«Würd mi» – das Jugendwort des Jahres, das so gar nicht nach Jugendsprache klingt

«Cool», «cringe» oder «chillen» – Jugendwörter fliessen oft in den allgemeinen Sprachgebrauch ein. In diesem Jahr haben es «Würd mi», Goumin», «Aura» und «Bursa» auf die Top-Plätze gebracht.

28.10.2026, 15.38 Uhr

3 Leseminuten


«Ragebait» ist das Jugendwort des Jahres 2026 in Deutschland. In der Schweiz sind es sogar vier Begriffe.

«Ragebait» ist das Jugendwort des Jahres 2026 in Deutschland. In der Schweiz sind es sogar vier Begriffe.

Frank Hoermann / Sven Simon / Imago

Für alle, die über dreissig sind, klingt Jugendsprache mitunter ziemlich unverständlich. Wer selbst Kinder hat, kennt es: Es kommt vor, dass man Whatsapp-Nachrichten zuerst googeln muss, um zu verstehen, was gemeint ist. Welcher Ü 50 war schon mit dem Wort «Ragebait» vertraut, bevor es kürzlich zum deutschen Jugendwort 2026 gewählt wurde? Es bezeichnet Inhalte, die darauf ausgelegt sind, Wut hervorzurufen.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Für die Schweiz gibt es in diesem Jahr gleich vier Jugendwörter des Jahres – je eines für jede Sprachregion. Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) hat sie am Dienstag vorgestellt. Zum ersten Mal wurden die Begriffe von Jugendlichen selbst eingereicht und ausgewählt. Studierende und Forschende der ZHAW haben die Wahl wissenschaftlich begleitet.

«Würd mi» ist das Jugendwort des Jahres 2026 für die Deutschschweiz. Die Formulierung ist laut der ZHAW eine Kurzform von «Das würde mich (ja) nerven». Wer zum Beispiel klage, er müsse noch einen Vortrag halten, bekomme die trockene Antwort: «Würd mi.» Anders als viele Jugendwörter werde es nicht mit einem Internet-Trend verbunden: Es ist reine Mundart. Und ehrlich gesagt: So richtig Jugendwort-Style hat es nicht. Es klingt irgendwie so, als habe man das schon immer gesagt.

Ein hybrider Ausdruck auf Platz zwei

Das ist mit «Nöd so deep», das an zweiter Stelle liegt, schon besser: Mit dem englischen «deep», so die ZHAW, sei tiefgründig gemeint. Gemeint ist also: Nimm es nicht so ernst, oder auch: So wichtig ist es nicht. Der Ausdruck sei ein hybrider Satz, in dem das Englische mitten in der Mundart stehen bleibe. Das Beispiel zeige, wie selbstverständlich Anglizismen im Sprachgebrauch der Jugend geworden seien.

Das Jugendwort aus der französischen Schweiz ist «Goumin» für Liebeskummer. Sehr hübsch ist auch das zweitplatzierte «Pain», das eigentlich Brot heisst, aber die Umschreibung für eine attraktive Person ist. «Cette personne est trop pain» bedeutet: diese Person ist sexy, klärt «20 minutes» seine (älteren) Leserinnen und Lesern auf. In der italienischen Schweiz lautet es «Aura» und steht für Charisma. Auch in der rätoromanischen Schweiz gibt es ein Jugendwort: «Bursa». Bedeutet eigentlich Portemonnaie, meint aber Trottel.

Dass die Jugend Wert auf einen eigenen Stil legt, war schon immer so. Sprache ist identitätsstiftend, sie prägt die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Deshalb haben Managerinnen, Gamer, Pflegerinnen oder Jäger ihren eigenen Slang. Für Jugendliche gilt dies genauso.

Als «geil» die Erwachsenen schockierte

Da sie neu und ungewohnt wirkt, ist die Jugendsprache auch für Erwachsene faszinierend. Der spielerisch Umgang mit der Sprache hat einen eigenen Reiz. Nicht selten werden dabei Tabus gebrochen. Und was einst eine Grenze überschritt, fliesst später vielleicht in den allgemeinen Sprachgebrauch ein.

In den 1980er und 1990er Jahren gehörten «cool», «Bullshit» oder «geil» zum Vokabular der jungen Generation. Viele Erwachsene konnten damit nichts anfangen. Es war ihnen zu englisch, zu unanständig oder beides zugleich. Inzwischen regt sich darüber schon lange niemand mehr auf. Sogar die einst legendäre «Geiz-ist-Geil»-Werbung» von Media-Markt ist inzwischen Geschichte: Sie lief Anfang des Jahrhunderts.

Begriffe wie «cringe» (zum Fremdschämen), «ghosten» (sich bei jemandem plötzlich nicht mehr melden) oder «chillen» (sich entspannen) sind als Jugendwörter der letzten zehn Jahre auf dem besten Weg ins Mainstream-Vokabular. So macht die Jugendsprache hörbar, wie sich die Welt weiterdreht und verändert. Auch wenn Erwachsene mitunter befremdet sind: In Wirklichkeit widerlegt die Jugendsprache die kulturpessimistische Befürchtung eines fortschreitenden Sprachverfalls.

Passend zum Artikel

Source: Neue Zürcher Zeitung · Daniel Gerny

At a glance

Topic
World
Country
🇨🇭 CH
Publisher language
DE
Added to Allnira