Wie Hundetrainer, Autojournalisten und Bergbauern die Schweizer Politik prägen

Roman Huber steht mit der Feuerwerksinitiative vor einem seltenen Triumph an der Urne. Doch die Schweizer Politgeschichte zeigt: Einzelkämpfer siegen nur mit breiten Allianzen.

27.10.2026, 06.01 Uhr

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Franz Weber kämpfte 1977 mit Brigitte Bardot gegen die Robbenjagd in Kanada. Für den Erfolg bei der Zweitwohnungsinitiative musste er Allianzen schmieden.

Franz Weber kämpfte 1977 mit Brigitte Bardot gegen die Robbenjagd in Kanada. Für den Erfolg bei der Zweitwohnungsinitiative musste er Allianzen schmieden.

Yannick Muller / Keystone

Am letzten Freitag erlebte Roman Huber den bisherigen Höhepunkt seines politischen Lebenswerks. In der «SRF Arena» stand er in der ersten Reihe neben Albert Rösti. Der Moderator Sandro Brotz stellte Huber schlicht als «Mitinitiant der Feuerwerksinitiative» vor. Doch der Hundetrainer aus Untersiggenthal (AG) ist mehr als das. Ohne sein Engagement würden die Schweizerinnen und Schweizer am 29. November nicht über die Einschränkung von Feuerwerk abstimmen können.

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Alles begann mit einem gewaltigen Ärger. Drei Tage vor Silvester 2020 zündeten einige Feuerwerksbegeisterte in der Nähe von Baden eine Böllerbatterie. Huber schluckte seine Wut vorerst herunter. An Silvester jedoch lief ein Hund aus seinem Bekanntenkreis, der durch das Feuerwerk erschreckt worden war, auf die Strasse und wurde überfahren.

Wenn die Wut gross genug ist

«Das war der Kipppunkt», sagte Huber später der «NZZ am Sonntag». Nach jenem Vorfall schrieb er einen langen Facebook-Post. Zahlreiche Besitzer von Haustieren und lärmempfindliche Menschen meldeten sich darauf bei ihm. So kam ihm die Idee einer nationalen Volksinitiative. Gegenwärtig sieht es so aus, als würden er und seine Mitstreiter am 29. November triumphieren. Gemäss der ersten SRF-Umfrage sprechen sich knapp 70 Prozent eher oder klar für ein Verbot von lauten Feuerwerkskörpern mit Ausnahmen aus.

Roman Huber.

Roman Huber.

PD

Roman Huber steht in einer Ahnenreihe von Einzelkämpfern, die in den letzten Jahrzehnten mit Volksinitiativen die Schweizer Politik geprägt haben. Entweder griffen diese Aktivisten populäre Forderungen auf, oder sie legten den Finger auf wunde Punkte, die die institutionelle Politik nicht anzupacken wagte. Längst nicht alle waren erfolgreich. Ob sie sich durchsetzen konnten, hing vielmehr von ihrer Strategie und ihrem taktischen Geschick ab.

Einen der grössten Coups feierte Franz Weber im Jahr 2012 mit der Zweitwohnungsinitiative. Der Umweltaktivist setzte sich gegen den geschlossenen Widerstand des bürgerlichen Establishments und der Wirtschaftsverbände durch. Mit 50,7 Prozent Ja-Stimmen und 13,5 von 23 Standesstimmen nahm das Volk seine Initiative an. Damit wird der Anteil von Zweitwohnungen auf 20 Prozent pro Gemeinde begrenzt.

Die Voraussetzungen für die beiden Protagonisten waren allerdings ganz unterschiedlich. Huber kannte vor der Feuerwerksinitiative in der Öffentlichkeit kaum jemand. Weber war hingegen bereits vor der Zweitwohnungsinitiative schweizweit als Naturschützer bekannt, der sich für den Erhalt des Lavaux und des Grand-Hotels Giessbach am Brienzersee eingesetzt hatte.

Franz Weber galt lange Zeit als der Prototyp des Einzelkämpfers. Legendär war beispielsweise 1976 seine Kampagne zur Rettung der Robbenbabys gemeinsam mit der französischen Schauspielerin Brigitte Bardot. Seine Tochter Vera erkannte jedoch, dass ein prominenter Name allein nicht ausreicht, um einer nationalen Volksinitiative zum Durchbruch zu verhelfen. Sie knüpfte die notwendigen Allianzen.

Sowohl bei der Unterschriftensammlung als auch im Abstimmungskampf setzte sie auf eine Zusammenarbeit mit mitgliederstarken Naturschutzorganisationen wie Pro Natura und dem WWF. Als zentral erwies sich auch die Kooperation mit renommierten Experten für Umwelt und Raumplanung. Den Initianten gelang es, ihr Anliegen nicht als blossen Umweltschutz, sondern als Erhalt des Schweizer Landschaftsbildes zu verkaufen. Mit diesem Narrativ sprachen sie auch bürgerliche Kreise an und erzielten einen knappen Erfolg an der Urne.

Was passieren kann, wenn eine Einzelkämpferin eine Einzelkämpferin bleibt, erlebte Franziska Herren am letzten Abstimmungssonntag. Am 27. September war die Fitnesstrainerin das Gesicht der Niederlage. Nur gerade 27,5 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer hatten die Ernährungsinitiative angenommen, mit der Herren die schweizerische Agrarpolitik revolutionieren wollte.

Franziska Herren.

Franziska Herren.

Karin Hofer / NZZ

Das Debakel hatte sich abgezeichnet. Herren gab sich kompromisslos bei der Durchsetzung ihrer Forderungen und verärgerte dadurch ihre natürlichen Verbündeten. So sagte die grüne Nationalrätin Franziska Ryser in der «WoZ», die Initiative sei «gut gemeint, aber nicht gut gemacht». Auch der Umweltverband Pro Natura, der Franziska Herren anfangs unterstützt hatte, distanzierte sich von dem Volksbegehren. Die wenigen Getreuen von Franziska Herren hatten keine Chance gegen die geballte Macht des Bauernverbandes, der Bürgerlichen und der Wirtschaftsverbände.

Sympathie für Kühe mit Hörnern

Eine ähnliche Entstehungsgeschichte wie die Feuerwerksinitiative hat die Hornkuh-Initiative. Auch in diesem Fall gab es für den Initianten einen Kipppunkt. Für den Bergbauern Armin Capaul war dieser erreicht, als er feststellen musste, dass der Bundesrat und das Parlament keine Direktzahlungen für Bauern wollten, die Kühe und Ziegen mit Hörnern halten. Nicht zuletzt dank seiner Rolle als authentische David-Figur (Kuhhorn-Rebell) gewann Capaul rasch Sympathien bei städtischen Konsumenten, Tierschutzorganisationen und Umweltverbänden.

Armin Capaul.

Armin Capaul.

Annick Ramp / NZZ

Dieses volksnahe Bündnis genügte, um weitgehend ohne Unterstützung durch Parteigelder über 100 000 Unterschriften zu sammeln. In der Volksabstimmung im November 2018 wurde die Hornkuh-Initiative jedoch mit 54,7 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt. Ausschlaggebend war, dass sich der Schweizer Bauernverband und die etablierten Agrarparteien gegen die Initiative gewehrt hatten. Sie befürchteten zusätzliche staatliche Eingriffe und Vorschriften für die Stallhaltung. Die Sympathiestimmen aus den Städten reichten nicht aus, um die Mehrheit des Volkes und der Stände zu gewinnen.

Ein ähnliches Schicksal wie die Hornkuh-Initiative erlebte in den 1980er Jahren die Volksinitiative «Pro Tempo 130/100». Auch hier war es ein politischer Aussenseiter, der ein in breiten Bevölkerungskreisen populäres Thema aufgriff: Bernhard Böhi. Der Autojournalist aus Basel wollte die Tempolimits rückgängig machen, die der Bundesrat als Sofortmassnahme im Zuge des Waldsterbens erlassen hatte. Auf Autobahnen galten 120 km/h, ausserorts 80 km/h.

Mit den Automobilverbänden ACS und TCS hatte Böhi natürliche Verbündete an seiner Seite. Doch die meisten Unterschriften sammelte der rührige Rentner selbst. In Zeiten vor den sozialen Netzwerken war dies eine nicht zu unterschätzende Leistung. An der Urne scheitere das Volksbegehren jedoch: Es erhielt 38 Prozent Ja-Stimmen. Ein kleiner Trost für Böhi war, dass die Initiative immerhin in sechs Westschweizer Kantonen angenommen wurde.

Die Mutter der Überfremdungsinitiativen

Noch isolierter als Böhi stand James Schwarzenbach Ende der 1960er Jahre da. Doch er war ein Aussenseiter der anderen Art. Als Zürcher Nationalrat der Nationalen Aktion war er Teil des politischen Systems. Doch seine Ansichten zur Ausländerpolitik stiessen beim politischen Establishment auf vehemente Ablehnung. Mit der von ihm eingereichten Überfremdungsinitiative befragte er daher direkt das Volk.

Sein Vorschlag, den Ausländeranteil auf maximal zehn Prozent zu beschränken, wurde von sämtlichen etablierten Parteien (von links bis bürgerlich), Wirtschaftsverbänden, Kirchen und Gewerkschaften geschlossen abgelehnt. Doch Schwarzenbach umging mit seiner Überfremdungsinitiative das Establishment. Er mobilisierte direkt die Arbeiterschicht und den Mittelstand, die Angst vor Lohndruck und Wohnungsmangel hatten. Als charismatischer Redner nutzte er seinen eigenen Verlag sowie direkte Auftritte in Festzelten, um für sein Anliegen zu werben.

James Schwarzenbach.

James Schwarzenbach.

Keystone

In einer der umstrittensten Abstimmungen in der Schweizer Geschichte des 20. Jahrhunderts wurde die nach ihm benannte Schwarzenbach-Initiative am 7. Juni 1970 mit 54 Prozent Nein-Stimmen verworfen. Die Stimmbeteiligung war mit 74,7 Prozent ausserordentlich hoch. Es war ein Schock für das Land, dass fast die Hälfte der Stimmberechtigten für die Initiative gestimmt hatte. Der Bundesrat verschärfte daraufhin die Ausländerpolitik auf dem Verordnungsweg drastisch, um das Signal aus der Bevölkerung aufzufangen. Doch seitdem sind Volksinitiativen zur Begrenzung der Einwanderung in der Schweiz ein Dauerbrenner.

Thomas Minder gegen die Abzocker

James Schwarzenbach gelang es also indirekt, Bundesrat und Parlament zum Handeln zu bewegen. Über vierzig Jahre später schaffte es ein Mann direkt, bei der Konstellation «allein gegen alle» zu siegen. Im März 2013 nahmen Volk und Stände die Abzocker-Initiative des Thurgauer Unternehmers Thomas Minder mit 67,9 Prozent an. Der Geschäftsführer des Kosmetikherstellers Trybol hatte sich als Zulieferer und Aktionär über das Swissair-Grounding im Jahr 2001 sowie die Millionenabfindungen für gescheiterte Spitzenmanager geärgert, während die kleinen und mittleren Unternehmen auf ihren Rechnungen sitzenblieben.

Thomas Minder.

Thomas Minder.

PD

Minder gelang dabei das Kunststück, diametral entgegengesetzte politische Lager hinter sich zu scharen. SP und Grüne sahen in der Vorlage ein wirksames Instrument zur Zähmung des Raubtierkapitalismus und zur Umverteilung von Macht. Traditionelle Gewerbetreibende und konservative Sparer sahen in Minder die Verkörperung der alten Tugend der massvollen Schweizer Firmenführung gegenüber internationalen Managerallüren. Minder nutzte die Abzocker-Initiative als Einstieg in die Politik, wo er als Schaffhauser Ständerat ein unbequemer Geist blieb.

Im Gegensatz zur Schwarzenbach- und zur Minder-Initiative wird die Feuerwerksinitiative wohl nicht in die Geschichte eingehen. Doch sie dürfte zeigen, dass ein Einzelner in der Schweizer Politik sehr viel bewirken kann. Dafür braucht es den richtigen Riecher für populäre Themen und geschickte, lagerübergreifende Bündnisse. Ausserdem profitieren Roman Huber und seine Mitstreiter von der Konstellation am 29. November. Neben den drei anderen zur Abstimmung kommenden Vorlagen zieht die Feuerwerksinitiative wenig Aufmerksamkeit auf sich. Die Gegner aus dem bürgerlichen Lager und der Wirtschaft halten sich im Abstimmungskampf zurück.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Erich Aschwanden

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