Stichwahl um das Präsidentenamt in Bulgarien, Aufnahme vom 1. November 2026: Wohin steuert das Land? Stichwahl um das Präsidentenamt in Bulgarien, Aufnahme vom 1. November 2026: Wohin steuert das Land?

Stichwahl um das Präsidentenamt in Bulgarien, Aufnahme vom 1. November 2026: Wohin steuert das Land?

Foto: Valentina Petrova / AP / dpa

Vor dem Hintergrund mehrerer Drohnenangriffe auf Handelsschiffe im Schwarzen Meer wählt Bulgarien am Sonntag in einer Stichwahl sein neues Staatsoberhaupt. Die russlandfreundliche Amtsinhaberin Ilijana Jotowa tritt dabei gegen den prowestlichen Herausforderer Andrej Gjurow an. Die Abstimmung gilt als Entscheidung über den künftigen außenpolitischen Kurs Bulgariens – vor allem mit Blick auf den Ukrainekrieg und das Verhältnis zu Moskau.

Jotowa sagte nach ihrer Stimmabgabe in der Hauptstadt Sofia, sie wolle »ein starkes Bulgarien in einem starken Europa«, das »souverän in seinen Entscheidungen« sei. Sie unterstützt die EU- und Nato-Mitgliedschaft ihres Landes, lehnt Militärhilfen für die Ukraine aber ab. Im Wahlkampf inszenierte sie sich als »Präsidentin des Friedens«, die mit Moskau in einen Dialog treten will.

Amtsinhaberin und Kandidatin Ilijana Jotowa bei der Stimmabgabe zur Stichwahl

Amtsinhaberin und Kandidatin Ilijana Jotowa bei der Stimmabgabe zur Stichwahl

Foto: Bulgarian News Agency / AP / dpa

Ihr 50-jähriger Herausforderer Gjurow sagte nach seiner Stimmabgabe in Blagoewgrad, er habe für ein »sicheres, stabiles und europäisches Bulgarien« votiert. In einer TV-Debatte vor der Stichwahl hatte er Jotowa vorgeworfen, dass sie Russland nicht ausdrücklich für die Angriffe auf Schiffe im Schwarzen Meer verantwortlich gemacht habe.

Überraschung im ersten Wahlgang

Anfang und Mitte Oktober waren vor der bulgarischen Schwarzmeerküste vier Handelsschiffe von Drohnen getroffen worden. 21 Menschen werden seitdem vermisst, sie sind vermutlich tot. Regierungschef Rumen Radew bestellte die russische Botschafterin ein, sah aber davon ab, offiziell einen Schuldigen zu benennen.

Im ersten Wahldurchgang vor einer Woche hatte Jotowa mit 35 Prozent der Stimmen nur knapp vor Gjurow gelegen, der auf 32 Prozent kam. Damit schnitt Jotowa deutlich schlechter ab als in Umfragen vorhergesagt. Die Wahlbeteiligung war in der ersten Runde mit lediglich 23 Prozent so niedrig wie noch nie gewesen. Bei der Stichwahl wurde eine höhere Beteiligung erwartet.

Bulgariens unabhängiger Präsidentschaftskandidat Andrej Gjurow

Bulgariens unabhängiger Präsidentschaftskandidat Andrej Gjurow

Foto: Valentina Petrova / Bulgarian News Agency / AP / dpa

Der Politikexperte Teodor Slawew bezeichnete den Ausgang der ersten Wahlrunde im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP als »schallende Ohrfeige der Wähler für die Regierung Rumen Radew«, der sich wie Jotowa für einen Dialog mit Russland einsetze. Als einen der Gründe nannte der Experte »Jotowas wenig überzeugende Antwort auf die russischen Bedrohungen im Schwarzen Meer«.

Die 62-jährige Jotowa, eine ehemalige Journalistin und sozialistische Europaabgeordnete, hatte das Präsidentenamt erst im Januar von Radew übernommen. Dieser war zurückgetreten und hatte anschließend die Parlamentswahl gewonnen und das Amt des Ministerpräsidenten übernommen. Eine Bestätigung Jotowas als Staatschefin würde ihm Rückenwind verschaffen.

Streit um Waffenlieferungen für die Ukraine

Die Regierung hatte im Juni Waffenlieferungen aus Beständen der bulgarischen Armee an die Ukraine gestoppt und sich später aus der internationalen »Koalition der Willigen« zur Unterstützung Kyjiws zurückgezogen. Die bulgarische Rüstungsindustrie liefert allerdings weiterhin Waffen an Kyjiw.

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Die Bulgaren sind in ihrer Haltung gegenüber Russland gespalten. Der Gründer des Umfrageinstituts Mjara, Parwan Simeonow, sagte, bei der Präsidentschaftswahl stünden sich zwei Visionen gegenüber: die eine »konservativ, populistisch und dem Osten zugewandt« und die andere »westlich, elitär und liberal«.

Im politischen System Bulgariens hat das Staatsoberhaupt vor allem repräsentative Aufgaben. Es kann allerdings ein Veto gegen Gesetze einlegen und ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte des Nato-Mitgliedslandes. Jotowa wäre im Falle eines Siegs die erste gewählte Frau an der Spitze Bulgariens – im Januar hatte sie das Amt ohne Wahl übernommen.

cgu/AFP

Source: Der Spiegel · DER SPIEGEL

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