel einen »Genozid« an den Palästinensern vorgeworfen hatte. Roth nannte dies einen »Tiefpunkt« und »unerträglich«. »Das hat, bei allem Mitgefühl für das Leid der Zivilisten, nun wirklich nichts mit der Situation im Gazastreifen zu tun. Israel kämpft gegen die Hamas, nicht gegen das palästinensische Volk – das ja auch unter der Hamas leidet.«
Auf Jungs Frage, ob sie mit Blick auf die Einschätzungen von Experten über die Lage im Gazastreifen ihre Haltung inzwischen geändert habe, sagte Roth nun: »Ja, Fehler.«
Sie wolle sich nicht herausreden oder entschuldigen, so Roth. »Aber es war so ein unfassbarer Druck vom Zentralrat, von unglaublichen vielen Kreisen.« »Ich sage selber, da war ich zu schwach und überfordert in dieser Lage, und es war ein Fehler.« »Den Regisseur zu kritisieren dafür, dass er von Apartheid redet, oder den Palästinenser, dass er von Genozid redet, war ein Fehler!«
»Dann ist es Apartheid, ja«
Inzwischen würde sie durchaus von »Apartheid« im Westjordanland sprechen, so Roth. »Denn wenn ein Minister, dieser ganz fürchterliche Minister jetzt sogar gesagt habt, Palästinenser dürfen nicht mehr auf den Straßen fahren im Westjordanland, dann ist es Apartheid, ja«.
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Auch eine weitere Passage des Podcasts wird derzeit kontrovers diskutiert. So sagte Roth, »manche gute Freunde im Ausland« hätten sie mit Blick auf ihre Haltung zu Israel gefragt: »Wann befreist du dich endlich von dieser Schuld der Geschichte oder wann gehst du anders damit um?«
Wie Roth diese Frage nach der historischen deutschen Verantwortung für den Staat Israel beantwortet, sagt die Grüne in dem Podcast nicht.
Scharfe Kritik von Volker Beck
Roths Parteikollege Volker Beck, zugleich Präsident der deutsch-israelischen Gesellschaft, kritisierte die Aussagen scharf. »Die Muster ihrer Sentenzen entsprechen klassischer deutscher Schuldabwehr«, schrieb Beck in einer Stellungnahme.
Roths Aussage sei nur eine Ecke vom Schuldkult-Vorwurf entfernt. Roth zitiere zwar »Freunde«, mache sich den Gedanken aber zu eigen. Damit liegt sie durchaus im Trend der antiisraelischen Bewegung unter dem Motto »Free Palestine from German Guilt«, so Beck. Roth stelle sich damit in eine geistige Tradition des Schuldabwehrdiskurses, in der Beck auch den Schriftsteller Martin Walser und den rechtsextremen AfD-Politiker Björn Höcke verortet.
fek/csc
Source: Der Spiegel · DER SPIEGEL
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