«Wir werden hier gnadenlos über den Tisch gezogen»: Was das Spital Wetzikon als Rettungsplan verkauft, empört kleine Anleger, die viel Geld verlieren
Die Gläubiger, denen das Spital über 200 Millionen Franken schuldet, trafen sich zur finalen Versammlung. Es gab dort nur zwei Optionen: Rettung oder Konkurs.
29.10.2026, 05.00 Uhr
6 Leseminuten
Das Spital Wetzikon ist seit Anfang 2024 eine Baustelle mit bedrohlicher Neigung zur Ruine – im wörtlichen und im übertragenen Sinn.
Karin Hofer / NZZ
«Wir müssen hier Widerstand leisten!» – Sind dies die wütenden Worte, die einem Zürcher Spital endgültig das Genick brechen? Sie sind kaum verhallt, da entlädt sich die Anspannung im Stadthofsaal von Uster in lautem Applaus. Widerstand heisst hier: Nein zum Rettungsplan für das marode Spital Wetzikon. Nein zum Erhalt einer Institution.
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Der Mann, der am Mittwochabend dazu auffordert, ist kein professioneller Finanzjongleur. Und sicher keiner jener «Geier», von denen in den Medien wiederholt die Rede war, weil sie die Notlage eines Unternehmens für ihren Profit nutzen wollten. Er heisst Richard Müller, vertritt eine kleine Kulturstiftung, die junge Musiker unterstützt, und er ist einfach nur enttäuscht. Seine Stiftung hat dem Spital vor Jahren mehrere hunderttausend Franken geliehen und droht nun den Grossteil davon zu verlieren. «Wir werden hier gnadenlos über den Tisch gezogen», sagt er überzeugt.
Zweieinhalb Jahre nachdem das Spital Wetzikon in eine Existenzkrise geschlittert ist, entscheidet sich nun sein Schicksal. Rettung oder Konkurs: Das sind die beiden Optionen, die an der Versammlung in Uster zur Wahl stehen – auch wenn umstritten ist, was sie konkret bedeuten. Befinden darüber müssen jene Gläubiger, denen das Spital insgesamt weit über 200 Millionen Franken schuldet.
Das meiste davon geht auf eine Anleihe zurück, die das Spital einst ausgegeben hat, um einen Neubau zu finanzieren. Zugegriffen haben damals auch grosse Investoren. Banken, Pensionskassen und Versicherungen. Im irrigen Glauben, es handle sich um eine sichere Anlage.
Einen Teil ihres Geldes werden sie ohnehin verlieren, so viel ist klar. Die Frage ist, welches für sie die weniger schlechte Lösung ist: Der Rettungsplan, bei dem die Thurgauer Spitalgruppe Thurmed die Aktienmehrheit übernehmen und das Krankenhaus weiterbetreiben würde. Oder der Konkurs, infolge dessen die Vermögenswerte des Spitals zu Geld gemacht würden.
Für den Rettungsplan sprechen sich die heutige Betreibergesellschaft und die Gemeinden aus, denen das Spital gehört. Dagegen macht vor allem eine Gruppe von Investoren Stimmung, die erst beim Spital eingestiegen sind, als es schon bergab ging – und die sich von einem Konkurs-Szenario mehr Gewinn versprechen.
Wieso steckt das Spital Wetzikon in der Krise?
Der Anfang der Krise des Spitals reicht weit zurück. 2014 hatte das Spital am Markt eine Anleihe über 170 Millionen Franken aufgenommen. Geld, das es für einen Neubau benötigte – der noch heute nicht fertiggestellt ist. Eigentlich hätte das Spital das Geld im Juni 2024 zurückzahlen müssen. Doch es war dazu nicht in der Lage. Weder fand es dazu das nötige Kapital am Markt, noch war der Kanton bereit, das in Not geratene Spital zu retten – selbst wenn dies sein Ende bedeuten sollte. Seit Ende April 2024 befindet sich das Spital in Nachlassstundung.
Der Stadthofsaal von Uster, in dem die Gläubigerversammlung am Mittwochabend stattfindet, ist nur lückenhaft besetzt – eine müde Kulisse für das dramatische Endspiel um den Fortbestand eines Spitals mit einer über 100-jährigen Geschichte und rund 900 Mitarbeitenden. Dazu passt die rote Kartonschachtel, die auf einem Stuhl neben dem Eingang steht. Hier soll am Ende der Veranstaltung einen Zettel einwerfen, wer das Spital Wetzikon retten will und zu diesem Zweck auf viel Geld verzichtet.
Der überraschende Deal kurz vor der Versammlung
Eigentlich waren die Vorzeichen positiv: Nur Stunden vor der Versammlung überraschte das Spital seine Gläubiger mit einer frohen Botschaft, von der es sich zweifellos ihren Goodwill erhoffte. Es stehe mehr Geld zur Verfügung als bisher, um Schulden zu begleichen – und zwar über 15 Millionen Franken mehr. Damit erhöhe sich die sofortige Barausschüttung auf rund 85 Millionen. Die Gläubiger erhielten damit also über einen Drittel ihrer Forderungen.
Das zusätzliche Geld stammt aus einem Topf, der für die Folgen eines parallel laufenden Konflikts beiseitegestellt worden war. Für jenen mit dem Bauunternehmen Steiner, das den Spitalneubau verantwortet hatte und Ende 2024 unter einem Schuldenberg kollabierte. Das Spital hat sich mit der Nachfolgegesellschaft nun auf einen Vergleich geeinigt – der allerdings nur Bestand hat, wenn die Gläubiger gegen den Konkurs stimmen.
Hansjörg Herren.
Til Buergy / Keystone
«Das ist kein Trick und kein Spiel», erwidert der Spitaldirektor Hansjörg Herren im Saal auf kritische Einwände, dass das Timing kein Zufall sei, sondern Ausdruck eines zynischen Umgangs mit den Gläubigern. Laut Herren hat das Spital am Vorabend die sich hinziehenden Vergleichsverhandlungen abgebrochen, im Wissen, dass beide Seiten etwas zu verlieren haben – prompt hat sich etwas bewegt. «Das ist die Wahrheit und nicht irgendeine erfundene Story.» Die letzten Unterschriften seien am Mittwochmorgen unter den Vertrag gesetzt worden.
Ebenso wahr ist, dass das Spital in den letzten Tagen mit anderen Mitteln versucht hat, möglichst viele Gläubiger auf seine Seite zu ziehen. So hat es über 400 Lieferanten und Dienstleister abtelefoniert – Leute, für die es meist nur um kleine Beträge ging und die die Abstimmungsunterlagen darum weggeworfen hätten. Solche Telefonaktionen seien «völlig üblich», beteuert vor den Gläubigern der Verwaltungsratspräsident des Spitals, Andreas Mika.
Fast zwei Stunden lang müssen sich diese dort erklären lassen, warum ein Rettungsplan, bei dem sie den Grossteil ihrer Forderungen abschreiben müssen, auch für sie das Beste sei. Denn damit werde nicht nur der Fortbestand des Spitals gesichert, sondern es schaue für die Gläubiger auch mehr Geld heraus als bei einem Konkurs.
Von den gewichtigen Gläubigern, die im Vorfeld in einem gemeinsamen Brief ans Spital mit der Ablehnung des Rettungsplans gedroht hatten, nutzt keiner die Gelegenheit. Weder ein Vertreter der Postfinance noch einer des Krankenversicherers Helsana, der Versicherung Helvetia oder der Pensionskassen der Post, des Bundes oder des Pharmaunternehmens Roche.
Diese Stimmen, die am Mittwoch stumm bleiben, sind entscheidend. Gemeinsam stehen sie für offene Forderungen von 118 Millionen Franken – und wenn Gläubiger, die zusammen nur schon 80 Millionen Franken vertreten, den Rettungsplan ablehnen, ist dieser gescheitert.
«Man kann mich beschimpfen als Heuschrecke»
Gregor Greber.
PD
Die Stimme erhebt in Uster dafür ein Mann, der ins Mikrofon sagt: «Man kann mich beschimpfen als Heuschrecke.» Das ist Gregor Greber, jener Investor, der mit seiner Gruppe erst nach der Krise beim Spital Wetzikon eingestiegen ist. Seither hat er den Kampf um die Deutungshoheit über diese Geschichte beeinflusst wie kein anderer.
An einer früheren Versammlung hat er sich das Recht erkämpft, als Beobachter im Verwaltungsrat Einsitz zu nehmen. Und als solcher schäme er sich für den Plan, der nun präsentiert werde. Er fordert den Konkurs.
Greber sagt, er sei fassungslos, mit welcher Arroganz die Gläubiger behandelt würden. «Als Geier wurden wir bezeichnet – mir ist das ja noch egal, anderen nicht.» Er meint damit Gläubiger wie die Pensionskassen, die ins Spital investiert haben. Wenn man dem Spital nun einen Grossteil der Schulden erlasse, um es zu retten, verbrenne man damit gleichzeitig das Alterskapital von Menschen. Faktisch laufe das auf eine Enteignung hinaus.
Schnöde behandelt fühlt sich auch ein anderer Gläubiger, der ans Mikrofon tritt. Der Mann hält Anleihen am Spital, die einst fast 2 Millionen Franken wert waren. Er mache seit zwanzig Jahren Restrukturierungen, sagt er, das Spital wäre ein einfacher Fall gewesen. Aber man habe seine Vorschläge einfach ignoriert.
Ob das Spital gerettet wird oder ob es mit ihm bald zu Ende geht: Das ist anhand der Stimmung im Saal schwer abzuschätzen. Die Spitalverantwortlichen scheinen in Gedanken auch ein Scheitern zuzulassen. «Wenn Sie uns in den Konkurs steuern wollen, ist das Ihr gutes Recht», sagt der Verwaltungsratspräsident Mika vor der Versammlung. «Aber wir können heute hoch erhobenen Hauptes aus dem Saal gehen.» Sie hätten mit dem Rettungsplan das bestmögliche Resultat erzielt.
Die Gläubiger können noch bis Ende nächster Woche per Post darüber abstimmen, ob sie dem Rettungsplan mit der Thurmed zustimmen oder den Konkurs bevorzugen. Das zuständige Gericht wird dann bis spätestens Mitte Dezember mitteilen, ob es dem Entscheid der Mehrheit folgt. Dieses Urteil wird womöglich rechtlich noch angefochten.
Falls es aber zum Konkurs kommt, könnte alles plötzlich schnell gehen. Die kantonale Gesundheitsdirektion hat einen Plan für dieses Szenario erarbeitet und die umliegenden Spitäler auf diesen Fall vorbereitet. Damit sie Patienten übernehmen könnten, falls in Wetzikon die Lichter ausgehen.
Passend zum Artikel
Source: Neue Zürcher Zeitung · Jan Hudec, Marius Huber
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇨🇭 CH
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira