Wie in «Die Truman Show»: In Dänemark lügen 150 Menschen einen Komiker über mehrere Monate an und filmen es
Für eine TV-Serie wird der Komiker Rasmus Wallbridge monatelang getäuscht: Er glaubt, sein Traum werde wahr. Doch es ist alles nur ein Streich.
05.11.2026, 17.56 Uhr
3 Leseminuten
Der Komiker Rasmus Wallbridge wurde Opfer eines fiesen Streichs.
Ida Marie Odgaard / keystone-sda.ch
(dpa) / boh. Die Dänen sind für ihre provokanten Fernsehformate bekannt. Mit einer neuen sechsteiligen Serie ist der öffentliche Sender TV2 jetzt aber zu weit gegangen, meinen viele. Darin wurde dem Schauspieler und Komiker Rasmus Wallbridge vier Monate lang vorgegaukelt, er könne seinen grossen Traum von einem eigenen Spielfilm endlich in die Tat umsetzen.
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In einer finalen Szene sitzt Wallbridge in einem leeren Kinosaal. «Also hat es den Film nie gegeben?», fragt er einen Kollegen, der neben ihm sitzt. Dieser schüttelt den Kopf und sagt: «Alle, die wir getroffen haben, waren eingeweihte Schauspieler.»
Rund 150 Freunde, Bekannte, Kollegen und Prominente spielten bei dem Streich an Rasmus Wallbridge mit. Sie belogen ihn dafür nicht nur über vier Monate hinweg, sondern filmten ihn teilweise mit versteckter Kamera, angestiftet unter anderem von einem engen Freund und Geschäftspartner. Daraus entstand die Fernsehserie «Alle elsker Rasmus» («Alle lieben Rasmus»), die von TV2 ausgestrahlt wurde. Erst in der letzten Folge erfährt Wallbridge, dass alles nur ein Streich ist – und sein Traum platzt.
Die dänische Fernsehserie erinnert an die Handlung des dystopischen Science-Fiction-Films «Die Truman Show». Dort ist der Protagonist Truman ohne sein Wissen der Hauptdarsteller einer TV-Show, in welcher sein gesamter Alltag seit Geburt live im Fernsehen präsentiert wird. Im Verlauf des Films erkennt Truman, dass alles in seinem Leben eine Lüge war: Seine Ehefrau ist eine Schauspielerin, die Häuser seiner Heimatstadt bestehen aus Requisiten.
Im Film «Die Truman Show» wurde das gesamte Leben des Protagonisten – gespielt von Jim Carrey – live im Fernsehen übertragen.
Moviepix via Getty
Wie für Truman kam die Enthüllung, dass er von seinem Umfeld angelogen worden war, offenbar auch für Rasmus Wallbridge als Schock. Der Sender TV2 versuchte dies wohl zunächst zu vertuschen: Als Wallbridge den Kinosaal verlässt, hört man ihn lachen. Der Sender räumte später ein, diesen Lacher im Nachhinein eingefügt zu haben.
Der Toneffekt könnte den Zuschauern den Eindruck vermitteln, Wallbridge nehme den Schwindel gelassen hin, schreibt das dänische Filmmagazin «Ekko». Denselben Eindruck vermittle sein breites Grinsen auf dem inszenierten Gruppenfoto, mit dem TV 2 die Serie einleitete. Später stellte sich jedoch heraus, dass Wallbridge sich nach der Täuschung alles andere als wohlfühlte.
«Mobbing der übelsten Sorte»
Nach heftiger Kritik hat der dänische Sender TV2 die Serie nun aus dem Internet entfernt und sich bei dem Komiker entschuldigt. Doch der Shitstorm ist damit noch lange nicht vorbeigezogen. Zwar hat der Sender eine interne Untersuchung angekündigt – doch in Dänemark werden die Rufe nach einer unabhängigen Prüfung und personellen Konsequenzen immer lauter.
«Jeder kann sehen, dass es sich hier um Mobbing der übelsten Sorte handelt», schrieb der Chefredaktor der dänischen Zeitung «Politiken». Kritiker nennen die Serie «bösartig» und sprechen von «psychischer Gewalt». Kulturministerin Zenia Stampe sagte dem Fernsehsender DR, TV2 habe auf eine «völlig eklatante und unethische Weise» gehandelt und Wallbridge über Monate zum Narren gehalten.
Sogar die dänische Regierungschefin Mette Frederiksen meldete sich zu Wort: «Ich hoffe, dass dieser ganze ziemlich unglückliche Fall bei allen zu einem stärkeren Bewusstsein dafür führt, was man mit welcher moralischen und ethischen Verantwortung veröffentlichen möchte.»
Rasmus Wallbridge hat sich inzwischen mit einem Post auf Instagram gemeldet: «Ich sehe, was über mich gesagt und mir geschrieben wird.» Er sei jedoch gerade nicht an einem Punkt, an dem er sich an der Diskussion beteiligen könne. An den Sender TV2 hat er jedoch eine klare Botschaft – für den Fall, dass dieser in Zukunft ähnliche Formate plant: «Ich will sie wirklich dazu auffordern, das sein zu lassen.»
Der dänische Fernsehsender TV2 fällt nicht zum ersten Mal mit einem umstrittenen Format auf. In der Doku «Der schwarze Schwan» hatten Journalisten vor einigen Jahren ebenfalls mit versteckten Kameras und mithilfe eines Maulwurfs Verbindungen zwischen der dänischen Unterwelt und der Elite aufgedeckt. Das Programm hatte vor allem wegen der verdeckten Aufnahmen und der Rolle der Informantin Fragen dazu aufgeworfen, wie weit Journalisten bei der Beschaffung von Informationen gehen dürfen.
Source: Neue Zürcher Zeitung
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