Wenig Regulierung, niedrigere Steuern – und die unberührte Weite Patagoniens. Der argentinische Präsident Milei buhlt um den Bau von KI-Rechenzentren in der Steppe. Doch auch in Argentinien keimt Skepsis.
08.11.2026, 10.59 Uhr
Argentinischer Präsident Milei: Körperschaftsteuer für große KI-Investitionen soll drastisch sinken
Foto: Alejandro Martinez Velez / REUTERSWenn in Europa oder in den USA ein neues Rechenzentrum gebaut werden soll, gibt es oft lautstarke Proteste. Anwohner, Umweltschützer, Kommunalpolitik: Der Kampf gegen die gigantischen Serverfarmen wird immer unerbittlicher. Es geht um Lärm, um Wasserverbrauch, den Wert der eigenen Immobilie und nicht zuletzt darum, dass die KI-Anwendungen in den Rechenzentren dazu beitragen können, den eigenen Arbeitsplatz abzuschaffen.
In dieser Gemengelage inszeniert Argentiniens ultraliberaler Präsident Javier Milei sein Land nun als den perfekten Standort für die Techkonzerne. Er will so viele von ihnen anlocken wie möglich. Dabei wirbt er mit der Aussicht auf wenig Bürokratie, niedrige Steuern – und nicht zuletzt bietet er ihnen die unberührte Weite der patagonischen Steppe an. Das lange Zeit von Wirtschaftskrisen gebeutelte Land hofft durch die Techindustrie auf eine neue ökonomische Zukunft als KI-Hub.
Der Bedarf an Platz und Energie für neue Rechenzentren weltweit ist jedenfalls gewaltig. Die künstliche Intelligenz verlangt immer mehr Leistung. Die Aktienkurse der Techkonzerne hinter den Zentren erreichten zuletzt immer neue Höchststände, ein Ende des Booms ist trotzt jüngerer Kurskorrekturen an den Märkten nicht abzusehen. Die Frage, wer wo wie viel Rechenleistung bieten kann, ist für Volkswirtschaften längst zur Standortfrage geworden.
Abgelegenheit ist auch ein Risiko
Anders als die USA oder Europa verspricht Milei: »Wir werden künstliche Intelligenz nicht regulieren.« Vor der US-Handelskammer in Washington sagte er kürzlich: »Wir werden sie frei lassen.« Der durch seine Kettensägen-Politik bekannt gewordene Präsident schlug bereits vor, die Gründung »nicht-menschlicher Unternehmen« ermöglichen zu wollen, die vollständig von KI-Agenten geführt werden.
Die Techunternehmen, besonders aus dem Silicon Valley, spielen offenbar mit. Viele Vertreter von ihnen waren zuletzt jedenfalls in Buenos Aires gesehen worden. Die Nachrichtenagentur AP berichtet unter Berufung auf Besuchsprotokolle von Managern von OpenAI, Amazon, Google oder Oracle genauso wie von Rechenzentrumsbetreibern oder dem umstrittenen Risikokapitalgeber Peter Thiel, der sich auch schon einen Zufluchtsort in dem Land aufgebaut haben soll. Laut AP zeigen Unterlagen des Außenministeriums dass der Rechenzentrumsentwickler Crusoe, der am Bau von OpenAIs Vorzeigecampus in Texas beteiligt war, in diesem Jahr Gespräche mit argentinischen Energiebeamten über von der US-Regierung unterstützte Investitionen suchte.
Selbst wenn zwischen Milei und die Techbosse ideologisch kein Blatt passen sollte: Entstehen im abgelegenen Patagonien wirklich bald die Kraftzentren der KI-Revolution?
Geografisch bietet die Gegend offene Ebenen fernab von Bevölkerungszentren, ein kühles Klima zur Kühlung der Maschinen, starke Winde zur Stromerzeugung und eines der größten Schiefergasvorkommen der Welt in Vaca Muerta, um Kraftwerke zu befeuern. Das lockt beispielsweise Green Capital an, ein polnisches Unternehmen für erneuerbare Energien. Es plant in Patagonien ein Rechenzentrum im Wert von drei Milliarden Dollar, das große Tech-Firmen für KI-Berechnungen mieten sollen.
Weite Steppe in Patagonien: Platz und Energieressourcen vorhanden
Foto: Amazing Aerial Agency / picture alliance»Am Ende der Welt zu liegen, war früher ein Nachteil«, sagte Rubén Etcheverry, ein hochrangiger Beamter in Neuquén, der Patagonien-Provinz. »Doch heute, angesichts von Energieknappheit und steigenden Kosten, schauen Investoren auf uns.«
Trotzdem dürfte es bis zum KI-Boom am Ende der Welt zumindest noch etwas dauern. Weil Argentinien über Jahrzehnte sein Stromnetz vernachlässigt hat und von einer Krise in die nächste gestolpert ist, verfüge das Land derzeit nur über eine Rechenzentrumskapazität von 40 Megawatt und liege damit etwa noch weit hinter Chile mit 400 Megawatt, wie die »Financial Times « vorrechnete. Bislang entschieden sich Investoren in Lateinamerika auch eher für Uruguay, Mexiko oder Brasilien. Nach Mileis Ankündigung für ein gewaltiges Rechenzentrum von OpenAI vor mehr als einem Jahr habe man von dem Projekt nichts mehr gehört.
Damit die Investoren kommen, setzt Milei nun auf Anreize. Der Körperschaftsteuersatz für Projekte mit einem Volumen von mindestens einer Milliarde Dollar in KI und anderen aufstrebenden Branchen soll von 25 auf 15 Prozent sinken.
Allerdings wächst auch in Argentinien die Sorge vor den Folgen eines möglichen Ausverkaufs an die Techindustrie. Alan Rocha Varsanyi, Forscher beim Observatorio Petrolero Sur, einer argentinischen Umweltgruppe, warnte: »Die Rechenkapazität wird dorthin exportiert, wo OpenAI oder die anderen Unternehmen sie brauchen.« Andere fürchten die Umweltbelastung, die indigenen Mapuche bangen um ihre Landschaft. Auch Milei hat den Argentinierinnen und Argentiniern offenbar noch nicht erklären können, was sie von den neuen Rechenzentren haben. Sie schaffen auch nur vergleichsweise wenige Arbeitsplätze.
apr/AP
Source: Der Spiegel · DER SPIEGEL
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