Vor dem Gericht werden Fotos der Opfer hochgehalten.

Stand: 04.11.2026 • 12:36 Uhr

Als im November 2011 die Taten des NSU ans Licht kommen, enden für die Familien der Mordopfer Jahre der Ungewissheit. Trotzdem hält ihr Schmerz bis heute an - weil die Ermittlungsakten weiter viele Leerstellen haben.

Von Carolyn Wißing, WDR

Gamze Kubaşık steht vor einer Steinstehle mitten in Dortmund. "Gedenkstätte für die Opfer rechtsextremer Gewalt". Auf der Rückseite sind zehn Namen mit Todesdatum und -ort eingraviert. Der achte Name ist Mehmet Kubaşık. Gamze Kubaşıks Vater ist am 4. April 2006 ermordet worden. Er wurde erschossen in seinem Kiosk in Dortmund von der rechtsextremen Terrorgruppe NSU.

Doch das weiß Gamze Kubaşık damals noch nicht. Wer die Täter waren, welche Hintergründe der Mord hatte, das erfährt sie erst fünf Jahre später. Eine Freundin ruft sie am 04. November 2011 an und sagt ihr, sie solle den Fernseher einschalten. "Ich habe Bilder von den zwei Tätern gesehen, Bilder von einem Wohnwagen und auch von meinem Vater und den anderen Opfern, aber ich konnte das nicht in Zusammenhang bringen", erinnert sie sich. Erst nach und nach setzt sich für sie das Puzzle zusammen.

Neonazis entkommen zunächst

Nach einem Banküberfall in Eisenach entkommen die Neonazis Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zunächst. Als Polizisten sie in einem Wohnwagen entdecken, erschießen sie sich. Ihre Komplizin Beate Zschäpe legt kurz darauf einen Brand im gemeinsamen Versteck in Zwickau. Unter anderem dort finden Ermittler eine Kopie eines Bekennervideos, in dem sich der NSU zu mehreren Raubüberfällen, Anschlägen und zehn Morden bekennt.

Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık und Halit Yozgat werden zwischen 2000 und 2006 aus rassistischen Motiven getötet. Das Motiv für den Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 ist bis heute unklar. Viele weitere Menschen werden bei Sprengstoffanschlägen schwer verletzt, unter anderem 2004 auf der Keupstraße in Köln.

Eine Zäsur für Deutschland

"Es war eine richtige Zäsur für dieses Land, dass es so lange möglich war, dass Neonazis durchs Land ziehen und morden", sagt Publizist Tanjev Schultz, der die Aufarbeitung des NSU-Komplexes in Untersuchungsausschüssen und vor Gericht verfolgt hat.

Und auch für Gamze Kubaşık markiert die Enttarnung des NSU eine Zäsur in ihrem Leben. "Ich habe einfach gespürt, dass ich jahrelang eine Last mit mir getragen habe und mich an diesem Tag endlich aufrichten konnte", sagt sie. Sie, ihre Geschwister, ihre Mutter und auch die anderen Opferfamilien werden nach den Morden selbst zum Mittelpunkt der Ermittlungen. Polizei und Staatsanwaltschaft verdächtigen sie, werfen den Familien vor, in Drogengeschäfte oder mafiöse Strukturen verwickelt zu sein. Medien berichten spekulativ von "Dönermorden".

Schleppende Ermittlungen

Ein rechtsextremes rassistisches Motiv oder gar einen Zusammenhang zwischen den Taten sehen die Ermittler trotz Hinweisen - auch aus den Familien - bis zur Enttarnung nicht. "Über viele Jahre wurden die Familien der Opfer tatsächlich alleingelassen, man hat ihnen nicht geglaubt. Die Ermittler haben sie eher kriminalisiert", sagt Tanjev Schultz. Gamze Kubaşık lässt deswegen die Frage bis heute nicht los: "Hätte man die Tat an meinem Vater verhindern können?"

Selbst nach der Enttarnung des NSU geht die Aufarbeitung der Taten nur schleppend voran. Ermittlungsakten sind plötzlich nicht mehr aufzufinden oder sind sogar vernichtet worden. Involvierte Beamte mauern und machen keine Aussagen. Kritik gibt es auch an den Verfassungsschutzbehörden. Wichtige Hinweise von V-Leuten, die im Umfeld des Trios arbeiteten, wurden nicht weitergegeben. "Ich bin da total ehrlich und kann sagen, dass ich das Vertrauen in unseren Staat verloren habe", sagt Gamze Kubaşık.

Es bleiben Fragen offen

Nach mehr als vier Jahren und 430 Verhandlungstagen geht im Juli 2018 der Prozess gegen Beate Zschäpe vor dem Oberlandesgericht München zu Ende. Sie wird zu lebenslanger Haft verurteilt. Auch vier mitangeklagte Helfer erhalten Haftstrafen. Für Gamze Kubaşık aber bleiben weiterhin viele Fragen offen. "Ich möchte einfach wissen, was wusste der Verfassungsschutz, was verheimlicht der Staat uns", sagt sie.

Sie und die anderen Opferfamilien sind überzeugt, dass das Trio einen großen Unterstützerkreis in der rechtsextremen Szene hatte, der Tatorte und Opfer ausspähte. Das hält auch Tanjev Schultz für möglich. "Es war auch so, dass der NSU selbst in seinem Bekennervideo davon gesprochen hat, es sei ein Netzwerk von Kameraden." Auch er sieht noch viele ungeklärte Aspekte im NSU-Komplex.

Gamze Kubaşık kämpft gemeinsam mit den anderen Opferfamilien weiter für Aufklärung. Immer wieder spricht sie in der Öffentlichkeit über das Geschehene, macht Bildungsarbeit in Schulen, organisiert Gedenkveranstaltungen. "Es ist eine Arbeit, die mich viel Kraft kostet", sagt sie. Aber sie verspüre eine Verantwortung - vor allem ihrem toten Vater gegenüber.

Source: Tagesschau · Carolyn Wißing, WDR

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