Mit einer digitalen «Armee» und milliardenschweren Wahlversprechen gelang dem brasilianischen Präsidenten eine historisch einzigartige Aufholjagd. Doch Lula profitierte auch von den Aussetzern seines schwachen Konkurrenten Flávio Bolsonaro.
27.10.2026, 17.00 Uhr
4 Leseminuten
Am Tag des Wahlsieges macht sich Lula auf den Weg zur Avenida Paulista in São Paulo, wo er mit seinen Anhängern den Sieg feiert.
Tuane Fernandes / Reuters
Er habe noch nie eine Präsidentschaftswahl im ersten Wahlgang gewonnen: Als Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva nach seiner Niederlage vor drei Wochen vor die Anhänger trat, versuchte er Zuversicht zu verbreiten. «Bei den Stichwahlen bin ich jedoch unschlagbar.»
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Die Mienen der Männer um ihn herum erinnerten trotzdem eher an eine Trauerfeier als an den Auftakt zu einer Aufholjagd. Denn noch nie in der brasilianischen Geschichte hatte der Zweitplatzierte des ersten Durchgangs die Stichwahl für sich entscheiden können. Es waren vor allem alte Weggefährten, die den 81-jährigen Arbeiterführer seit Jahrzehnten begleiten.
An diesem Sonntagabend, nach seinem überraschend deutlichen Sieg in der Stichwahl, bot sich auf derselben Bühne in São Paulo ein ganz anderes Bild. Lula war umringt von jüngeren Politikern, darunter auffallend viele Frauen, die seinen Wahlkampf mitgetragen hatten oder gerade in den Kongress gewählt worden waren. Einer stach besonders hervor: André Janones. Als einziger trug der Abgeordnete nicht das Rot von Lulas Arbeiterpartei, sondern das Gelb der Trikots der brasilianischen Fussballnationalmannschaft – jenes Symbol, das bislang vor allem die Anhänger Bolsonaros für sich beansprucht hatten.
Wer Antworten auf die Frage sucht, wie der Senior Lula ein spektakuläres Comeback geschafft hat, kommt nicht an Janones vorbei.
Janones ernannte sich zum «General» über seine «Soldaten»
Lula dankte dem 42-jährigen Linkspolitiker ausdrücklich für seine Hilfe beim Wahlsieg. Janones hatte nach dem verlorenen ersten Wahlgang freie Hand bekommen, die digitale Kampagne neu aufzustellen. Innerhalb von nur drei Wochen baute er den Whatsapp-Kanal «Exército do Lula» («Lulas Armee») von 50 000 auf zehn Millionen Abonnenten aus.
Janones ernannte sich selbst zum «General», seine Anhänger zu «Soldaten». Rund um die Uhr gab er ihnen per Sprachnachricht neue «Missionen»: Videos verbreiten, Instagram-Beiträge kommentieren, Hashtags verstärken oder bestimmte Suchbegriffe bei Google eingeben. «Explodam!» («Explodiert!»), lautete sein Befehl. Er forderte die Lula-Anhänger auf, sich im Leibchen der Seleção zu zeigen und mit dem Daumen und Zeigefinger das L-Zeichen für Lula zu machen. Allein am Tag der ersten TV-Debatte verschickte Janones laut dem Nachrichtenportal «Jota 369» Nachrichten, darunter 47 Sprachnachrichten.
Das Neue daran: Whatsapp wurde zur Kommandozentrale einer freiwilligen Massenbewegung. Aus passiven Empfängern politischer Botschaften wurden Millionen Wahlkampfhelfer. «Was Janones macht, hat in Brasilien noch keiner gemacht», erklärte Guilherme Russo vom Meinungsforschungsinstitut Quaest.
Wer den Algorithmus beherrscht, gewinnt
Bisher war das Internet die Domäne der Rechten gewesen. Jair Bolsonaro hatte 2018 vor allem über digitale Netzwerke seine Anhänger mobilisiert, von denen viele den ehemaligen Hauptmann der Armee fast kultisch verehrten. Auch seinem Sohn Flávio gelang dies in seiner diesjährigen Kampagne zunächst. «Sie bestimmten die Erzählung, und wir liefen ihnen hinterher», sagte Janones dem Magazin «Carta Capital». Doch jetzt habe die Linke aufgeholt. «Wer den Algorithmus beherrscht, beherrscht die Politik. Wer in den sozialen Netzwerken gewinnt, gewinnt auch in der realen Welt.»
In den letzten Wahlkampfwochen gelang es «Lulas Armee», die öffentliche Debatte zunehmend mitzubestimmen. Janones ist überzeugt, dass sich die Kräfteverhältnisse dauerhaft verschoben haben: «Die extreme Rechte wird nie wieder die Vorherrschaft in den sozialen Netzwerken haben», glaubt er. Sein Wissen über die Algorithmen habe er inzwischen an Millionen Anhänger weitergegeben.
Für Janones ist Lula der ideale Kandidat für diese neue Art des Wahlkampfs. Er sei ein geborener Kommunikator, der kein Medientraining brauche. «Er ist wie Messi, der ein paar schnelle Spieler braucht, die für ihn laufen», verglich er den alternden Sozialisten mit dem argentinischen Fussballstar.
Präsident Lula hält in São Paulo seine erste öffentliche Ansprache nach dem Sieg bei den Stichwahlen.
Natacha Pisarenko / AP
Bolsonaro beschimpfte Lula als «Neunfinger»
Während Lula im Wahlkampf zunehmend seine Stärken als Kommunikator ausspielte, offenbarte Flávio Bolsonaro in den Fernsehdebatten seine Schwächen. In der letzten Debatte verspottete er Lula als «Neunfinger» – eine Anspielung auf den fehlenden kleinen Finger an Lulas linker Hand, den dieser als junger Fabrikarbeiter bei einem Arbeitsunfall verloren hatte. Bolsonaro entschuldigte sich später, doch der Schaden war bereits angerichtet. Lula nahm den Steilpass dankend auf und stellte seinen Gegner als Taugenichts bloss, der in seinem Leben noch nie gearbeitet habe und sich über die Sorgen der einfachen Menschen lustig mache.
Der linke Amtsinhaber setzte indes nicht allein auf die Mobilisierung im Netz. Er schnürte auch ein Paket aus Sozialleistungen, Steuererleichterungen und Krediten im Umfang von rund 60 Milliarden Dollar. Dazu gehörten eine Erhöhung der Sozialhilfe Bolsa Família um 15 Prozent, Steuersenkungen auf Benzin und Schuldenerleichterungen für Kleinunternehmer. Ausserdem versprach er kostenlose öffentliche Verkehrsmittel an Wochenenden und verkaufte den kürzlich vom Parlament beschlossenen arbeitsfreien Samstag als Erfolg seiner Politik.
Bolsonaro überbot Lulas Massnahmen mit noch grosszügigeren Versprechen – obwohl er doch solide Staatsfinanzen und ein liberales Wirtschaftsprogramm versprochen hatte. Sein plötzlicher Einsatz für die sozial Schwachen wirkte wenig glaubwürdig. Schliesslich hat er vermutlich noch nie eine staatliche Schule besucht, einen Linienbus benutzt oder sich im öffentlichen Gesundheitssystem behandeln lassen müssen.
Zudem belasteten Bolsonaro Ermittlungen zu illegalen Wettgeschäften und zu seinen mutmasslichen Verbindungen zum organisierten Verbrechen. Seine Nähe zu den Milizen, jenen kriminellen, häufig von ehemaligen Polizisten kontrollierten Gruppen, bestritt er im Wahlkampf nicht mehr.
Lulas Verbündeter Janones dagegen verstand besser als die lange Zeit im Wahlkampf tonangebenden Parteigrössen der Arbeiterpartei, wie man die ärmeren Brasilianer heute erreicht. Er selbst wuchs in bitterer Armut auf. Sein Vater starb, als er zehn Monate alt war. Seine Mutter brachte die beiden Söhne als Haushaltshilfe durch. Janones litt Hunger, arbeitete später als Buskondukteur und finanzierte sich so sein Jurastudium.
Als die Parteiführung Lulas Wahlkampf im August am historischen Gewerkschaftsort Vila Euclides eröffnete, kritisierte er: «Ich bin 40 Jahre alt und weiss nicht, was Vila Euclides ist. Glaubt ihr, die Leute wissen das?» Doch die Parteigrössen hörten nicht auf ihn. Das hat sich inzwischen geändert.
Passend zum Artikel
Source: Neue Zürcher Zeitung · Alexander Busch
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇨🇭 CH
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira