Ein Podcast-Auftritt von Claudia Roth bei Tilo Jung stößt unter Jüdinnen und Juden in Deutschland auf scharfe Kritik. Die Aussagen der früheren Kulturstaatsministerin seien erschreckend, sagte Ron Dekel, Vorsitzender der Jüdischen Studierendenunion (JSUD). »Sie wurde ja im Nachgang zur documenta zur großen Antisemitin erklärt. Ich dachte damals zwar, dass man sich auf sie im Kampf gegen Antisemitismus nicht verlassen kann, dass das aber auch nicht ganz der Wahrheit entspricht. Nachdem ich das Video gesehen habe, bin ich einfach nur sprachlos«, zitiert das Redaktionsnetzwerk Deutschland  Dekel.

»Frau Roth fordert, dass man sich von der deutschen Schuld befreit in einer Zeit, in der Antisemitismus ein Allzeithoch in der deutschen Gesellschaft hat. Ich fordere von Frau Roth, dass sie sich öffentlich entschuldigt und sich von diesen Aussagen distanziert«, sagte Dekel laut RND weiter. Auf Instagram ergänzte er zudem: »Von Ihnen Frau Roth als vermeintlich linke Politikerin«, habe er das nicht erwartet. »Das ist AfD-Sprech«, sagte er.

Die Grünenpolitikerin wies scharf zurück, sie relativiere Deutschlands historische Verantwortung. »Die Unterstellungen gegen mich sind absolut inakzeptabel«, sagte Roth dem »Stern «. In dem Podcast hatte sie davon berichtet, dass Freunde sie gefragt hätten, wann sie sich endlich von »dieser Schuld der Geschichte« befreie oder anders damit umgehe. Und: Damals, 2024, habe sie dies nicht gekonnt. Die Aussagen ihrer Freunde habe sie sich »nicht zu eigen gemacht«, sondern lediglich zitiert, sagte Roth dem »Stern«.

»Uralte antisemitische Verschwörungserzählungen«

»Die Aufarbeitung der Verbrechen der deutschen Geschichte und die immerwährende Verantwortung, die daraus erwächst, sind schon mein ganzes politisches Leben lang eines meiner wichtigsten Anliegen«, sagte Roth dem Magazin zufolge. Das bleibe auch so, sagte die bereits 2022 als damalige Kulturstaatsministerin wegen ihres anfänglichen Umgangs mit antisemitischen Motiven auf der Documenta in Kassel scharf in die Kritik geratene Roth.

Dekel wiederum sagte in einem Interview mit der »Jüdischen Allgemeinen «, er finde es krass, »dass sie indirekt, auf dem Umweg über ihre ausländischen Freunde, suggeriert, man müsse sich von der ›deutschen Schuld‹ befreien, um offen Israel kritisieren zu können«. Beim israelbezogenen Antisemitismus habe Roth eine Leerstelle.

Die Aussagen über die Schuld sind nicht die einzige Stelle in dem Podcast, die für Wirbel sorgen. Roth bereute darin öffentlich auch frühere Aussagen in einem SPIEGEL-Interview, in dem sie Vorfälle auf der Berlinale-Preisverleihung kritisierte. Ihre damaligen Äußerungen zum Krieg in Gaza seien ein Fehler gewesen, sagte sie. Sie habe unter »unfassbarem Druck vom Zentralrat« gestanden.

Aus dem Umfeld des Zentralrats der Juden hieß es laut »Stern« nun, dass Roth »im Kampf gegen die politische Bedeutungslosigkeit anscheinend jedes Mittel recht« sei. Studierendenvertreter Dekel sagte der »Jüdischen Allgemeinen«: »Sie raunt da von der vermeintlichen Macht des Zentralrats der Juden über die deutsche Politik. Das bedient uralte antisemitische Verschwörungserzählungen. Da frage ich mich, ob sie womöglich selbst antisemitische Ressentiments hat.«

Source: Der Spiegel · DER SPIEGEL

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