Wirklich sicher sind Juden als Juden nur an einem Ort – in Israel. Aber aufgeben? Niemals!

Die preisgekrönten Navanethem Pillay und Philippe Sands sind wahrlich keine Linksextremisten. Doch wie diese legitimieren sie durch die Verbreitung ihrer «Wahrheit» antijüdische Gewalt.

Michael Wolffsohn29.10.2026, 05.30 Uhr

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Eine israelische Fahne weht am Ort des Hamas-Überfalls auf ein Musikfestival am 7. Oktober 2023.

Eine israelische Fahne weht am Ort des Hamas-Überfalls auf ein Musikfestival am 7. Oktober 2023.

Christopher Furlong / Getty

Seit je ist jüdisches Leben Existenz auf Widerruf. Abgesehen von zyklischen Entspannungsphasen schwankt jüdisches Leben von jeher zwischen Diskriminierung und Liquidierung. Toleranz und Akzeptanz Juden (sowie inzwischen Israel) gegenüber sind funktional bedingt, nicht ethisch. Nach dem Holocaust, bei dem inner- und ausserhalb Deutschlands alle Welt wegsah, brauchte alle Welt Juden und, abgeleitet, Israel als moralischen Koscherstempel. Tempi passati. «Der Mohr hat seine Arbeit getan, er kann gehen.» Bei Schiller – im «Fiesco» – und seit dreitausend Jahren in der jüdischen Weltgeschichte. Mal offen, mal «friedenspolitisch» und derzeit, fokussiert auf Israel, verklausuliert.

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Westeuropas Demografie von heute lässt die judenpolitische Ideologie von morgen unschwer erkennen. Nicht erst seit Angela Merkels Asylturbo, sondern durch die seit den 1960er Jahren millionenfache Migration von Muslimen ist Westeuropa demografisch, politisch, kulturell und religiös längst eng mit der islamischen Welt verflochten. Nahost ist in Westeuropa und Westeuropa durch die Demografie, natürlich nicht die Geografie, Teil von Nahost.

Seit dem 7. Oktober 2023 für jedermann sichtbar: Als Hamas-Terroristen Israel überfielen und 1200 Juden regelrecht abschlachteten, jubelten nicht nur Massen in der islamischen Welt, sondern auch Muslime auf westeuropäischen Strassen. Nicht nur in Berlin-Neukölln. Wer Menschen «importiert», importiert auch deren Denken, Handeln, ihre Vorlieben und Sorgen.

Legitimation antijüdischer Gewalt

Ja, Rechtsextremismus ist eine Gefahr. Wieder. Schon wieder. Bis anhin «nur» politisch. In der Statistik antijüdischer Gewalt dominiert jedoch seit 2015 und noch mehr seit dem 7. Oktober 2023, nicht nur in Deutschland, die Allianz aus Islamisten und ihren Freunden und Helfern, Salonlinken, vielen Kulturschaffenden und den Linksextremisten, in Frankreich «Islamogauchisten» genannt beziehungsweise «Islamolinke».

Folgerichtig führen und verführen diese linken Judenhasser Westeuropas muslimische Wähler, die ihrerseits zwar nicht alle, doch viele Juden- und Israelhasser sind. Zu diesen führenden linken Verführern zählen La France insoumise des Judenhassers Jean-Luc Mélenchon, der Jeremy-Corbyn-Flügel der britischen Labour Party sowie natürlich die Partei Die Linke in Deutschland. Die gerade mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Navanethem Pillay und Philippe Sands, Träger des jüngsten Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, sowie deren Preisrichter sind wahrlich keine Linksextremisten, doch, wie diese, durch die Verbreitung ihrer «Wahrheit» die faktischen Legitimatoren antijüdischer Gewalt.

Westliche Universitäten sind Hochburgen der Islamolinken. Sie sind die Vorläufer. Die Masse läuft mit und nach. Lautstark und teilweise gewalttätig behaupten sie, dass allein schon das Benennen sowie erst recht das Bekämpfen der allgemeinen und antijüdischen Übergewalt von Muslimen «Islamophobie» sei. Diese verbale Atombombe erschreckt viele Kritiker. Und flugs schliessen sich die ängstlichen Mitläufer den islamischen Fanatikern und ihren linken Verbündeten an. Subjektiv in moralischer Absicht – objektiv-funktional sind sie die nützlichen Idioten der Islamogauchisten. Diese Allianz widerspricht jeder ideologischen Logik. Hier muslimisch-religiöse, frauen- und queerfeindliche Machos, dort antireligiös bunte Scharen. Die beiden vereint allein ihre militante Juden- und Israelfeindschaft. Dass gerade die LGBTQ-Community in fast allen islamischen Ländern unterdrückt, inhaftiert, gefoltert oder ermordet wird, ignorieren sie willentlich.

Das jüdische Alibi

Zu den nützlichen Idioten oder den willigen und wissenden Legitimatoren der Juden- und Israelfeinde gehören auch einige Juden. Linke Israeli ebenfalls. Teils aus innerer Überzeugung, teils um «dazuzugehören», lösen sie mit dieser Haltung ihre Eintrittskarte zum Islamogauchismus. Diese Juden sind das jüdische Alibi der Juden- und Israelhasser. Genannt seien ausser Philippe Sands, dem Beispiel seines Vaters Daniel folgend, Michael Barenboim, Deborah Feldman oder die «wissenschaftlich» geweihte Professorin-Fanatikerin Judith Butler.

Der 7. Oktober hat den historischen Rahmen der jüdischen Weltgeschichte nicht verändert. Anlässe, Auslöser und Personal wechseln seit je chronologisch. In der Geschichte gibt es auch Konstanten, zum Beispiel den Antisemitismus. Also aufgeben? Niemals, denn immer wieder gab es auch in der jüdischen Weltgeschichte Abschnitte normaler Alltäglichkeit, also echte Lebensqualität. Sie fallen nicht vom Himmel. Sie fanden und finden in der jüdischen Weltgeschichte nur dort und dann statt, wo und wenn bestimmte Funktionen benötigt werden, die – einstweilen! – nur Juden erfüllen können.

Nach 1945 wollten nicht nur «die» Deutschen ihre schändliche Rolle im Holocaust «wiedergutmachen» und ihr Moralimage aufpolieren, sondern auch nahezu die ganze Welt, denn: In nahezu allen von Hitlers Wehrmacht besetzten Staaten gab es en masse willige Kollaborateure, und weder die USA noch Britannien versuchten das millionenfache Judenmorden militärisch oder politisch zu beenden. Weltweit oder fast weltweit ist unseren Zeitgenossen der Holocaust fast so entfernt wie die Jungsteinzeit und somit spätestens jetzt weltweit und sogar im Kernland des Holocaust, Deutschland, die «Schonzeit für Juden» beendet.

Für den jüdischen Alltag bedeutet die seit dem 7. Oktober 2023 erhöhte Zusatzlast jüdischer Geschichte in Gegenwart und Zukunft: Jüdische Kinder gehen mehr als zuvor nur in jüdische Kindergärten und Schulen. Ideologisch und religiös total unterschiedliche jüdische Communitys – Studenten, Hochschullehrer, Investoren, Juden «wie du und ich» – schliessen ihre Reihen zu Netzwerken und Notgemeinschaften: neue Ghettos.

Doppelbittere Ironie: Erstens finden der globalantisemitische Tsunami und seine Rechtfertigung durch säkulare Scholastiker in einer Zeit statt, in der sich die Diasporajuden, wie einst bis zum Holocaust, religiös und bindungsbezogen von der jüdischen Gemeinschaft und erst recht von Israel abnabeln. Zweitens wendet sich rund die Hälfte der jüdischen Israeli von eben ihrem politischen und ideologischen Steuerungspersonal ab. Jener antijüdische Tsunami führt sowohl die Juden Israels als auch jene der Diaspora zu ihrer Herkunft zurück.

Wirklich sicher nur in Israel

Müssen die Diasporajuden auswandern? Wohin? Ins längst noch unsicherere Frankreich, Britannien? Nach Amerika, Australien, Osteuropa, Portugal? Ist die Schweiz eine Insel der Seligen? Noch ist sie ein Bollwerk der Vernunft. Dauerhaft? Wirklich sicher sind Juden als Juden nur an einem Ort – in Israel. Dort droht ihnen keine Gefahr von innen, «nur» von aussen.

Wie gesagt: Nicht jeder Friedenspreisträger ist ein Friedensengel. Diesen prosaischen Gedanken hat mein Freund, der lebensweise, bald neunzigjährige Poet Wolf Biermann, in seinem soeben erschienenen Gedichtband «Mit uralten Kinderaugen» in zeitlose Lyrik geformt:

«Wer Frieden schreit und unsere Freiheit zerfrisst / Als Menschenkind hält der die Friedenspflicht nicht! / Ein Menschengesicht auf ’ner Maske, das ist / – noch falscher als Masken auf einem Gesicht / ah ja, ah jaa – das ist nebbich wahr!»

Michael Wolffsohn ist Historiker und Publizist. Jüngst von ihm erschienen: «Israel – Palästina: Geschichte, keine Geschichten». Verlag zu Klampen, Springe 2026. 80 S., Fr. 10.–.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ

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