Ron Lauder bei einer Rede zur Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau (2025): »Ich sage das aus Liebe, aus Liebe und Sorge«
Foto: Czarek Sokolowski / APDer 82-jährige Lauder ist Erbe des Kosmetikkonzerns Estée Lauder und seit Juni 2007 Präsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC), in dem jüdische Gemeinschaften und Organisationen weltweit vereint sind. Der Milliardär, der nie in Israel gelebt hat, hat in den vergangenen Monaten seine verbliebenen Immobilien dort verkauft und verschenkt. »Ich habe nicht vor, nach Israel zurückzukehren«, sagt er im Interview. »Im Grunde habe ich meine Verbindungen dorthin gekappt.«
Lauder war in den Achtzigerjahren US-Botschafter in Wien und hatte und hat heute noch Verbindungen zu zahlreichen Regierungschefs weltweit, auch zu Netanyahu. »Ich habe 20 Jahre, 30 Jahre lang geschwiegen«, sagte er nun. »Eines der Dinge, die Israel im Vergleich zu anderen Ländern so besonders machten, war, dass es eine echte Demokratie gab. Was wir jetzt erleben, fühlt sich eher wie eine Bananenrepublik an.«
Israels aktuelle Regierung stelle ihre eigenen Interessen über die des israelischen Volkes, sagt Lauder, die extremistischen Minister Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich zerstörten das Land mit Netanyahus Wissen und Zustimmung. »Was wir hier haben, ist ein Diktator, eine Einmannshow. Israel ist eine Demokratie, aber Netanyahu hält sich nicht an die Regeln der Demokratie.« Müsste er sich für einen Kandidaten der anstehenden Wahl entscheiden, würde er den Vorsitzenden der Jaschar-Partei, Gadi Eisenkot, favorisieren.
Vom aufgeschlossenen zum politischen »Bibi«
Lauder lernte Netanyahu in dessen Zeit als Uno-Botschafter in New York kennen, beide schlossen schnell Freundschaft. »Oft unterhielten wir uns, lachten, hatten Spaß, sprachen über Leute«, sagt er der »Haaretz«, »wöchentlich, manchmal sogar täglich.«
Sara und Benjamin Netanyahu: »Bibi stellt seine Karriere über alles«
Foto: Mehmet Eser / Middle East Images / IMAGOIhm sei klar gewesen, dass es Netanyahu um Macht gegangen sei – und Lauder hat Macht. Er unterstützte schon damals die US-Republikaner. 2016 spendete er 100.000 Dollar für Donald Trumps Wahlkampf, und er soll Trump vorgeschlagen haben, Grönland zu kaufen. Sein Schwiegersohn Kevin Warsh ist seit Kurzem Chef der US-Nationalbank.
Als Netanyahu nach Israel zurückging, habe er »sich von einem aufgeschlossenen Bibi in einen politischen Bibi« gewandelt – Bibi ist Netanyahus Spitzname –, er habe »die Schlüsselfigur in der rechtskonservativen Likud-Partei werden wollen«. Netanyahus dritte Ehefrau Sara habe ihre Verbindung zudem unterminiert. »Er ließ mich zurück«, sagt Lauder, »Bibi stellt seine Karriere über alles.« Dennoch hielt Lauder den Kontakt und dementierte seitdem jegliche Gerüchte über eine Entfremdung.
Ein Friedensplan stand bereits
Ron Lauder berichtet in dem »Haaretz«-Interview zum ersten Mal von den Verhandlungen, die er Ende der Neunzigerjahre im Namen des israelischen Ministerpräsidenten mit dem syrischen Staatschef Hafis al-Assad und dem libanesischen Premierminister Rafik Hariri geführt hat. Nach monatelangen Gesprächen lag laut Lauder ein »Zehn-Punkte-Friedensplan« vor, dem alle drei Politiker zugestimmt hatten und »der Israel verändert hätte«.
»Assad war bereit, ihn zu unterzeichnen«, sagt Lauder. »Er lag Bibi zur Unterschrift vor. Bibi entschied sich, nicht zu unterschreiben.« Details zu dem Abkommen möchte Lauder nicht preisgeben. Die endgültige Fassung wurde nie veröffentlicht, die beiden existierenden Exemplare befänden sich in seinem Besitz. Unter anderem habe Netanyahu dem Rückzug von den Golanhöhen zugestimmt, obwohl er dies später dementiert hatte.
»Es ist an der Zeit zu sagen: Netanyahu hat die Politik dem Frieden vorgezogen«, sagt Lauder. »Er hat seine politische Zukunft über das Abkommen gestellt.« Der US-Amerikaner fühlte sich betrogen. »So ist Bibi.«
Lauder erzählt von einem Treffen mit dem König von Jordanien vor wenigen Wochen. »Jordanien war eines der loyalsten Länder gegenüber Israel, die wir da draußen haben, und wir haben das loyalste Land in einen Israelhasser verwandelt«, sagt er – schuld hätte der rechtsextreme Sicherheitsminister Ben-Gvir. Dessen Anhänger verprügelten Mitte Oktober eine Fotografin der »Washington Post«: »Wie dumm kann man denn sein? Die ›Washington Post‹ wird Israel deswegen hassen! Hassen! Zu welchem Zweck?«
»Ich möchte den Israelis sagen: ›Schämt euch! Schämt euch alle‹«
Besonders besorgt zeigte sich Lauder über die Beziehungen zwischen Israel und den USA. Trotz Trumps Ansage, Netanyahu bei der Wahl zu unterstützen, sieht er die beiden Präsidenten auf Kollisionskurs. An die Israelis gerichtet sagt er: »Ihr habt die Demokratische Partei verloren, und ihr verliert gerade die Republikanische Partei. Und das alles wegen eurer eigenen Dummheit.«
»Ich möchte den Israelis sagen: ›Schämt euch! Schämt euch alle. Eure Väter und Großväter haben für diesen Ort gekämpft, und ihr verliert ihn wegen eurer Dummheit. Punkt.‹« Netanyahu würde er empfehlen, Extremisten aus einer möglichen künftigen Regierung herauszuhalten, sie hätten zu viel zerstört. »Ich bin auch heute noch Zionist, ich liebe Israel immer noch, und ich werde alles tun, was ich kann, um ihm zum Erfolg zu verhelfen. Ich sage das aus Liebe, aus Liebe und Sorge.«
»Ich möchte, dass Sie mir zuhören«, sagt Lauder in dem Interview mit der »Haaretz«. »Ich bin 82 Jahre alt, vielleicht habe ich nicht mehr allzu lange zu leben.« Er wollte das Interview explizit der israelischen Zeitung geben, um Alarm zu schlagen und die Wähler in dem Land aufzurütteln.
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Source: Der Spiegel · DER SPIEGEL
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