Die gewaltsamen Demonstrationen haben ganz Frankreich erfasst, auch das Elsass. Ein Besuch bei einem konservativen Bürgermeister, bei einem Sozialarbeiter, einem linken Aktivisten und einer verzweifelten Mutter.

24.10.2026, 05.30 Uhr

10 Leseminuten


Die Franzosen sind wütend, «en colère», wie sie sagen. Und es wird immer schlimmer. Auch abseits der grossen Städte wie Paris und Marseille haben die Demonstrationen der vergangenen Wochen sichtbare und unsichtbare Spuren hinterlassen.

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Auf einer Reise durch das Elsass muss ein junger, konservativer Bürgermeister seine Bevölkerung beruhigen. Ein Linksradikaler wehrt sich gegen den Vorwurf, einem Polizisten den Kiefer gebrochen zu haben. Und eine Frau aus der Mittelschicht verzweifelt daran, dass sie sich ihr früheres Leben nicht mehr leisten kann. Sie alle glauben zu wissen, wo die Ursache der Gewalt vom vergangenen Wochenende liegt. Wer die Schuld trägt.

Huningue: Ein Dorf verteidigt die Werte der Republik

In Huningue versammeln sich am Montagabend in der Dämmerung hundert Bürgerinnen und Bürger vor dem Rathaus. Das kleine Dorf liegt an der Grenze zu Deutschland und der Schweiz, wenige Minuten von Basel entfernt. Ein Mann verteilt selbstgebastelte Schilder mit dem Bild des brennenden Rathauses von Limoges. Darauf steht: «France, réveille-toi!», Frankreich, wache auf!

Die Bürgermeister Frankreichs haben nach den Krawallen vom Wochenende zu Solidarität aufgerufen. Die Gemeinden sollen sich versammeln, aufstehen, für die Städte, die Polizei, für die betroffenen Ladenbesitzer.

In Huningue wählen die Menschen mehrheitlich konservativ. Im Dorf ist es meistens ruhig. Auch am 17. Oktober, als in Paris Läden geplündert werden, in Marseille Polizisten verprügelt und in Limoges das Rathaus angezündet wird. Für die Dorfbewohner findet die Gewalt auf Bildern und Videos im Fernsehen statt und in den sozialen Netzwerken. Sie sehen einen Angriff auf ihr Land, auf die Republik und ihre Werte.

Die Bürger von Huningue versammeln sich am Montagabend vor dem Rathaus, während ihr Bürgermeister eine Rede hält, in Solidarität mit den von den Krawallen betroffenen Städten, Ladenbesitzern und Polizisten.

Die Bürger von Huningue versammeln sich am Montagabend vor dem Rathaus, während ihr Bürgermeister eine Rede hält, in Solidarität mit den von den Krawallen betroffenen Städten, Ladenbesitzern und Polizisten.

Jules Féron ist 29 Jahre alt und seit drei Monaten der Bürgermeister von Huningue. Féron wirft der extremen Linken im Land vor, die Demonstrationen zu ihrem eigenen Vorteil gekapert zu haben.

Jules Féron ist 29 Jahre alt und seit drei Monaten der Bürgermeister von Huningue. Féron wirft der extremen Linken im Land vor, die Demonstrationen zu ihrem eigenen Vorteil gekapert zu haben.

Jules Féron ist der Bürgermeister von Huningue, 29 Jahre alt, seit drei Monaten im Amt. Féron gehört politisch zu den sogenannten «Divers droite», einer losen Gruppe unabhängiger, rechter Politiker. Als er sich ans Rednerpult stellt, bilden die Bürger mit ihm einen Kreis, halten ihre Schilder hoch oder falten die Hände vor sich. Die Szenerie erinnert an Mahnwachen, wie sie nach schweren Gewalttaten und Tragödien stattfinden.

Féron beginnt seine Rede mit den Worten: «Wir sind hier, um daran zu erinnern, wer wir sind und für was wir stehen. Wir lassen uns nicht zerstören.» Wir, das ist für Féron die Gemeinde, die Gemeinschaft, die Französische Republik. Diese weiche nicht vor der Gewalt zurück, sondern «schliesst sich zusammen, richtet sich auf und handelt».

Féron schwört seine Bürgerinnen und Bürger ein, symbolisch gegen die gewaltsamen Proteste einzustehen, nicht kampflos aufzugeben. Die Rede beendet er mit: «Vive la commune, vive Huningue et vive la France.» Die Bürger applaudieren und stimmen sanft die Nationalhymne an. «Allons, enfants de la Patrie.» Auf, Kinder des Vaterlandes.

Nach der Zusammenkunft steht Féron etwas abseits, dann sagt er, er sorge sich um die Kosten, die bei den Krawallen entstanden seien, es seien mehrere hundert Millionen Euro. Diese müssten auch Huningue und seine Bürger tragen. Es handle sich um Geld, das er eigentlich für Projekte zum Wohl der Gemeinschaft brauchte.

In Huningue ist es meistens still, nur wenige tausend Personen leben in dem Dorf direkt an der Grenze zur Schweiz und zu Deutschland.

In Huningue ist es meistens still, nur wenige tausend Personen leben in dem Dorf direkt an der Grenze zur Schweiz und zu Deutschland.

Der Bürgermeister erinnert in seiner Ansprache an die französischen Werte: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Für ihn wurden bei den gewaltvollen Protesten vom 17. Oktober die Werte der Republik angegriffen.

Der Bürgermeister erinnert in seiner Ansprache an die französischen Werte: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Für ihn wurden bei den gewaltvollen Protesten vom 17. Oktober die Werte der Republik angegriffen.

In Frankreich sprechen nach den Demonstrationen vom 17. Oktober viele von einem Zusammenschluss der Kämpfe. Féron beschreibt dies so: Da seien die Schüler, die gegen unhaltbare Zustände an ihren Schulen mobilisierten, die grosse Zukunftsängste hätten und sich von den Erwachsenen nicht gehört fühlten. Laut Féron bilden sie strukturlose Bewegungen, die wenig Erfahrung mit Protesten haben. «Sie wollen eine Revolution starten, aber wissen nicht, wie man sich organisiert.» So sei es zu Chaos und ersten Ausschreitungen gekommen, sagt Féron.

Den Schülern habe sich eine grössere Zivilbevölkerung angeschlossen, die wütend und verzweifelt sei wegen der steigenden Lebenshaltungskosten. Ihre Forderungen für ein besseres Leben seien legitim, sagt Féron. Doch sie seien von Linksextremen instrumentalisiert worden. «Sie treiben die Leute an und banalisieren die Gewalt.»

Und zum Ende, als die Leute den Platz verlassen haben, sagt Féron, nur die staatliche Gewalt, also jene der Polizei, sei an Demonstrationen legitim.

Mülhausen: die mutmassliche Polizeigewalt und die Suche nach den Schuldigen

Eine halbe Fahrstunde nördlich von Huningue liegt Mülhausen, eine mittelgrosse Stadt mit mehr als hunderttausend Einwohnern. Am Dienstagmorgen liegt eine trügerische Ruhe über der Stadt. Die Schulferien haben begonnen, viele Familien sind verreist. Einzelne Läden haben ihre Schaufenster mit Holzplatten gesichert. Das Schmuckgeschäft Swarovski ist geschlossen. Mitarbeiter der Stadt installieren nahe der Kathedrale die ersten Lichterketten für die dunkle Winterzeit.

Am Samstag demonstrierten in der Innenstadt laut den Behörden mehr als tausend Personen. Im Vergleich mit anderen Städten in Frankreich blieb es in Mülhausen bei kleineren Schäden: Scheiben wurden eingeschlagen, elektronische Werbetafeln zersplittert, ein Versuch, ins Polizeigebäude und ins Rathaus einzudringen, misslang.

Und doch hat der 17. Oktober auch Mülhausen verändert.

Noch immer beschäftigt die Stadt ein Vorfall vor dem Einkaufszentrum in der Innenstadt. Bei einer Auseinandersetzung zwischen Demonstranten und der Polizei verlor vergangenen Samstag eine 17-jährige Jugendliche ihr linkes Auge. Sie war mit Freundinnen unterwegs gewesen und geriet zufällig zwischen die Fronten. Eine Tränengasgranate der Polizei soll sie direkt im Gesicht getroffen haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Die Stimmung in Mülhausen ist in den Tagen nach den Ausschreitungen in der Stadt getrübt.

Die Stimmung in Mülhausen ist in den Tagen nach den Ausschreitungen in der Stadt getrübt.

Die Schäden vom Samstag sind in der Stadt noch immer sichtbar. Einige Läden haben ihre Fensterscheiben nach wie vor mit Holzplatten abgedeckt.

Die Schäden vom Samstag sind in der Stadt noch immer sichtbar. Einige Läden haben ihre Fensterscheiben nach wie vor mit Holzplatten abgedeckt.

Die Polizei wird in der Öffentlichkeit kritisiert, übermässige Gewalt angewendet zu haben. Für die Sicherheit ist in Frankreich der Staat zuständig, die Stadtpolizei von Mülhausen hat laut der Gemeinde 140 Polizisten, ohne Hilfe aus Paris seien sie den Demonstranten deutlich unterlegen.

Im Rathaus von Mülhausen suchen sie die Schuldigen, die Randalierer und Plünderer. Der Bürgermeister und Mitte-Politiker Frédéric Marquet eilt am späten Morgen im Anzug und mit Aktentasche zu einem Termin. Kurz vor dem Ausgang sagt er, dass es sich bei einem Teil der gewaltbereiten Demonstranten vom Samstag um einen schwarzen Block aus Deutschland und der Schweiz gehandelt habe. Er könne beweisen, dass politische Parteien aus Mülhausen ihre Freunde im Ausland über soziale Netzwerke dazu aufgerufen hätten, sich an der Demonstration zu beteiligen.

In den lokalen Medien heisst es, die Gewalt sei mehrheitlich von Jugendlichen aus den Arbeitersiedlungen am Rande der Stadt ausgegangen. Etwa aus dem Viertel Les Coteaux, in dem fast die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner unter 25 Jahre alt sind. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Wohnungen in den Plattenbauten klein und eng. Mitten im Quartier steht ein Jugendzentrum, das Aktivitäten für Jugendliche anbietet. An diesem Dienstag streichen sie die Wände eines Raumes neu.

Im Quartier Les Coteaux am Rande der Stadt Mülhausen sind mehr als ein Drittel der Bewohnerinnen und Bewohner Jugendliche unter 25 Jahre.

Vincent Schuller ist Koordinator des Quartierzentrums in Les Coteaux, wegen fehlender finanzieller Mittel steht die soziale Einrichtung vor dem Aus.

Vincent Schuller arbeitet seit vierzehn Jahren als Koordinator im Jugendzentrum. Die Zukunft des Zentrums sei gefährdet, sagt er. In den vergangenen Jahren hätten sie von der Stadt und der Regierung in Paris immer weniger finanzielle Unterstützung erhalten. Das laufende Jahr werde er mit einem Defizit abschliessen.

Vincent Schuller sagt, einzelne Jugendliche aus dem Quartier hätten an den Schülerprotesten teilgenommen, wahrscheinlich auch an der Demonstration am Samstag in der Innenstadt. Die Lebensumstände im Quartier seien prekär, sagt er. Aber die Jugendlichen hätten in den vergangenen Jahren zunehmend Interesse daran gezeigt, an den Aktivitäten im Zentrum teilzunehmen. Sie seien motiviert, wollten sich engagieren und das Quartier eines Tages verlassen.

Strassburg: Ein linker Aktivist und eine arbeitslose Mutter demonstrieren

Eineinhalb Stunden dauert die Fahrt von Mülhausen weiter in den Norden, nach Strassburg, die grösste Stadt im Elsass. In Strassburg befindet sich eine grosse Universität, deren Studierende sich schon vor Wochen den Schülerprotesten angeschlossen haben. Unter ihnen war auch Ali Meghiche, 18 Jahre alt und politischer Aktivist, der sich für die radikale linke Partei La France insoumise engagiert. Am späten Dienstagabend sitzt er mit Freunden in der Bar «La Belle» in der Nähe der Universität. Sie sind laut, lachen und reden über Politik, die Proteste und ihre Zusammenstösse mit der Polizei.

Der linke Aktivist Ali Meghiche beschreibt die Demonstration in Strassburg vom Samstag als einen Volksaufstand. Die Armen hätten sich gegen den Staat erhoben.

Die Häuser in der Innenstadt Strassburgs sind voll mit Sprayereien der linken Demonstranten. Auf einer Wand steht: «Die Polizei tötet».

Ali Meghiche ist gross, hat breite Schultern, einen Bart und langes, schwarzes, gelocktes Haar. Er trägt einen langen schwarzen Ledermantel. Wenn Meghiche mit seinen Freunden spricht, ist er locker, aber wenn er gefragt wird, weshalb die Franzosen demonstrierten und ob die Krawalle legitim seien, beginnt er nervös an seinem Armband zu nesteln, wird laut, bäumt sich auf, lehnt sich weit über den Tisch und blickt einem bestimmt in die Augen.

Ali Meghiche arbeitet im Nebenjob mit Kindern an einer öffentlichen Schule in Strassburg. Die Bedingungen seien untragbar, sagt er. Es sei dreckig, die Luft so stickig, dass die Schüler manchmal das Zimmer verlassen müssten. Schon zu seiner Zeit im Gymnasium habe er zeitweise keinen Mathelehrer gehabt und bei Blockaden der Schule teilgenommen. Vor ein paar Wochen schloss er sich den Schülern an und demonstrierte an der Front.

Bei den Demonstrationen habe er vor Fernsehkameras gesprochen und eine Führungsrolle übernommen, sagt Meghiche. Vor drei Wochen habe ihn die Polizei deshalb verhaftet und für dreiundfünfzig Stunden festgehalten, fünf Stunden länger als erlaubt. Die Justiz ermittelt gegen ihn, weil er ein Polizeiauto mit Steinen beworfen haben soll. Zudem soll er einem Polizisten den Kiefer gebrochen haben. Die Vorwürfe gegen ihn seien falsch, sagt Ali Meghiche.

Die Gewalt an den Demonstrationen erklärt er damit, dass viele der Jugendlichen nicht gewusst hätten, wie sie auf das harte Einschreiten der Polizei hätten reagieren müssen. Sie seien panisch geworden und hätten mit Gewalt gekontert. Die Plünderungen seien das Resultat der grossen Armut im Land. Die Demonstrationen vom Samstag seien keine Krawalle von migrantischen Jugendlichen aus den Vororten gewesen, sondern ein Volksaufstand, ein Aufbäumen der Armen gegen den Staat.

Auch in Strassburg verdecken die Läden ihre Fronten mit Holzscheiben. Eine Woche nach der grossen Demonstration erwarten sie weitere Ausschreitungen.

Die Bürgermeisterin von Strassburg hat den öffentlichen Verkehr in die Vororte eingeschränkt. In das Arbeiterviertel Hautepierre fährt etwa ab 20 Uhr abends kein Tram mehr.

Die sozialistische Bürgermeisterin von Strassburg, Catherine Trautmann, hat vorübergehend den öffentlichen Verkehr am Abend aus den Vororten in die Innenstadt eingeschränkt. Der Entscheid soll für mehr Sicherheit in der Stadt sorgen, Linke werfen Trautmann Rassismus vor. An einer Tramhaltestelle im Stadtzentrum hängt ein Protestschild, auf dem steht: «Für Ihre Sicherheit: Die Segregation beginnt um 20 Uhr.»

Eines der betroffenen Quartiere ist Hautepierre mit 15 000 Einwohnern, gelegen am westlichen Rand der Stadt. Der öffentliche Verkehr wurde eingeschränkt, nachdem am Sonntag ein Bus von einer Gruppe Männern angegriffen worden ist.

An der Tramhaltestelle eingangs des Viertels sagt ein Mann am Mittwochmorgen, die Bewohner des Quartiers würden wegen ihres Migrationshintergrundes stigmatisiert. Er habe es satt, dass die Politik und die Medien bei Gewalt in den Städten immer über die Vororte und ihre Bewohner debattierten. Es gehe bei den Krawallen nicht um die Herkunft der Menschen. Die breite Bevölkerung könne sich ihr Leben nicht mehr leisten, sagt er. Darüber müsse man reden. Dann kommt das Tram, der Mann tritt in den Regen und steigt ein.

Ein Mann wartet an der Tramhaltestelle Dante im Viertel Hautepierre auf das Tram. Für ihn haben die Proteste nichts mit einer gewaltbereiten migrantischen Jugend aus den Vororten zu tun. Sondern mit den steigenden Lebenshaltungskosten. Die Franzosen könnten sich immer weniger leisten, sie seien wütend und frustriert.

Am Sonntag wurde an der Haltestelle Dante in Hautepierre ein Bus angegriffen. Verletzt wurde niemand.

Im nahe gelegenen Supermarkt erledigt Claire Florent ihre Einkäufe. Sie steht vor einem Regal voller Frottéetücher, vergleicht die Preise und Farben, zögert, entscheidet sich für Grün. Florent sagt, sie wolle ihrem 13-jährigen Sohn Charles eine Freude bereiten, aber mehr als ein Frottéetuch liege derzeit nicht drin.

Claire Florent ist 43 Jahre alt und wohnt mit ihrem Sohn und ihrem Partner in Oberhausbergen, einem Vorort von Strassburg. Das Wohnquartier der Florents liegt zwischen Arbeitersiedlungen und einer wohlhabenden Gegend. Ihre Familie gehöre zur Mittelklasse, sagt Claire Florent. Fast zwanzig Jahre lang arbeitete sie in einem Unternehmen als Assistentin der Direktion. Sie verdiente 1800 Euro im Monat, ein vernünftiger Lohn, sagt sie. Nun ist sie arbeitslos, sie suche nach einem Job, aber erhalte nur Absagen. Ihr Partner verdiene 2000 Euro im Monat, für die Miete zahlten sie 900 Euro.

Claire Florent sagt, sie verdienten zu viel, um Sozialhilfe zu erhalten, aber zu wenig, um Geld sparen zu können und ihrem Sohn einst etwas zu vererben. Sie sehe Bewohner in den Arbeitervierteln, die arbeitslos seien, Sozialhilfe erhielten und in die Ferien führen. Claire sagt, psychologisch sei das manchmal schwer auszuhalten.

Noch vor zehn Jahren habe die Familie beim Einkauf kaum auf die Preise geachtet, sie hätten Restaurants besucht und seien in den Ferien verreist. Für 100 Euro hätten sie genug Essen für zwei Wochen eingekauft. Nun reiche derselbe Betrag höchstens für eine Woche. Sie sei seit zwei Jahren nicht mehr im Urlaub gewesen, auch nicht im Restaurant. Das wenige Geld, das sie sparen könnten, brauchten sie für Dinge wie Autoreparaturen. «Alles wird teurer, so schnell, dass wir gar nicht die Zeit haben, es zu verstehen.»

Die Französin Claire Florent sagt, sie sei erschöpft und wütend. Innert zehn Jahren habe sich ihr Lebensstandard drastisch verschlechtert. Beim Einkaufen muss sie immer mehr auf die Preise achten.

Laut Claire Florent sind die Krawalle keine Überraschung. Die Schuld daran trage die Regierung Emmanuel Macrons, der die Bedürfnisse der Jugendlichen in den vergangenen Jahren vernachlässigt habe.

Claire Florent ist wütend und erschöpft. Sie stösst ihren Einkaufswagen bedacht durch die Gänge, zwischendurch bleibt sie stehen, spricht mit sanfter Stimme, ballt die Hand in eine Faust, dass ihre Knöchel rot werden. Florent greift nach dem Toastbrot im Regal, legt es in den Wagen und sagt: «Ich hätte mir früher nie vorstellen können, dass ich in meinem Leben einmal an diesem Punkt sein werde.»

Die Gewalt der Proteste habe sie kaum überrascht. Alle seien wütend und müde, die Jugend, die Arbeiter, der Mittelstand, die Polizei. Der Präsident Emmanuel Macron habe komplett versagt, er habe nichts gegen die zunehmende Wut im Land unternommen. Vor allem habe er die gewaltbereiten Jugendlichen im Land vernachlässigt. Claire Florent sagt: «Wir stehen kurz vor dem kompletten Zusammenbruch. Wir haben die Leute in den Wahnsinn getrieben.»

Vor einer Woche habe sie mit ihrem Sohn zur Demonstration in Strassburg fahren wollen, doch Charles habe Angst gehabt. Kürzlich habe er gesagt: «Mama, das nächste Mal gehen wir hin.»

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Corina Gall, Dominic Nahr

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