Verschiedene Comic-Hefte und die neue Ausgabe des neuen Comics "Heiliger Lucky!" liegen auf einem Tisch.

Stand: 04.11.2026 • 08:47 Uhr

Lucky Luke soll kein Comic-Held von gestern sein. Autor Jul lässt den Cowboy deshalb gegen Rassismus und Tierquälerei kämpfen. Der neue Band zum 80. Geburtstag spielt mit religiösen Kulten und dem Hype um große Stars.

Von Alex Jakubowski, HR

Lucky Luke ist ein Held. Doch im neuen Album "Heiliger Lucky" wird der "lonesome cowboy" nun auch zum Messias. Zumindest für die Einwohner der Orte "Faith" und "Beliefs Junction". Sie verehren ihren Helden, weil er mit Tieren reden kann, schneller schießt als sein Schatten und sie auch noch vor einer Heuschreckenplage bewahrt.

Prompt bilden sich Glaubensgemeinschaften, die den "Lukismus" verbreiten. Zuvor trifft der Cowboy auf einen Verschwörungstheoretiker, der glaubt, die Erde sei eine Scheibe. "Sagen Sie nicht, Sie glauben den Humbug der Regierung in Washington, die uns weismachen will, dass die Erde rund ist, nur damit wir mehr Steuern zahlen!", meint der Farmer.

Ein Reverend hat seinen Messias gefunden und begründet den "Lukismus". Der legendäre Cowboy ist dagegen von seiner neuen Rolle wenig begeistert.

Die Telegrafie wird zum Internet des Lucky Luke

Unübersehbar sind die Bezüge zwischen dem Wilden Westen und dem Hier und Jetzt. Autor Jul spielt im neuen Abenteuer mit religiösen Kulten und dem Fandom großer Medienstars. Eine Heuschreckenplage gab es 1874 in Kansas wirklich. Die neu installierte Telegrafie steht im neuen Album im übertragenen Sinne für das Internet.

"Nicht zu fassen, wie viel Unsinn durchs Netz ins Haus kommt", erklärt Apotheker Colson Creed dem erstaunten Lucky Luke. Für Jul, der seit 2016 für die Geschichten verantwortlich ist, eine zeitgemäße Art, Lucky-Luke-Abenteuer zu schreiben.

Natürlich könne man auch einfach lustige Geschichten schreiben, sagt der Autor. "Die würde sich super verkaufen, aber das ist nicht ausreichend für mich", erklärt Jul bei der Preview des neuen Albums in Berlin. "Ich möchte selbstverständlich immer historische Bezüge herstellen, aber gleichzeitig eben auch relevante, aktuelle Themen aufgreifen."

Wollen Lucky Luke möglichst nah an die Gegenwart heranrücken: Zeichner Achdé (Hervé Darmenton) und Autor Jul.

Auf den Spuren von René Goscinny

Deshalb schreibt der Lucky-Luke-Autor Geschichten, von denen er hofft, dass sie uns etwas zu sagen haben. Es gehe darum, "was wir glauben, oder was wir teilen", sagt Jul. "Das ist ein Teil meiner Verantwortung als Autor, wenn man eine so populäre Reihe fortführt."

In dieser Hinsicht hat sich die Reihe in ihrer mittlerweile 80-jährigen Geschichte stark verändert. Während sie in den frühen Anfängen vor allem als humoristische Western-Parodie gedacht war, wurden die Abenteuer spätestens seit 1955 deutlich aktueller. Asterix-Vater René Goscinny verknüpfte die Geschichten als Texter damals mit gesellschaftlich relevanten Themen.

Auf Erlösungstour: Auch riesige Heuschrecken gehören als biblische Plage zu den Problemen, von denen der "heilige Lucky" seine Anhänger befreien soll.

Die Reihe wurde immer wieder modifiziert

Lucky-Luke-Kenner Horst Berner denkt beispielsweise dabei an das Abenteuer "Der Kaiser von Amerika" von 1976. Es erscheine heute "fast als Parodie auf das, was sich seit geraumer Zeit im Weißen Haus in Washington abspielt". Berner ist Co-Autor des großen Lucky-Luke-Lexikons.

Goscinny habe sich damals darüber amüsiert, "einen harmlosen Spinner" zeigen zu können, eine Marionette. "Doch ab dem Moment, wo er über eine gewisse Macht verfügt, wird er höchst gefährlich, weil er von Schlauköpfen und Ehrgeizlingen manipuliert wird", zitiert Berner die prophetischen Worte von Goscinny.

Von jeher wurde die Reihe immer wieder modifiziert. Das deutlichste Zeichen dafür war der Verzicht auf die im Titelkopf zuvor stets präsente Zigarette. Dieser Verzicht, so Berner, "ging einher mit der Produktion einer Serie von Lucky-Luke-Zeichentrickfilmen, die für Kinder und Jugendliche in den USA produziert wurden".

1983 tauschte Lucky Luke deshalb im Album "Fingers" den Glimmstengel gegen einen Grashalm aus. 1988 wurde Zeichner Morris dafür von der Weltgesundheitsorganisation WHO mit einer Medaille ausgezeichnet.

Gegen Rassismus und für das Tierwohl

Auch jüngere Alben stellen immer wieder Bezüge zu gesellschaftlichen Themen her. Kritik an Rassismus übte Autor Jul im Band "Fackeln im Baumwollfeld". Im darauffolgenden Heft "Rantanplans Arche" ging es um Vegetarismus und Tierwohl.

Das sei eine elegante Methode, die Reihe auch für neue Leser interessant zu machen, sagt Felix Görmann, in Comic-Kreisen besser bekannt als Zeichner Flix. Im Museum für Kommunikation in Berlin hat er gerade eine Lucky-Luke-Ausstellung kuratiert.

"Nicht vor sich hin-abenteuern"

"Das ist eine Frischzellenkur für die Serie", glaubt Flix. Die stärksten Bände sind aus seiner Sicht jene, "die nicht nur so vor sich hin-abenteuern, sondern etwas zu erzählen und zu verhandeln haben." Es sei deshalb sinnvoll, viel diskutierte Gegenwartsthemen in die Hefte einzubauen.

Allerdings müsse man beim Erzählen behutsam vorgehen, meint Wolf Stegmaier. Der Programmchef des Egmont-Verlags veröffentlicht die Lucky-Luke-Comics in Deutschland. Tatsächlich habe sich das rassismuskritische Album "Fackeln im Baumwollfeld" deutlich besser verkauft als andere Bände. Eine Comicreihe müsse auch immer wieder angepasst werden, um zeitgemäß zu sein.

Genauso wichtig sei es allerdings, dass die Aktualisierung mit Augenmaß geschehe. "Man will die Leser auch nicht erschlagen mit zeitgenössischen Themen", sagt Stegmaier. "Es muss auch in den Kontext der Western-Geschichte passen." Wichtig ist, dass Lucky Luke der Mann bleibt, der schneller schießt, als sein Schatten.

Source: Tagesschau · Alex Jakubowski, HR

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