Zu wenig neue Wohnungen: Das liege auch am Iran-Krieg, sagt Sika-Chef Thomas Hasler

Aufatmen bei einem der grössten Schweizer Industriekonzerne: Sika hat die Wende geschafft und wächst aus eigener Kraft. Aber in der Bauwirtschaft tun sich immer neue Probleme auf.

24.10.2026, 05.30 Uhr

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Bei der Infrastruktur geht es vorwärts: Sika-Isolationsfolie wird in der neuen Röhre des Gotthard-Strassentunnels angebracht.

Bei der Infrastruktur geht es vorwärts: Sika-Isolationsfolie wird in der neuen Röhre des Gotthard-Strassentunnels angebracht.

Gaëtan Bally / Keystone

Es ist eine Genugtuung für Thomas Hasler. Seit einiger Zeit steht Sika, der weltgrösste Hersteller von Bauchemie, an der Börse unter Druck – und damit auch der Firmenchef. Noch im März waren die Sika-Aktien auf den tiefsten Stand seit Anfang 2019 gerutscht. Doch seither ging es um mehr als 40 Prozent aufwärts. «Der Markt versteht Sika wieder besser. Er anerkennt unsere Performance losgelöst von der schwierigen Situation in der Baubranche», sagt Hasler im Gespräch.

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Lange Jahre war Sika von Erfolg zu Erfolg geeilt. Die Klebstoffe und Chemikalien des Konzerns zum Abdichten und Isolieren waren gefragt, die Kunden zahlten Aufpreise. Doch wenn die Kunden nicht bauen, brauchen sie auch keine Sika-Produkte. Im zweiten Halbjahr 2025 gelang es dem Konzern nicht mehr, aus eigener Kraft zu wachsen. Sogar trotz der Übernahme kleinerer Konkurrenten ist Sikas Umsatz in dieser Zeit geschrumpft.

Die Erholung am Bau ist verschoben

Thomas Hasler ist seit 2021 CEO von Sika.

Thomas Hasler ist seit 2021 CEO von Sika.

Reuters

Der CEO Hasler ist ein Sika-Urgestein und seit 37 Jahren im Unternehmen. Er lässt lieber die Zahlen statt markige Auftritte für sich sprechen. Und diese Zahlen tönen seit April freundlicher: Sika wächst wieder organisch, also auch ohne Zukäufe anderer Unternehmen. Im dritten Quartal um 4,6 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, wie Sika am Freitag bekanntgab. Insgesamt setzte der Konzern seit Jahresbeginn 8,7 Milliarden Franken um.

Dass das organische Wachstum im zweiten Quartal noch 5,7 Prozent betragen hatte, sieht Hasler nicht als Grund zur Besorgnis. «Im Sommer wurde das Geschäft durch die Hitzewelle etwas gedämpft. Das ist mehr Semantik als ein Gegentrend», erklärt der Firmenchef. Er rechnet auch für das Gesamtjahr mit einem soliden Endergebnis. Und das ungeachtet des nach wie vor verhaltenen Marktumfelds. Denn die Hitzewelle, welche die Arbeit auf den Baustellen behinderte, ist nicht das einzige Problem der Bauwirtschaft.

So sieht es auch Paolo Compagna, der Chef des Aufzugsbauers Schindler aus Ebikon. Er vermeldete am Donnerstag überraschend ein grosses Auftragsplus für Schindler im dritten Quartal, vor allem für die Neuinstallation von Liften. Doch der Weg zurück zu einer gesunden Bautätigkeit ist lang: Vielerorts in Europa und Nordamerika habe es erste Anzeichen einer Erholung der Bautätigkeit gegeben, aber der breite Aufschwung sei noch nicht gefolgt, sagte Compagna gegenüber Analysten. Der CEO verwies auf gestiegene Kosten und höhere Zinsen, welche die Finanzierung von Bauprojekten erschwerten.

«Anfang des Jahres gab es ein Momentum mit einem gewissen Optimismus», bestätigt der Sika-Chef Hasler. «Aber nach Beginn des Iran-Kriegs ist die Zuversicht wieder geschwunden, gerade im Wohnungsbau.» Die Verunsicherung über die politische Lage lasse die Bauherren zögern, auch wenn der Bedarf an neuen Wohnungen offensichtlich sei. Das gelte in Europa wie auch in den USA.

In Deutschland bleibt der Infrastruktur-Boom noch aus

Besser sieht es bei Geschäftsimmobilien aus, besonders bei Datenzentren, deren Bau boomt. Auch Infrastrukturprojekte helfen grossen Bauzulieferern wie Sika. Von der versprochenen Infrastruktur-Renaissance in Deutschland ist indes noch nicht viel zu spüren. Die versprochenen Staatsgelder kämen erst langsam bei den Projekten an, sagt Hasler. Noch sei das Ausmass nicht signifikant, aber der Vergabeprozess sei auch kompliziert. Über die Zeit würden sich die Infrastrukturausgaben in Deutschland aber immer stärker auswirken, sagt der Sika-Chef zuversichtlich.

Das sind bessere Aussichten als in China. Dort ist der Wohnungsbau derart stark eingebrochen, dass Sika es nicht durch Wachstum in anderen Bausegmenten des Landes ausgleichen kann. Der Konzern hat 2025 ein Programm mit Kürzungen und Investitionen aufgelegt, bei dem weltweit 1500 von rund 34 000 Stellen wegfielen – vor allem in China (und fast keine in der Schweiz).

Dies alles fügt sich zu einem gemischten Gesamtbild. Thomas Hasler warnt vor zu grossen Erwartungen: «Viele Baufirmen machen sich falsche Hoffnungen. Die Branche muss anerkennen, dass die letzten drei Jahre, die schwierig gewesen sind, nicht einfach ein Ausreisser waren.» Man müsse damit rechnen, dass es länger dauere, bis wieder Normalität herrsche, sagt der Sika-Chef.

Ungeachtet der Turbulenzen setzt Sika weiterhin auf Übernahmen. Das jüngste Ziel war die Azpects Group, ein führender britischer Hersteller von Polymersanden für den Landschaftsbau. «Gemessen an unserer Fähigkeit zur Integration neuer Tochterfirmen könnten wir mehr Übernahmen machen. Aber es muss im Einzelfall immer passen», sagt Hasler. Die Bauchemiebranche ist zersplittert, als Primus erreicht Sika einen Marktanteil von nur 12 Prozent. Die Hälfte des Marktes entfällt auf die 30 grössten Wettbewerber.

Auch Holcim kauft weiter zu

Von einer starken regionalen Zersplitterung profitiert auch Holcim, der dritte grosse Schweizer Ausrüster und Zulieferer für die Baubranche. Der Zementriese mit Sitz in Zug habe in den vergangenen fünf Jahren mehr als hundert Unternehmen gekauft, sagte der Holcim-Chef Miljan Gutovic am Freitag gegenüber Journalisten. Die Übernahmen sind ein Pfeiler von Holcims Strategie: Im dritten Quartal steigerte der Konzern den Umsatz gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 16 Prozent auf 4,7 Milliarden Franken. Zukäufe steuerten den grössten Teil zu diesem Wachstum bei.

Doch beim Gewinn erzielte Holcim die grössten Fortschritte aus eigener Kraft. Angesichts des schwierigen und komplexen Umfelds für die Baubranche entscheidet sich der CEO für selektiven Fatalismus: «Der Fokus in unseren internen Meetings liegt bei den Dingen, die wir kontrollieren können», sagt Gutovic und meint zum Beispiel Kostendisziplin, operative Umsetzung und Preissetzung. «Wir sprechen nicht endlose Stunden über die geopolitische Lage.»

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Benjamin Triebe

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