Pro Artikel

Wie kam es zur wirtschaftlichen Talfahrt in Frankreich? Diese Grafik der letzten zweihundert Jahre liefert die Antwort

Im 19. Jahrhundert gehörte der französische Franc zu den stabilsten Währungen der Welt. Doch hohe Staatsschulden und Inflation führten zu einer massiven Geldentwertung.

27.10.2026, 05.30 Uhr

6 Leseminuten


Kaiser Napoleon I. symbolisiert die frühere Strahlkraft von Frankreich: Er machte auch den französischen Franc zu einer starken Währung.

Kaiser Napoleon I. symbolisiert die frühere Strahlkraft von Frankreich: Er machte auch den französischen Franc zu einer starken Währung.

Collection Malmaison

Frankreich ist der neue kranke Mann Europas. Die Regierung muss dringend sparen, um die grassierende Verschuldung zu bremsen. Doch das Land ist politisch blockiert und Präsident Emmanuel Macron kaum noch handlungsfähig. Der Vertrauensverlust bei den französischen Staatsanleihen verschärft die Abwärtsspirale.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Die Rendite der zehnjährigen Schuldpapiere ist auf bedrohliche 5 Prozent geklettert – der höchste Stand seit 2002. Der Risikoaufschlag gegenüber den deutschen Bundesanleihen hat sich seit dem Sommer verdoppelt. Das Land steht inzwischen auch schlechter da als die früheren Sorgenkinder Italien und Griechenland.

Ganz anders präsentiert sich die Vergangenheit: Da zählte Frankreich über lange Zeit zu den finanziell stabilsten Nationen der Welt. Diese goldene Epoche währte über weite Teile des 19. Jahrhunderts. Militärisch erlitt das Land zwar zwei schmerzliche Niederlagen: 1815 unterlag Kaiser Napoleon I. in der Schlacht von Waterloo. Ebenso endete der Deutsch-Französische Krieg 1871 mit einer Demütigung und dem Verlust des Elsass sowie von Teilen Lothringens.

Wirtschaftlich allerdings prosperierte Frankreich. Paris entwickelte sich zu einer modernen Metropole mit imposanten Prunkbauten. Die Stadt wurde zum unbestrittenen Zentrum der westlichen Kultur – was gegen Ende des Jahrhunderts mit der Belle Époque seinen Höhepunkt fand.

Napoleon wollte eine stabile Währung

Gemessen am Wohlstand blieb Grossbritannien zwar die Nummer eins. Den Franzosen gelang es aber, den Rückstand stetig zu verringern. Gegenüber den Deutschen blieb der Vorsprung derweil über lange Zeit bestehen. Erst zum Schluss des 19. Jahrhunderts zog der «ewige Rivale» gleich.

Zur Strahlkraft Frankreichs trug auch die Stabilität seiner Währung bei. Napoleon Bonaparte etablierte im Jahre 1803 die Bindung des Franc an die beiden Edelmetalle Silber und Gold – später wurde die Währung dann nur noch ans Gold gekoppelt. Auch zum britischen Pfund, der globalen Leitwährung damals, blieb der Wechselkurs bis zum Ersten Weltkrieg ziemlich stabil.

Die Schweiz hat stark vom französischen Franc profitiert. Bis im Jahr 1798, auf französischen Druck hin, die Helvetische Republik gegründet wurde, besass das Land keine einheitliche Währung. Stattdessen konnten Dutzende lokale Institutionen ihre eigenen Münzen prägen, welche die unterschiedlichsten Namen wie Batzen, Taler, Rösseler oder Cornuto trugen. Dies änderte sich mit dem Einmarsch der französischen Truppen im Jahr 1798. Diese raubten zwar Tausende Unzen Gold, welche die Kantone als Währungsreserve hielten. Parallel dazu aber verfügte Frankreich die Einführung des «franc suisse» als nationale Landeswährung nach französischem Vorbild.

«Damit sich die Schweiz zu einem modernen föderalistischen Bundesstaat entwickeln konnte, brauchte sie eine eigene Landeswährung», sagt der Ökonom Costa Vayenas, der letztes Jahr ein Buch zur Geschichte des Schweizerfrankens publiziert hat. Zwar gab Napoleon später die Münzhoheit wieder an die Kantone zurück. Dennoch entwickelte sich der französische Franc zu einem immer wichtigeren monetären Referenzwert.

Lateinische Münzunion als Glücksfall für die Schweiz

Die Schweizer Bundesverfassung von 1848 ebnete dann den Weg zur definitiven Einführung des Frankens als nationale Währung. Dessen Wert war an den französischen Franc gekoppelt, und auch die ersten Münzen wurden hauptsächlich in Paris geprägt.

Manche Kantone, primär in der Deutschschweiz, hätten eine Anbindung an den süddeutschen Gulden bevorzugt. «Der Franc besass allerdings die grössere Vertrauenswürdigkeit», sagt Vayenas. «Dies zeigt sich daran, dass jene Kantone, die ihre Währung schon damals an jene Frankreichs angebunden hatten, von deutlich tieferen Zinsen profitieren konnten.»

Die Abhängigkeit vertiefte sich, als die Schweiz der 1865 gegründeten Lateinischen Münzunion beitrat. Unter der Führung Frankreichs wurde diese zum wichtigsten Währungsraum auf dem europäischen Festland, dem auch Italien, Belgien und zeitweise Griechenland angehörten. Weitere Staaten wie Österreich-Ungarn, Spanien oder Rumänien passten ihre Währung informell der Münzunion an.

Vayenas bezeichnet die Zugehörigkeit zur Münzunion als Glücksfall für die Schweiz – obwohl die Geldpolitik massgeblich in Paris diktiert wurde. «In dieser Zeitspanne konnte der Franken sein Fundament zum späteren Aufstieg als stärkste Währung der Welt legen», sagt der Buchautor. Auch der Bankenplatz habe vom Wegfall der Wechselkursrisiken und von den grenzüberschreitenden Handelserleichterungen profitiert. «Seinen Status als Fluchtwährung mit globaler Ausstrahlung erlangte der Franken dann aber erst nach der Zäsur des Ersten Weltkrieges.»

In Frankreich grassierte die Inflation

Ganz anders erging es dem kriegsversehrten Frankreich: Der französische Franc verlor ab 1918 seinen Nimbus und startete seine bis heute andauernde Talfahrt. Dies zeigt sich auf eindrückliche Weise am Wechselkurs des französischen Franc zum Schweizerfranken. Notierte der Kurs im Jahr 1914 praktisch auf demselben Niveau wie ein Jahrhundert zuvor, so stürzte er allein bis zum Kriegsende vier Jahre später um nominal 30 Prozent ab.

Um die enormen Kriegsschulden, insbesondere gegenüber den USA und Grossbritannien, abzuzahlen, musste die Zentralbank die Notenpresse anwerfen, was zu einer Inflationswelle führte. Bis 1928 hatte der Franc vier Fünftel seiner vorherigen Kaufkraft verloren. «Von diesem Schock hat sich die französische Währung nie mehr erholt», sagt Vayenas. «Es ist ein Lehrbeispiel dafür, wie eine Verschuldungskrise auch die geldpolitische Stabilität eines Landes untergräbt.»

Vayenas hat eine über zweihundertjährige Datenreihe der Geldentwertung in Frankreich und der Schweiz erstellt. Das Resultat ist eindrücklich: Bis zum Ersten Weltkrieg herrschte in beiden Ländern eine relative Preisstabilität. Doch dann explodierte die Inflation in Frankreich. Ein Warenkorb, für den man im Jahr 1798 noch 100 französische Franc bezahlen musste, würde heute gemäss Preisindex umgerechnet 426 000 Franc kosten. In der Schweiz dagegen würde derselbe Warenkorb heute lediglich 1600 Franken kosten.

Das bedeutet: Der französische Franc wurde im Vergleich zum Schweizerfranken immer schwächer. Noch im 19. Jahrhundert bestand überwiegend eine Parität zwischen den beiden Währungen. 100 französische Franken entsprachen somit 100 Schweizerfranken. Durch die Geldentwertung in den letzten hundert Jahren allerdings hat der Franc massiv an Wert eingebüsst. In Franken umgerechnet resultierte ein Verlust von 99,6 Prozent.

Der Franc verlor auch gegenüber der D-Mark an Boden

Mit dem Zweiten Weltkrieg kam es in Frankreich erneut zu einer Phase mit starker Inflation und wirtschaftlicher Instabilität. Ab den fünfziger Jahren erlebte der Franc auch gegenüber der Deutschen Mark massive Wertverluste. Der damalige Präsident Charles de Gaulle versuchte, die Abwertungsspirale mit einer Währungsreform zu stoppen. Die Einführung des «nouveau franc» 1960 führte zu einem Währungsschnitt im Verhältnis 1:100. Wenig später jedoch begann die Talfahrt des Franc von neuem.

Eine weitere Zäsur erfolgte 1999 mit der Einführung der Europäischen Währungsunion. Seither ist der Wechselkurs des Franc zur D-Mark sowie zu weiteren Mitgliedsländern unveränderlich fixiert. Frankreich hat insofern von der Stabilität der D-Mark profitiert, als sich das Zinsniveau stark den deutlich tieferen Zinsen in Deutschland annäherte. Somit konnte sich der französische Staat günstiger verschulden.

In der Euro-Zone ist dadurch aber die Gefahr des Trittbrettfahrens entstanden: Staaten, die hohe Schulden anhäufen, profitieren auf Kosten jener Mitglieder, welche eine sparsame Haushaltspolitik betreiben. Um dies zu verhindern, müssen die Mitgliedsländer die sogenannten Maastricht-Kriterien einhalten: Die Schuldenquote darf 60 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) nicht übersteigen, und das jährliche Haushaltsdefizit muss unter 3 Prozent des BIP liegen.

Frankreich lobbyierte vor der Euro-Einführung gegen eine allzu strikte Anwendung dieser Kriterien – was sich mittlerweile in der Praxis durchgesetzt hat. Paris hat die Maastricht-Anforderungen letztmals im Jahr 2001 erfüllt. Bis heute hat sich die Schuldenquote auf fast 120 Prozent des BIP verdoppelt.

Die Euro-Zone steht vor einem Testfall

Zwar habe sich die Geldentwertung in Frankreich seit der Einführung des Euro verlangsamt, sagt der Währungsexperte Vayenas. Die Kehrseite der Medaille bestehe aber darin, dass das Land seine geldpolitische Eigenständigkeit verloren habe. «Mit einer eigenen Währung hätte Frankreich seine Schulden weginflationieren können – sprich: Die Geldentwertung hätte den realen Wert der Schulden verringert.» Dieser Ausweg sei nun aber versperrt.

Laut den ursprünglich festgelegten Prinzipien der Währungsunion müsste Frankreich eine rigide Sparpolitik betreiben. Ob es effektiv dazu kommt, wird nun zu einem interessanten Testfall für die Euro-Zone. Marine Le Pen, die führende Oppositionspolitikerin in Frankreich, verlangt von der Europäischen Zentralbank (EZB) ein Eingreifen, um die Zinslast des Staates zu senken.

Derweil fordert der einflussreiche Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon die Streichung von mehreren hundert Milliarden Euro an Staatsschulden, die sich im Besitz der Banque de France und der EZB befinden. Sparmassnahmen seien dadurch nicht mehr nötig, behauptet er. Die Regierung dagegen schlägt vor, die Ausgaben zu kürzen. Doch selbst wenn sie ihre Budgetanträge im Parlament durchbringen sollte, so würde das Defizit im nächsten Jahr noch immer immense 5 Prozent des BIP betragen.

Passend zum Artikel

Source: Neue Zürcher Zeitung · Albert Steck

At a glance

Topic
World
Country
🇨🇭 CH
Publisher language
DE
Added to Allnira