Stand: 02.11.2026 • 00:50 Uhr
Seit 100 Tagen ist der neue ukrainische Armeechef Drapatyj im Amt. Er verändert Führungsstrukturen und setzt auf mehr Eigenverantwortung an der Front. Auch kremlkritische russische Analysten bemerken eine Veränderung.
Mychajlo Drapatyj ist der dritte ukrainische Armeechef seit dem russischen Überfall vor fast fünf Jahren. Seine Ernennung stieß beim Militär sofort auf ein positives Echo. Aus zwei Gründen: Mit seinen 43 Jahren ist er deutlich jünger als seine Vorgänger im Amt. Außerdem kämpfte er an vorderster Front - schon 2014, als Russland im Osten der Ukraine sogenannte Volksrepubliken ausrufen ließ und dort Armeen aufbaute.
Der ehemalige Sprecher der Landstreitkräfte, die Drapatyj früher anführte, sagte nach seiner Ernennung: "Er hat gezeigt, dass er in schwierigen Situationen strukturiert und adaptiv handelt. Ich habe von niemandem eine negative Rückmeldung gehört.
Weniger Mikromanagement, mehr Verantwortung
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte Drapatyj berufen, nachdem Menschen zahlreich gegen seinen Vorgänger Oleksandr Syrskyj demonstriert hatten. Sie warfen ihm unter anderem vor, die Armee zu autoritär zu führen.
Nach 100 Tagen im Amt habe Drapatyj in der Armee bereits einiges verändert, sagen Beobachter. Die Tendenz: weniger Mikromanagement, mehr Verantwortung auf unteren Ebenen.
Diese Herangehensweise an die Armeeführung sei neu, sagt Jurij Butusow, früher Kriegsberichterstatter und heute selbst Soldat: "Die Kommandeure der Armeekorps müssen dem Oberkommandierenden nicht mehr zweimal am Tag Bericht erstatten. Es ist positiv, dass so weniger Zeit verloren geht."
Fortschritte im Donezkbecken
Beobachter heben zudem hervor, dass Drapatyj stärker in größeren Strukturen denkt. Er schuf zwei sogenannte Armeegruppen für das Donezkbecken, wo sich das Frontgeschehen vor allem abspielt. Diese Armeegruppen bestehen jeweils aus mehreren Korps. Dies soll die Koordination verbessern.
Auch kremlkritische russische Beobachter sehen die Handschrift von Drapatyj vor allem im Fokus auf das Donezkbecken, welches Russland in erster Linie einnehmen möchte. Die Situation habe sich verändert, sagt Ruslan Lewijew von der Plattform Conflict Intelligence Team, die den Krieg analysiert. Seit etwa anderthalb Monaten rücke die russische Armee dort kaum noch vor, berichtet er. "Das liegt am neuen Kommandierenden des Korps, das für die Verteidigung der Städte Slowjansk und Kramatorsk verantwortlich ist."
Vorstöße, aber kein entscheidender Richtungswechsel
Der Ukraine gelang sogar ein lokaler Vorstoß im nördlichen Donezkbecken, der von ukrainischer Seite als "Operation Vivaldi" bezeichnet wird. Sie durchkreuzte die Pläne der russischen Armee, die Städte Slowjansk und Kramatorsk von Norden her zu umfassen.
"Die ukrainische Armee nutzt nach der Veränderung in der Führung die Schwächen der russischen Armee besser aus, um erfolgreiche Angriffsoperationen durchzuführen", sagt auch Analyst Lewijew. "Das beste Beispiel dafür in letzter Zeit ist die Operation Vivaldi."
Es gibt unterschiedliche Berechnungen, aber seit Drapatyj Armeechef ist, hat Russland unterm Strich nicht mehr Gelände erobert, als die Ukraine gleichzeitig befreit hat. Das berichten auch prorussische Telegram-Kanäle ein, die den Krieg beobachten. Lewijew und andere betonen allerdings, dass die Ukraine damit den russischen Vormarsch zunächst einmal nur stark verlangsamt hat. Raumgreifende Rückeroberungen halten die meisten Experten derzeit nicht für möglich.
Source: Tagesschau · Florian Kellermann
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