«Wut der Jugend»? – Linksextreme rufen zu Demonstrationen in Zürich und Basel auf

Die Krawalle in Frankreich und anderen Ländern könnten am Samstagabend die Schweiz erreichen. Im Netz kursieren mehrere Appelle, unter anderem zu einer Kundgebung im Zürcher Kreis 4.

30.10.2026, 05.01 Uhr

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Zürich könnte eine weitere Krawallnacht bevorstehen. Das Bild vom vergangenen Juni zeigt eine besprayte Tramhaltestelle in der Innenstadt.

Zürich könnte eine weitere Krawallnacht bevorstehen. Das Bild vom vergangenen Juni zeigt eine besprayte Tramhaltestelle in der Innenstadt.

Gaëtan Bally / Keystone

Am Samstag könnte passieren, was viele befürchten und worauf einige Anhänger oder Mitläufer der linksradikalen Szene offenbar seit Tagen hinarbeiten: Der Funke der Krawalle in Paris, Mailand und anderen europäischen Städten könnte in die Schweiz überspringen. In Basel soll am Abend auf dem Claraplatz eine Demo steigen, deren Kampfparole stark an die Proteste im nahen Ausland erinnert: «Die ganzi Wält isch hässig – mir au!!!»

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Und auch in Zürich verdichten sich die Anzeichen, dass die Limmatstadt nach den Zusammenstössen beim Hardplatz vor drei Wochen eine weitere Nacht der Randale erleben könnte. Dieses Mal unter dem Deckmantel der «rebellischen Gen Z und aller anderen, die für eine andere, kommende Welt kämpfen». Seit Dienstag kursiert auf der Plattform Instagram ein Post, der von mehreren Accounts der linksextremen und der Besetzerszene gemeinsam publiziert wurde.

«On en a marre», ist da zu lesen («Wir haben die Schnauze voll!»). Das hatten Schüler, Studenten und Gewerkschafter in Frankreich ebenfalls skandiert, bevor deren Massenkundgebungen von Krawallanten, Brandstiftern sowie Plünderern gekapert wurden und Bilder blinder Zerstörungswut um die Welt gingen.

Linke Untergangsparolen

Davon wiederum scheinen sich die Absender und ihre Follower auf Instagram «inspirieren» zu lassen. Man sei «zutiefst beeindruckt von dem, was um uns herum passiert», schreiben die anonymen Urheber in ihrem Post. Und: Möge der Funke «der aufständischen Flamme» auch die letzten Länder und Städte erreichen. Die «Wut der Jugend» gelte es auf die Strasse zu tragen, und zwar nicht erst am 20. November, dem Tag des sogenannten Jugendstreiks «gegen Austerität und Militarisierung», an dem auch eine Kundgebung beim Landesmuseum in Zürich geplant ist.

Konkreter wird ein weiteres Schreiben, das ebenfalls von Teilen der extremen Linken in sozialen Netzwerken weiterverbreitet wird. «Wir sind viele! Wir sind wild!», behauptet das Flugblatt. Es folgen die üblichen Untergangsparolen. Man lebe in einer Welt, die Kapitalismus und Klimakrise verwüstet hätten. Patriarchale Gewalt und staatliche Repression seien an der Tagesordnung und so weiter. Man habe es satt, für die Profite anderer zu arbeiten und in deren Kriegen zu sterben et cetera.

Die Quintessenz des Klagelieds: «Lasst uns gemeinsam kämpfen!», hinaus in den Kreis 4 «in Zureich» am 31. Oktober, an Halloween also. Man solle «kreativ verkleidet» kommen und eine Schutzbrille mitbringen, heisst es in dem Aufruf. Bis Donnerstagabend wurde er rund 1100-mal geteilt. Einer der User kommentierte: «1× bhf strasse zurich bitte».

Das lässt Ungutes erahnen, zumal in einem Beitrag aus dem gleichen Milieu die «zentrale» Botschaft des kommenden Wochenendes mit Videos von brennenden Barrikaden, einer Graffiti-Attacke auf ein Auto eines hiesigen Autohauses und weiteren Aufnahmen von schwarz gekleideten Randalierern in Zürcher Strassen garniert wurde: «All in K4».

«Krawalle schaden der ganzen Stadt»

Die Stadtpolizei teilt auf Anfrage mit, dass man die Appelle in den sozialen Netzwerken gesehen habe und in die laufende Beurteilung der Lage mit einbeziehe. Weitere Informationen wollten die Sicherheitskräfte wie üblich aus taktischen Gründen nicht preisgeben.

Mit einer gewissen Sorge blickt man derweil bei der City-Vereinigung auf die verbale Aufrüstung im Netz. Dominique Zygmont, der Geschäftsleiter des Dachverbands der Geschäfte und Unternehmen der  Zürcher Innenstadt, klingt konsterniert. «Ich weiss nicht, was ich dazu sagen soll», sagt Zygmont am Telefon. Er appelliere an die Vernunft aller Beteiligten. In der Schweiz hätten alle Bürger die Möglichkeit, ihre Anliegen im demokratischen Rahmen zum Ausdruck zu bringen. Das sei auch legitim.

Die Bilder aus Frankreich allerdings haben Spuren hinterlassen. «Wer Geschäfte demoliert und Ladenbesitzer angreift, hat keine politischen Botschaften zu verkünden», sagt Zygmont. Das schade allen – auch den Anliegen, für die die Menschen in Paris und anderswo in Frankreich durchaus zu Recht auf die Strasse gegangen seien.

Frankreich ist nicht die Schweiz. Paris ist nicht Zürich. Es ist schwer vorstellbar, dass die «Wut der Jugend», die sich hiesige Linksextreme im Netz kurzerhand auf die Fahnen schreiben, vergleichbar ist mit der Wut auf die Zustände, die junge Menschen im westlichen Nachbarland vorfinden. Zum Beispiel im Schulwesen. Viele Schulen in Frankreich sind in einem schlechten Zustand. Das kann man von den Schulen (und der Berufsbildung) in Zürich nicht behaupten. Und auch nicht von den Hochschulen.

Doch für die Anhänger von «All in K4» oder vergleichbaren «Events» in der Stadt Zürich zählt das nicht. Zygmont sagt: «Bilder von Krawallen schaden der ganzen Stadt, egal ob am Hardplatz oder im Kreis 4.» Dennoch vertraue er darauf, dass die Polizei am kommenden Samstag für Ruhe und Ordnung sorgen werde. Hinweise der Sicherheitskräfte, dass Geschäfte in der Innenstadt besonders gefährdet seien, habe es bisher nicht gegeben.

«Extremistische Kampagne» im Gymnasium?

Für Aufregung sorgt der Herbst der Jugendproteste auch im Zürcher Oberland. Eine Gruppe von Gymnasiasten hatte am vergangenen Montagnachmittag in der Mensa der Kantonsschule Zürcher Oberland in Wetzikon zu einer «Kick-off-Sitzung» zur Vorbereitung des Jugendstreiks vom 20. November geladen. Den entsprechenden Flyer ziert eine vermummte Person mit einem Palästinensertuch im Gesicht.

Für den SVP-Kantonsrat René Schweizer (Fischenthal) geht das nicht. Staatliche Schulen hätten neutral zu sein, sie dürften nicht zur «Kulisse für extremistische Kampagnen» werden, teilt der Oberländer Kantonsrat in einem Communiqué seiner Partei mit. Zur NZZ sagte Schweizer am Donnerstag: «Ich finde es nicht richtig, dass das Gymnasium diese Veranstaltung geduldet hat.» Er und die Dübendorfer SVP-Kantonsrätin Jacqueline Hofer haben eine entsprechende Anfrage an den Regierungsrat eingereicht.

Schweizer ist wie Zygmont davon überzeugt, dass in der Schweiz politische Veränderungen möglich seien – sofern man miteinander spreche und einander zuhöre. Als Politiker mache er das immer, auch und gerade gegenüber Vertretern der Linken. In der Schweiz löse man Probleme, ohne Sachen kaputtzuschlagen.

Und ja, wenn sich die Jungfreisinnigen in der Kanti-Mensa getroffen hätten, um ihre Kundgebung für tiefere Steuern vom Samstag vorzubereiten, so hätte er sich ebenfalls daran gestossen. Parteipolitik habe an einem öffentlichen Gymnasium nichts zu suchen, egal welcher Couleur.

Die Debatte über den Jugendstreik vom November indes wird weitergehen. Am Montagmittag trifft sich die linkslastige Gruppierung «Kritische Politik» zu einem ähnlichen Treffen in Zürich – im Lichthof der Universität.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Robin Schwarzenbach

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