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Zu schwer, zu langsam, zu spät: warum Europa der Ukraine beim Satelliteninternet derzeit kaum helfen kann
Die Starlink-Satelliten von SpaceX bringen in der Ukraine das Internet an die Front. Mit Iris2 will die EU diese Abhängigkeit von den USA beenden.
23.10.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten
Eine ukrainische Vampire-Drohne im Fronteinsatz. Viele dieser Drohnen sind mit kleinen Starlink-Antennen ausgerüstet.
Oleksandr Ratushniak / Reuters
Die Aktien des französischen Satellitenbetreibers Eutelsat befanden sich in den vergangenen Monaten auf Talfahrt. Am 14. Oktober legten sie aber schlagartig um 23 Prozent zu. Was war geschehen? Am gleichen Tag kamen aus der Ukraine Meldungen: SpaceX habe die militärische Nutzung seines satellitengestützten Kommunikationssystems Starlink eingeschränkt. Die Internetverbindung zu ukrainischen Drohnen brach ab, wenn diese sich zu schnell bewegten.
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Offenbar waren Anleger der Ansicht, die Satelliten von Eutelsat könnten in die Bresche springen, wenn die USA den Zugang zu Starlink dauerhaft einschränken.
Starlink contra One Web: ein unfairer Vergleich
Tatsache ist, dass Eutelsat derzeit das einzige europäische Unternehmen ist, das eine Konstellation von Kommunikationssatelliten im erdnahen Weltraum betreibt. Bekannt ist Eutelsat vor allem für seine geostationären Satelliten, die in einer Höhe von 36 000 Kilometern um die Erde kreisen und Millionen von Haushalten mit Satelliten-TV versorgen.
Im Jahr 2023 erwarb Eutelsat das britische Unternehmen One Web und ergänzte sein Portfolio damit um gut 600 Satelliten im erdnahen Weltraum. Während Starlink vornehmlich private Kunden bedient, die keinen schnellen Zugang zum terrestrischen Internet haben, wird One Web von Regierungen, Behörden und Grossunternehmen genutzt.
One Web lässt sich nur bedingt mit dem Starlink-Netz von SpaceX vergleichen. Das fängt bereits mit den Umlaufbahnen an. Die meisten der über 10 000 Starlink-Satelliten kreisen in einer Höhe von 530 bis 550 Kilometern um die Erde. Die 600 Satelliten von One Web fliegen mehr als doppelt so hoch. So lasse sich zwar mit weniger Satelliten eine globale Abdeckung erzielen, sagt Sandro Scalise vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, in der Regel führten höhere Umlaufbahnen aber zu grösseren Endgeräten.
Eine Starlink-Antenne wiegt wenige Kilogramm und lässt sich in einem Rucksack verstauen oder auf eine Drohne montieren. Damit eignet sie sich für mobile Anwendungen im Gefechtsfeld. Die Antennen von One Web sind deutlich grösser und wiegen zwischen 12 und 20 Kilogramm. Deshalb werden sie meist auf Hausdächern, Schiffen oder Einsatzfahrzeugen verschraubt. Ausserdem sind die Antennen teuer. Während eine Starlink-Antenne für wenige hundert Dollar zu haben ist, kostet eine One-Web-Antenne mehr als 5000 Dollar.
Gravierender sei, dass die Satelliten von One Web nicht durch Inter-Satelliten-Links verbunden seien, sagt Scalise. Die von einem Nutzer gesendeten Daten müssten vom Satelliten direkt zu einer Bodenstation und von dort zu einem Internetknotenpunkt weitergeleitet werden.
Das ist ein Problem, weil die Bodenstationen von One Web dünn gesät sind. Die Daten müssen deshalb relativ weite Wege in unterirdischen Glasfasernetzen zurücklegen, bis sie den Empfänger erreichen. Das Weiterleiten der Signale führt zu einer Verzögerung, die man als Latenz bezeichnet. Diese ist nicht konstant, sondern kann sich schnell und erheblich ändern.
«Für manche Anwendungen stellt das kein Problem dar», sagt Scalise, «für andere schon.» Er könne sich vorstellen, dass die Steuerung einer Drohne in Echtzeit erheblich unter diesen Schwankungen der Latenz leide. Möglicherweise sei das einer der Gründe, warum die Ukraine One Web derzeit nur sehr eingeschränkt nutze.
Scalise weist auf einen weiteren Schwachpunkt hin. SpaceX habe das Starlink-Netzwerk in den vergangenen Jahren kontinuierlich modernisiert. Inzwischen gebe es bereits die vierte Generation von Satelliten, die deutlich leistungsfähiger seien als die der ersten. One Web bestehe immer noch aus den Satelliten der ersten Generation.
Eutelsat plant, sein Netz zu modernisieren. Ab 2027 sollen in einem ersten Schritt die alten Satelliten durch 669 neue ersetzt werden. Bis 2030 soll One Web dann auf 1300 Satelliten ausgebaut werden und mit der europäischen Satellitenkonstellation Iris2 verschmelzen.
Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, besucht eine Bodenstation von One Web in Nuuk auf Grönland.
Mads Claus Rasmussen / EPA
Iris2 soll Europa unabhängig von den USA machen
Iris2 ist die Antwort der Europäischen Union auf die gegenwärtige Weltlage. Der Krieg in der Ukraine hat Europa vor Augen geführt, wie wichtig ein Satelliteninternet ist, das widerstandsfähiger gegen Angriffe ist. Der Krieg in der Ukraine hat aber auch gezeigt, dass sich Europa besser nicht auf SpaceX und seinen launischen CEO Elon Musk verlassen sollte. Im Jahr 2024 entschied die Europäische Kommission deshalb, ein eigenes Satellitennetzwerk zu bauen. Iris2 soll es Regierungen, dem Militär und anderen staatlichen Einrichtungen ermöglichen, im Krisenfall sicher zu kommunizieren.
Der Auftrag zum Bau und zum Betrieb von Iris2 ging an Eutelsat und zwei weitere europäische Satellitenbetreiber. Vorgesehen sind 348 Satelliten, die über drei Ebenen verteilt sind. Die unterste Ebene besteht aus 66 Satelliten, die die Erde in einer Höhe von 500 bis 700 Kilometern umkreisen. Diese Satelliten sind speziell vor Störungen oder Cyberangriffen geschützt.
Die nächste Ebene befindet sich in einer Höhe von 1200 Kilometern und umfasst 264 Satelliten. Sie haben eine stärkere Sendeleistung als die One-Web-Satelliten. Ausserdem können sie untereinander mit Laserlicht kommunizieren, was die Latenzzeit reduziert. Den Abschluss bilden 18 Satelliten, die die Erde in einer Höhe von 8000 Kilometern umkreisen und von dort einen grossen Teil der Erdoberfläche überblicken.
Die drei Ebenen sind durch Laserlinks verbunden und sollen sich gegenseitig ergänzen. Während die Satelliten der beiden unteren Ebenen vor allem für zeitkritische Anwendungen genutzt werden sollen, dient die dritte Ebene dazu, grosse Datenmengen zu übertragen.
Iris2 könne die meisten Probleme lösen, mit denen One Web konfrontiert sei, sagt Scalise. Allerdings befinde sich die Satellitenkonstellation noch in der Planungsphase. Was sie tatsächlich leisten könne, werde man sehen, sobald das Design endgültig festgelegt sei.
Die ersten Satelliten der Iris2-Konstellation sollen 2029 mit einer Ariane-6-Rakete ins All gebracht werden. Ein Jahr später sollen die ersten Dienste angeboten werden. In den folgenden Jahren wird die Konstellation schrittweise ausgebaut.
Bis dahin gibt es in Europa keine echte Alternative zu Starlink. Zur Überbrückung setzt die EU auf militärische, staatliche und kommerzielle Satelliten von EU-Mitgliedsstaaten, deren Kapazitäten im Rahmen des Govsatcom-Programms gebündelt werden. Dazu gehören zum Beispiel das satellitengestützte Kommunikationssystem SatcomBw der deutschen Bundeswehr oder die französischen Syracuse-Satelliten. Auch die Satelliten von One Web sollen schrittweise eingebunden werden.
Davon profitiert auch die Ukraine, die auf Govsatcom zugreifen kann. Für die Steuerung von Drohnen und andere Aktivitäten an der Front ist Govsatcom allerdings kein Ersatz. Bis auf weiteres bleibt die Ukraine deshalb vom Goodwill Amerikas abhängig.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Christian Speicher
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