Winterthur will das Auto fast vollständig aus der Innenstadt verbannen

Die Winterthurer sollen mehr zu Fuss gehen oder mit dem Bus und dem Velo. Jetzt kommen die Pläne an die Urne.

29.10.2026, 05.05 Uhr

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Die Stadt Winterthur stimmt über einen neuen Richtplan ab. Dieser will das Auto möglichst aus der Innenstadt verbannen.

Die Stadt Winterthur stimmt über einen neuen Richtplan ab. Dieser will das Auto möglichst aus der Innenstadt verbannen.

Michael Buholzer / Keystone

Wer in eine neue Wohnung zieht, kennt es: Lange vor dem Bezugstermin muss man sich überlegen, wie man die Fläche am besten bespielen wird. Soll das Sofa an diese oder an jene Wand? Kommt man noch durch, wenn der Kleiderschrank im Gang steht? Und wenn der Nachwuchs erwachsen wird und auszieht, eignet sich dann das Kinderzimmer als Büro?

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Vor vergleichbaren Fragen stehen auch die Winterthurer Stimmberechtigten. Aber nicht für ihre Wohnungen, sondern für ihre ganze Stadt: Sie stimmen über einen neuen kommunalen Richtplan ab. In einem Richtplan wird zum Beispiel festgelegt, wo neue Wohnsiedlungen gebaut werden sollen, wenn die Bevölkerung wächst. Er beschreibt, wo Platz für Unternehmen frei gehalten werden soll, wo für Grünräume, für Schulhäuser oder Stützpunkte der Feuerwehr und der Polizei. Ein zentrales Thema ist ausserdem die Organisation des Verkehrs.

Der neue Winterthurer Richtplan soll diese Punkte bis zum Zeithorizont 2040 festlegen. Er soll einen Vorgänger ersetzen, der mittlerweile fast dreissig Jahre alt ist.

Für die Bürgerlichen geht der Richtplan zu weit

Richtpläne sind in der Regel unumstritten und kommen nur selten an die Urne. Zu allgemein gehalten sind die Vorgaben. Ausserdem beschreiben sie keine Projekte, die in Stein gemeisselt sind. Sie ersetzen weder einen Budgetbeschluss noch eine Volksabstimmung. Viele Einträge werden am Ende nie realisiert, weil das Geld oder der politische Wille fehlte oder weil sich die Realität anders entwickelte als vor Jahrzehnten erwartet.

Der Winterthurer Richtplan sorgt dennoch für Unruhe. Ein bürgerliches Komitee hat dagegen das Referendum ergriffen, deshalb wird darüber an der Urne abgestimmt.

Die Gegner des Richtplans stören sich an zwei Stossrichtungen. Erstens, dass der Richtplan sehr detaillierte Vorgaben mache, die weit über die Raumplanung hinausgingen. Und zweitens, dass er damit Entscheide über zentrale Fragestellungen vorwegnehme, ohne dass diese zuvor vertieft diskutiert worden seien.

Aus ihrer Sicht ist der Richtplan, wie er jetzt vorliegt, deshalb nicht einfach eine grobe Skizze der künftigen Winterthurer Topologie, sondern ein undemokratischer Masterplan, der tief in private Lebensbereiche und unternehmerische Entscheide eingreift.

Ganz so undemokratisch ist der Richtplan aber nicht. Der Stadtrat weist in den Abstimmungsunterlagen darauf hin, dass wesentliche Elemente, etwa Vorgaben zu preisgünstigem Wohnraum, auf früheren Volksentscheiden beruhten. Ausserdem ging dem Richtplan ein aufwendiges Mitwirkungsverfahren voraus. In einer Vernehmlassung konnten sich die Bevölkerung, Vereine und Parteien dazu äussern. Zudem wurde der Richtplan im Winterthurer Stadtparlament diskutiert und angenommen, wenn auch gegen den Willen der bürgerlichen Minderheit.

Klar ist jedoch auch: Der Richtplan ist behördenverbindlich. Das heisst, er dient auch in jenen Themen als Leitlinie, in denen eine intensive politische Auseinandersetzung vielleicht eher weniger stattgefunden hat.

Hoffen auf ein Winterthurer Job-Wunder

Ausgangspunkt für alle Planungen ist die Bevölkerungsentwicklung. Die Winterthurer Behörden gehen davon aus, dass ihre Stadt bis 2040 von heute 120 000 auf rund 135 000 Einwohner wachsen wird, das ist ein Plus von 12 Prozent. Gleichzeitig soll die Zahl der Arbeitsplätze sogar um 30 Prozent zunehmen, von 80 000 auf 105 000.

Das prognostizierte Bevölkerungswachstum ist realistisch, es entspricht den Zuwachsraten der letzten Jahre. Ambitiös erscheint hingegen das erwartete Winterthurer Job-Wunder. Von 2011 bis 2024 wurden pro Jahr im Schnitt 960 neue Arbeitsplätze geschaffen. Bei dieser Wachstumsrate kommt Winterthur im Jahr 2040 nicht auf 105 000 Stellen, sondern auf rund 95 000. Wie sich das Stellenwachstum wie im Richtplan vorgesehen beschleunigen sollte, ist unklar. In jüngster Zeit sorgten Winterthurer Unternehmen nämlich eher mit Plänen zum Stellenabbau für Schlagzeilen.

Eng mit der Bevölkerungsentwicklung verbunden ist die Verkehrsplanung. Hier liegt einer der grössten Kritikpunkte des Richtplans. Dieser geht davon aus, dass der Anteil der Autofahrten halbiert wird. Heute werden gut 40 Prozent der innerstädtischen Wegstrecken mit dem Auto zurückgelegt. Dieser Anteil soll bis 2040 auf 20 Prozent fallen. Im Gegenzug sollen die Städter künftig vermehrt zu Fuss, mit dem Velo oder mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs sein.

Erreicht werden soll dies unter anderem, indem die Stadt künftig vor allem dort wächst, wo die Erschliessung mit dem öV besonders gut ist. Und: Winterthur soll zu einer «Stadt der kurzen Wege» werden. Das bedeutet, dass man von zu Hause aus idealerweise zu Fuss oder mit dem Velo alle wichtigen Punkte in fünf Minuten erreichen kann, von der Schule über die Arbeit und das Einkaufen bis zur Freizeit. Zentrale Gebiete sollen zu sogenannten «Fussverkehrsteppichen» werden. Das sind Zonen, in denen das Fusswegnetz verdichtet und attraktiver gestaltet wird.

Ausserdem soll die ganze Stadt verkehrsberuhigt werden, und öffentliche Parkplätze sollen an vielen Orten aufgehoben werden. Weiter soll ein sogenanntes «Kammernprinzip» zur Anwendung kommen: Die A 1 beschreibt schon heute einen grossen Bogen um Winterthur. Die Stadt soll nun verkehrstechnisch in vier Stücke aufgeteilt werden, von denen jedes über einen eigenen Autobahnanschluss verfügt. So soll die Zahl der Durchfahrten durch das Stadtzentrum deutlich reduziert werden.

Die Stadt begründet diese Stossrichtung insbesondere damit, dass die Bevölkerung 2021 ein Netto-Null-Ziel an der Urne angenommen habe. Der motorisierte Strassenverkehr sei für einen Grossteil der CO2-Emissionen verantwortlich. Ausserdem sei es kaum möglich, innerhalb der Stadt neue oder breitere Strassen zu bauen. Deshalb brauche es Verkehrsformen, die weniger Platz benötigten, schreibt der Stadtrat im Abstimmungsmagazin.

Die Richtplangegner halten diese Pläne für unrealistisch. Die Autos verschwänden nicht einfach, nur weil sie politisch unerwünscht seien. Und das Kammernprinzip sei ein verkehrspolitisches Experiment auf Kosten der Bevölkerung und des Gewerbes.

Der Richtplan kommt am 29. November an die Urne. Das Ziel der Referendumsführer ist zwar ein Nein. Sie sind aber nicht per se gegen einen Richtplan. Ihr Ziel ist eine abgespeckte Neuauflage, die auf ganz wenige zentrale Punkte reduziert wird.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Zeno Geisseler

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