Jedes Jahr reisen ultraorthodoxe Pilger zum jüdischen Neujahr in die ukrainische Stadt Uman. Die lokale Bevölkerung blickt mit gemischten Gefühlen auf die grösste Massenveranstaltung in Kriegszeiten.
04.11.2026, 08.16 Uhr
8 Leseminuten
AktualisiertNatan, Natan und Natan sitzen in einer Bar im Zentrum von Uman und rauchen Wasserpfeife. Die Bedienung räumt leere Biergläser ab. Bald kommt eine neue Runde. «Heute feiern wir. Morgen Abend werden wir am Grab des Rabbi beten!», sagt der älteste der Gruppe mit schon etwas schwerer Zunge.
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Die drei knapp volljährigen Freunde aus der Nähe von Jerusalem, die zufällig denselben Vornamen tragen, sind vor einigen Stunden in Uman angekommen. Wie alle Gäste an diesem Abend im «Ben Chef», so der Name der Bar, gehören sie zur riesigen Schar von chassidischen Pilgern, die jedes Jahr zum jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana in die zentralukrainische Stadt reisen. Schätzungsweise 50 000 sind es in diesem Jahr. Es ist die grösste Massenveranstaltung in der Ukraine in Kriegszeiten.
Besonders für jüngere Pilger ist das Neujahrsfest in Uman auch eine Gelegenheit, aus der strikten sozialen Kontrolle zu Hause auszubrechen.
Pilger nehmen am Abend vor Schabbat eine Auszeit von den Feierlichkeiten.
Und der Krieg? «Der macht uns keine Angst. Wir haben auch Krieg in Israel», sagt der älteste der drei Natans und zeigt ein Bild von sich in Militäruniform.
Beten am Grab
Für viele Chassidim, chassidische Juden, ist die Pilgerfahrt ans Grab von Rabbi Nachman der Höhepunkt des Jahres. Der Religionsgelehrte begründete im 19. Jahrhundert auf dem Gebiet der heutigen Ukraine eine eigene chassidische Tradition. Der Chassidismus ist eine mystische Strömung im ultraorthodoxen Judentum, die auf Nachmans Urgrossvater zurückgeht.
1810 verstarb Nachman in Uman und wurde dort begraben. Bereits zum ersten Todestag versammelten sich seine Anhänger am Grab und beteten dort um spirituelle Erlösung und Vergebung der Sünden. Nach der langjährigen Wirkungsstätte Nachmans, der Ortschaft Brazlaw, spricht man von den Brazlawer Chassidim.
Die Tradition lebte immer fort, auch wenn Pilgerreisen nicht durchgehend möglich waren. Die Sowjets liessen erst mit der Perestroika wieder Gäste aus dem Ausland, wo die meisten Chassidim mittlerweile lebten, nach Uman. Seit der ukrainischen Unabhängigkeit steigt ihre Zahl beständig an. Die Pandemie und der russische Überfall sorgten nur für einen vorübergehenden Einbruch.
Lebendiges Jiddisch
Heutzutage versetzt das jüdische Neujahrsfest mit mehreren zehntausend Pilgern die Stadt Uman jedes Jahr in einen regelrechten Ausnahmezustand. Nicht alle gehen, wie die drei Natans, am Vorabend feuchtfröhlich in den Ausgang. Viele gehören ultraorthodoxen Gemeinschaften an und bleiben lieber unter sich. Aber alle müssen irgendwie anreisen, wollen essen und trinken und brauchen ein Bett.
Während einer Woche ist das Strassenbild der ukrainischen Provinzstadt plötzlich geprägt von Männern in schwarzen Mänteln mit grossen Hüten, langen Bärten und noch längeren Schläfenlocken. Frauen nehmen an der Pilgerfahrt nur in wenigen Ausnahmen teil.
Schätzungsweise 50 000 meist ultraorthodoxe Siedler sind dieses Jahr über Rosch ha-Schana nach Uman gereist.
Junge Pilger betrachten die ausgelegten Waren an einem Verkaufsstand auf dem Festgelände.
Religiöse Gesänge ertönen aus vielen Häusern. Jüdische Symbolik und die hebräische Schrift sind allgegenwärtig, besonders im Zentrum der Feierlichkeiten, dem eigentlichen Festgelände in den Strassen und Gassen um das Grab. Hier fühlt man sich nach Mea Shearim versetzt, dem ultraorthodoxen Viertel in Jerusalem – oder in die untergegangene Welt eines osteuropäischen Schtetls, wie es auch in Uman einst eines gab.
Der Gebrauch der jiddischen Sprache trägt das Seine dazu bei. «Farpast nisht di gelegnheyt. Bikher tsu niderike praysn!», ruft ein vielleicht zwölfjähriger Knabe mit schwarzem Umhang, der an einem Stand für wenig Geld Bücher über das Leben des Rabbi verkauft. Ermuntert durch die klangliche Nähe, versuchen wir, auf Schweizerdeutsch ins Gespräch zu kommen, leider vergeblich.
Das Geschäft des Jahres
Eine alteingesessene jüdische Gemeinde gibt es in Uman nicht mehr. Für die Bevölkerung ist die Pilgerfahrt ein exotisches Schauspiel – und ein grosses Geschäft. «Jeder mit nur etwas Hirn im Kopf macht an diesen Tagen Geld», sagt Artem Sawenko, der in der Stadt eine Arbeitsvermittlungsagentur betreibt. 5000 zusätzliche Arbeitskräfte würden für die Feierlichkeiten benötigt, als Fahrer, Küchenhilfen, im Putz- oder Sicherheitsdienst. Mit tausend Dollar für drei Wochen sei die Bezahlung sehr gut.
Über das Pilgerfest sind Unterkunftsplätze in Uman nur schwer zu bekommen und sehr teuer. Einige Pilger besorgen sich Matratzen, um günstig in einem Zimmer am Boden schlafen zu können.
Vor Beginn des Schabbats lassen sich einige Pilger auf dem Festgelände den Kopf scheren.
«Das grosse Geld liegt aber bei den Unterkünften. Bis zu 5000 Dollar kostet eine Wohnung für wenige Tage», sagt Sawenko. Davon könne eine Familie in Uman mehrere Monate problemlos leben. «Rosch ha-Schana ist unsere Hochsaison, wie am Meer der August.» Manche Pilger geben für die Reise 10 000 Dollar aus – pro Person.
Beliebt sind die jüdischen Gäste trotz den einträglichen Verdienstmöglichkeiten aber nicht bei allen. «Das sind komplizierte Leute mit komplizierten Regeln», sagt Sawenko diplomatisch. «Und wir Ukrainer sind auch ziemliche Sturköpfe.»
Missverständnisse und Versäumnisse
Sawenko findet, dass die Stadt mehr tun könnte, um das zu entschärfen, mit Informationskampagnen und besserer Infrastruktur für den Grossanlass. Doch alle seien nur auf das schnelle Geld aus. Tatsächlich haben die lokalen Behörden keinen guten Ruf. Zum ersten Mal überhaupt in der Ukraine wurde in Uman im September eine Bürgermeisterin per Volksbegehren abgesetzt.
Immerhin gibt es mittlerweile einige Hinweise zu den Besonderheiten in Kriegszeiten. «Die Ukraine ist ein Land im Krieg. Das Abfeuern von Feuerwerk ist verboten, Militärpersonal darf nicht fotografiert werden», schallt es aus Lautsprechern auf dem Festgelände auf Hebräisch, Englisch und Jiddisch. In den ersten Kriegsjahren gab es Konflikte, weil die Pilger sich nicht an das Feuerwerksverbot hielten.
Die Gleichgültigkeit gegenüber dem russischen Überfall, die viele Ukrainer bei den Pilgern zu erkennen glauben, trägt zum Unmut bei. Das hat auch mit der Grössenordnung des Anlasses in einem kriegsgebeutelten Land zu tun.
Jüdische Symbolik und die hebräische Schrift prägen die Strassen um das Grab von Rabbi Nachman.
Ein junger Mann macht am Tag vor dem neuen Jahr Erinnerungsfotos von seiner Pilgerreise. Während des Schabbats ist orthodoxen Juden der Gebrauch elektronischer Geräte wie Smartphones verboten.
«Wir könnten uns so etwas nie erlauben. Die Russen würden uns doch sofort bombardieren», sagt ein Mann, der am Strassenrand einer vorbeiziehenden Gruppe von Pilgern nachschaut. Israel habe ein Abkommen mit Russland, damit es während der Feierlichkeiten keine Angriffe auf Uman gebe, ist der Mann überzeugt. «Für uns setzt sich niemand ein!»
Angespanntes Verhältnis
Meist haben die Konflikte aber nichts mit dem Krieg zu tun. Es gibt Gäste, die mit grösster Selbstverständlichkeit eigenes Essen ins Restaurant mitbringen, weil auf der Speisekarte keine koscheren Gerichte stehen. Andere vermeiden tunlichst jede Interaktion mit der lokalen Bevölkerung, was auch dann arrogant und rücksichtslos wirkt, wenn es vielleicht nur Unbeholfenheit ist.
Und dann gibt es jene, die wie die drei Natans die Reise nutzen, um fernab der strikten sozialen Kontrolle in der Heimat endlich mal so richtig auf den Putz zu hauen. Vor allem um diese Gruppe von Party-Pilgern in Schach zu halten, sind in Uman während der Feierlichkeiten auch israelische Polizisten im Einsatz.
Wegen der strengen Essvorschriften verpflegen sich die meisten Pilger auf dem Festgelände. Im Bild Werbebanner für einen Pizzastand.
Für das lokale Gewerbe in Uman ist Rosch ha-Schana eine wichtige Einnahmequelle. Der Barbesitzer Wolodimir Kudrjawzew blickt dennoch mit gemischten Gefühlen auf die jährliche Pilgerfahrt.
«Sie benehmen sich, als wären sie die Herren hier. Dabei sind sie nur zu Gast», sagt Wolodimir Kudrjawzew, der Wirt im «Ben Chef», der Bar mit den drei Natans. «Sie mögen uns nicht, und wir mögen sie nicht.» Die Ukraine ist ein rechtsstaatliches Land mit funktionierendem Minderheitenschutz und einem jüdischstämmigen Staatsoberhaupt. Antijüdische Ressentiments gibt es aber auch hier.
Blutige Vergangenheit
Dass ausgerechnet in Uman die grösste jüdische Pilgerfahrt Europas stattfindet, hat aus historischer Sicht eine ironische Note. Während der Kolijiwschtschina, eines Kosakenaufstands im 18. Jahrhundert, kam es zu einem grossen Massaker in der Stadt. Tausende, wenn nicht Zehntausende Polen und Juden wurden getötet. Der Legende nach wollte Rabbi Nachman in Uman bestattet werden, damit dieser Toten gedacht werde.
In einem Park unweit des Festgeländes erinnert ein Denkmal an den Aufstand. Das Aufbegehren der Kosaken gegen die polnische Herrschaft hat in der ukrainischen Nationalgeschichte grosse Bedeutung. Der Nationaldichter Taras Schewtschenko schrieb darüber. Das Massaker von Uman wird jedoch weitgehend verschwiegen.
Beim Denkmal für den Kosakenaufstand von 1768 wehen die ukrainische Nationalflagge und die schwarz-rote Fahne der nationalistischen Bewegung in der Ukraine.
Der israelische Student Meir (links) sitzt mit seinem Bruder auf einer Parkbank in Uman. Meir ist beeindruckt von der Kriegsanstrengung der Ukrainer.
Auf einer Bank in Sichtweite des Denkmals sitzt Meir, ein Student aus Jerusalem mit Schlabberhemd und Baseballmütze, unter der blonde Schläfenlocken hervorschauen. «Geschichte ist immer kompliziert», sagt er mit Blick auf das Denkmal. «Schauen Sie sich mein Land an.» Er verstehe, dass die Ukraine Heldenerzählungen brauche.
Meir ist beeindruckt von den Gedenktafeln für die gefallenen Soldaten, die er auf dem Weg nach Uman in jedem Ort gesehen hat. «Wir haben in Israel die Tendenz, unsere Kriege für die wichtigsten der Welt zu halten. Mir war nicht bewusst, welchen Preis die Ukrainer in ihrem Krieg zahlen.» Die Frage des Kriegsdiensts betrifft Meir auch persönlich. Seit kurzem müssen auch ultraorthodoxe Israeli zur Armee.
Dann klingelt das Telefon. Der Vater sagt, er solle in die Unterkunft kommen und sich bereit machen. Bald beginne der Schabbat.
Ein Fest der Kopfbedeckungen
Mit dem Anbruch des wöchentlichen Ruhetages am Freitagabend beginnt an diesem Wochenende auch das neue Jahr und damit der Höhepunkt der religiösen Feierlichkeiten. In den Stunden davor strömen immer mehr Männer auf die Hauptstrasse, die zu Nachmans Grab und der grossen Synagoge daneben führt, einem simplen Zweckbau mit unverputzten Wänden.
Kurz vor Beginn des Schabatts ist auf der Strasse, die zum Grab von Rabbi Nachman führt, kein Durckommen mehr.
Am Fest sind die unterschiedlichsten jüdischen Kopfbedeckungen zu sehen. Im Bild ein Mann mit einer weissen Kippa.
Statt dunkler Mäntel tragen viele nun feierliche weisse Kleidung und prächtige Kopfbedeckungen in allen Formen und Stoffen. Man sieht die markanten Schtreimel, runde Pelzhüte mit grossem Durchmesser, und die etwas dezenteren Spodek, schmalere, höhere Pelzmützen, es gibt breitkrempige Stoffhüte und elegante Melonen und natürlich unzählige Variationen der Kippa: grobmaschige, wie sie die nationalreligiösen Siedler tragen, weisse mit kleinem Bommel, schwarze mit Pelzsaum, die fast tatarisch anmuten.
Yitz Fisch steht in der Menge und fotografiert. «Es ist unglaublich intensiv hier, ich liebe diese Atmosphäre», sagt der junge Mann aus Williamsburg, einem ultraorthodoxen Stadtteil in New York. «Ich versuche, jedes Jahr hierher zu reisen, wegen Rabbi Nachman und wegen der Bilder.»
Er habe nicht mehr viel Zeit, um seinen Fotoapparat zurückzubringen, sagt Fisch entschuldigend und eilt davon. Nach Anbruch des Schabbats dürfen orthodoxe Juden keine elektronischen Geräte bedienen. Auch die Telefone bleiben zu Hause. Die Speisen in den grossen Festzelten um das Grab sind im Voraus bezahlt. Die Verwendung von Geld ist ebenfalls verboten.
Statt dem traditionellen Schwarz tragen die meisten Pilger am Neujahrstag festliche weisse Kleidung.
Ein Vater und sein Sohn gehen für die Feierlichkeiten zum Beginn des Schabbats Hand in Hand zur Synagoge.
Die Synagoge ist zum Bersten gefüllt. Auch auf der Strasse davor ist kein Durchkommen mehr. Überall wird gebetet, gesungen und im Kreis getanzt. Manche Pilger strecken die Arme in den Himmel, andere rufen laute Segenswünsche. «So wird es die nächsten zwei Tage weitergehen», erklärt ein junger Mann atemlos, der zuvor laut Lobpreisungen Gottes in den Nachthimmel gerufen hat. «Wir feiern das neue Jahr!»
Im «Ben Chef», der Bar im Stadtzentrum, sitzen nun wieder einheimische Gäste. «Sobald der Schabbat beginnt, ist die Saison für uns vorbei», sagt der Wirt Kudrjawzew. «In einem Jahr geht’s wieder los.»
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Volker Pabst, Dominic Nahr
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