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Wird der Berufseinstieg wegen KI immer schwieriger? «Nein», sagt die Microsoft-Expertin

Viele fürchten den Jobverlust durch KI. Die Microsoft-Expertin Katy George widerspricht und erklärt im NZZ-Gespräch, dass gerade Berufsanfänger ihre Karriere mit KI schneller aufbauen könnten.

24.10.2026, 05.30 Uhr

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Die echten und behaupteten Fortschritte durch KI spiegeln sich noch nicht in einer allgemein höheren Produktivität der Unternehmen wider.

Die echten und behaupteten Fortschritte durch KI spiegeln sich noch nicht in einer allgemein höheren Produktivität der Unternehmen wider.

Clodagh Kilcoyne / Reuters

Künstliche Intelligenz scheint vor allem junge Berufseinsteiger hart zu treffen. Auswertungen für die Schweiz und für andere Länder zeigen, dass die Arbeitslosigkeit von Hochschulabsolventen seit der rasanten Verbreitung von Chat-GPT und weiteren grossen Sprachmodellen überproportional zugenommen hat. KI vernichte Junior-Jobs, lautet die gängige Erklärung dazu, denn die Maschine übernehme die einfachen Routinearbeiten.

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Eine, die diesem Narrativ klar widerspricht, ist Katy George. Die Amerikanerin leitet bei Microsoft den Bereich, der die Transformation der Arbeit durch KI verantwortet.

«Bei Microsoft schrumpft die Junior-Pipeline nicht», sagt George im Gespräch mit der NZZ. Auch bei ihren Kunden hätten viele noch vor kurzem vorgehabt, weniger Berufseinsteiger einzustellen. «Jetzt aber stellen sie fest, dass die Produktivität dank KI so stark wächst, dass sie tatsächlich mehr Leute einstellen.» George prognostiziert daher mutig: «Ich erwarte eine Trendwende.»

Katy George, Transformationsexpertin und Corporate Vice President bei Microsoft.

Katy George, Transformationsexpertin und Corporate Vice President bei Microsoft.

PD

Das Schweizer Wissens-Paradoxon

Die Arbeitsmarktstatistiken zeigen vorerst zwar ein anderes Bild. Gemäss Michael Siegenthaler, Professor für Arbeitsmarktökonomie bei der ETH Zürich, gibt es in der Schweiz seit 2023 einen bemerkenswerten Anstieg der Arbeitslosigkeit von Hochqualifizierten. Dieser sei deutlicher, als man aufgrund der Konjunktur hätte erwarten müssen.

Doch sind die Unternehmen bei Neueinstellungen generell zurückhaltend geworden. Auch international verfolgen viele einen «No fire, no hire»-Ansatz – sprich: Man entlässt zwar niemanden, stellt aber auch keine neuen Mitarbeiter ein. Das trifft naturgemäss Berufseinsteiger am härtesten.

Dass das Pendel wieder zugunsten der Jungen umschlägt, ist daher durchaus möglich. Derzeit mag das Management vielerorts darauf fokussiert sein, Routineaufgaben zu automatisieren. Doch auch künftig werden die Unternehmen Führungskräfte und Fachexperten brauchen.

Für Katy George ist KI dabei wenig überraschend nicht das Problem, sondern die Lösung. «Wenn man den Menschen KI-Tools gibt, werden sie extrem schnell produktiv», argumentiert George. Urteilskraft und Erfahrung, für deren Entwicklung man früher mehrere Jahre gebraucht habe, würden nun viel schneller aufgebaut.

Vom Hinterzimmer an die Kundenfront

Nach dieser Lesart ist die KI für Hochschulabsolventen eine Chance. Einer ihrer Kunden sei eine grosse Kanzlei, sagt George. «Die jungen Anwälte arbeiten heute sofort direkt mit Kunden, anstatt wie früher die ersten fünf Jahre im Hinterzimmer Dokumente zu prüfen.»

Generell hinterfragt George die Annahme, dass es wegen KI immer weniger Menschen brauche. Es werde viel über Effizienzgewinne gesprochen. Zu wenig Gewicht bekämen hingegen neue Möglichkeiten.

Bei Microsoft sei das beispielsweise im Bereich Product Prototyping der Fall, wo multidisziplinäre Teams zusammen mit ihren Kunden Prototypen entwerfen. So werden die ersten funktionsfähigen Versionen neuer KI-Lösungen für konkrete Anwendungsfälle der Kunden genannt. Früher hätten die Teams für einen Prototyp mehrere Monate gebraucht. Nun sei es weniger als eine Woche.

Auf die skeptische Frage, ob das im Umkehrschluss bedeute, dass man nun weniger Personal brauche, antwortet George mit einem klaren Nein. Für die Kunden sei es viel wertvoller, den Prototyp bereits nach einer Woche zu erhalten und nicht erst nach drei Monaten. Die Nachfrage nach solchen Entwürfen sei deshalb deutlich gestiegen. Das Team habe deshalb mehr und nicht weniger Arbeit.

Das unsichtbare Wachstum in der Statistik

Trotz allen echten und behaupteten Fortschritten durch KI spiegeln sich diese aber noch nicht in einer allgemein höheren Produktivität der Unternehmen wider. Einen Grund dafür sieht George in der Messung selbst. «Die neue Technologie bringt Qualitätsverbesserungen.» Diese aber würden von den traditionellen Statistiken nicht erfasst.

Ein Beispiel ist laut Katy George das interne Audit. Bei Microsoft arbeite dieses dank KI schneller und produktiver. «Der wichtigste Wert aber ist der Beitrag zur Risikominderung», sagt die Expertin. Dieser zahle sich aber erst im Laufe der Zeit aus. Dennoch sind Unternehmen dazu herausgefordert, den Erfolg ihrer Investitionen nachzuweisen – andernfalls würden sie bei der Frage, ob sich diese überhaupt lohnten, im Dunkeln tappen.

Was die Erträge von Investitionen in KI betrifft, malt die von Microsoft gesponserte IDC-Studie den Return on Investment in rosigen Farben. Sie lägen beim bis zu 10-Fachen der Investition. Hingegen kommt eine Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) zu einem ernüchternden Ergebnis. Danach scheitern 95 Prozent aller KI-Projekte oder schaffen es nicht in den produktiven Bereich.

George will dennoch nicht von Fehlinvestitionen sprechen. «Ich würde es nicht so bezeichnen. Wir sehen eine frühe Lernphase. Sie ist das Fundament für echten geschäftlichen Nutzen und Innovation mit KI. Es ist eine Investition.»

Aus Sicht des finanzstarken Tech-Giganten mag das stimmen: Wer KI-Lösungen verkauft, kann das Scheitern von Pilotprojekten bei anderen grosszügig unter Lehrgeld verbuchen. Für hart kalkulierende Firmen hingegen fühlt sich eine gescheiterte Transformation nicht nach einem «wertvollen Fundament» an, sondern nach einem Loch in der Kasse. Die Kernfrage bleibt, ob und wann aus den hohen Investitionen schliesslich echte Gewinnsteigerungen erwachsen werden.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Christin Severin

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