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Wie es in Serbien einem Haufen Studierenden gelang, Aleksandar Vucic zu stürzen

Der Erfolg der Studentenbewegung bei den Wahlen am Sonntag zeugt von jungen Menschen, die ihr Handwerk verstehen. Die internationalen Auswirkungen des Regierungswechsels werden jedoch gering sein.

28.10.2026, 05.30 Uhr

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Nach dem Wahlsieg der Studentenbewegung feiern viele Menschen in Belgrad.

Nach dem Wahlsieg der Studentenbewegung feiern viele Menschen in Belgrad.

Armin Durgut / AP

Dieser Wahlerfolg war nicht abzusehen. Am 1. November 2024 stürzte ein schlampig gebautes Bahnhofdach in Novi Sad ein und erschlug sechzehn Menschen. Darauf verlangten Studierende die Herausgabe der Baudokumentation. Als das nicht geschah, besetzten sie ihre Fakultät und gründeten eine Bewegung mit dem Ziel, den gekaperten Staat von der regierenden Fortschrittspartei zu befreien. «Korruption tötet», hiess ihr erster Slogan.

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Am Sonntag, knapp zwei Jahre später, hat die Studentische Liste mit 53 gegen 39 Prozent Aleksandar Vucics Fortschrittspartei besiegt. Die rekordhohe Wahlbeteiligung betrug fast 70 Prozent. Der Belgrader Politikwissenschafter Dusan Pavlovic ist sich sicher: «Es ist ein Fall für die Lehrbücher. Man wird ihn künftig in Artikeln und Büchern diskutieren.»

Der Gegner schien unbezwingbar. In zwölf Jahren war Aleksandar Vucics Griff auf Staat und Gesellschaft immer fester geworden. Seine Partei kontrollierte die Verwaltung, die Justiz, den Grossteil der Medien. Er unterhielt ein weitverzweigtes Klientelsystem, von dem staatsnahe Unternehmen und Zehntausende Angestellte im öffentlichen Dienst profitierten. Die Gewaltenteilung war weitgehend aufgehoben, die Macht bei Vucic konzentriert. Die Jugend schien apolitisch, vertrödelte ihre Zeit am Handy, viele gut Ausgebildete verliessen das Land.

Der Studentenbewegung gelang es trotzdem, Vucics Macht zu brechen. Das hat gute Gründe.

Studierende aus dem Provinzort Gornji Milanovac marschieren nach Belgrad. Die Bewegung mobilisierte überall im Land.

Studierende aus dem Provinzort Gornji Milanovac marschieren nach Belgrad. Die Bewegung mobilisierte überall im Land.

Marko Djurica / Reuters

Die Angst verfliegt dank Öffentlichkeit: Mit ihren gewaltlosen Grossdemonstrationen in Belgrad und Novi Sad, den Blockaden der Donaubrücken und Autobahnen schufen die Studierenden in den vergangenen zwei Jahren eine Gegenöffentlichkeit. Das nahm auch zuvor regimenahen Bürgern die Angst, offen für den Wechsel einzustehen. Die sozialen Netzwerke verstärkten die Wirkung: In tausendfach geteilten Videos feierte sich der Protest, kreativ, frech und oft humorvoll.

Belgrad ist nicht Serbien: Von Anfang an waren die Studierenden mobil. In Tagesmärschen und auf langen Velofahrten suchten sie alle Ecken des Landes auf, feierten in Kleinstädten und fanden Unterkunft in den Dörfern. So wuchs die Bewegung in die Breite. Nicht nur das Belgrader Bürgertum, auch Arbeiter, Bauern, Pensionäre begannen zu sympathisieren. Neu war zudem das Interesse an den ethnischen Minderheiten: In Novi Pazar, einer Hochburg der Bosniaken, fanden gut besuchte Protestversammlungen statt – für viele Studierende war das ein zuvor unbekannter Landesteil. Die Wahlergebnisse bestätigten die Strategie: Nicht nur in den Städten, auch in den meisten ländlichen Gebieten (ausser im Süden und in Kosovo) gewann die studentische Liste. Der Stadt-Land-Graben war überbrückt.

Protest als Gemeinschaft: Die Studierenden verloren etliche Semester an den geschlossenen Universitäten. Doch sie gewannen dafür Gemeinschaftserlebnisse, eine neue Debattenkultur, Organisations- und Kommunikationskompetenzen. Sie lernten, politische Ziele zu definieren, Niederlagen einzustecken und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Politik bekam eine neue, positive Bedeutung. Nationale Symbole wurden neu codiert: die serbische Flagge, der Kolo-Tanz als Symbol einer gleichberechtigten Bürgergesellschaft, zu der auch Nichtserben gehören. Viele, die zuvor an Auswanderung gedacht hatten, sahen jetzt plötzlich eine Alternative.

Keine Anführer: Der Verzicht auf eine formale Hierarchie war eine Bedingung für den Erfolg der Bewegung. Ein Kopf an der Spitze der Bewegung wäre zum Ziel für das Regime geworden, das nie zimperlich mit seinen Gegnern umsprang. Zugleich hätten sich die Studenten aufgrund ihrer unterschiedlichen weltanschaulichen Ansichten kaum auf eine Führung einigen können. Dennoch blieb diese dezentrale, heterogene Bewegung über zwei Jahre mobilisiert, unterzog sich einer strikten basisdemokratischen Disziplin und blieb entscheidungsfähig.

Faire Regeln statt persönlicher Macht: Die Studierenden waren auch deshalb so erfolgreich in der Bevölkerung, weil sie nicht auf eine Politikerkarriere aus waren. Es ging ihnen nicht um persönliche Macht. Sie setzten nicht sich auf die Wahllisten, sondern die Namen von 250 ausgewiesenen Experten und angesehenen Persönlichkeiten. Der Auftrag an die Regierung lautet jetzt: den Rechtsstaat wiederherstellen, Korruption und Vetternwirtschaft in den Institutionen ausschalten, Günstlinge entlassen und durch kompetente Leistungsträger ersetzen. Das wird eine Herkulesaufgabe. Denn der «tiefe Staat», die Verbindung von Geheimdiensten und Kriminalität, war auch nach Slobodan Milosevics Sturz im Jahr 2000 nicht gebrochen worden.

«Korruption tötet!» Ein beschmiertes Wahlplakat von Aleksandar Vucic in Novi Sad.

«Korruption tötet!» Ein beschmiertes Wahlplakat von Aleksandar Vucic in Novi Sad.

Filip Stevanovic / Anadolu / Getty

Die internationalen Auswirkungen der Wahl

Seit dem Wahlsonntag fragen sich viele Beobachter im Ausland, was das Resultat für Serbiens Aussenpolitik und seine geopolitische Position bedeute. Die kurze Antwort lautet: wenig Neues.

Dass sich Serbien jetzt für eine proeuropäische Option entschieden hat, stimmt höchstens halb. Wenn man Rechtsstaat und Demokratie als europäische Werte bezeichnet, dann hat das Land eine Weiche in diese Richtung gestellt. Die Europäische Union spielte bisher keine Rolle. Die Europafahne fehlte an den Demonstrationen. Viele der Studierenden haben Brüssel und den grossen Hauptstädten nicht verziehen, dass sie Vucic zwar verbal kritisiert, ihn als Stabilitätsgaranten aber hofiert haben. Es ist ihnen auch nicht entgangen, dass es zurzeit keinen politischen Willen gibt, die EU auf dem Balkan oder anderswo zu erweitern. So bleibt die EU für Serbien zwar wichtig, aber vor allem als Handelspartner.

Auch die neutrale Haltung gegenüber dem russischen Krieg in der Ukraine wird bleiben. Serbien werde keine Sanktionen gegen Moskau ergreifen, schreibt die Studentenliste. Es wisse aus eigener Erfahrung, dass diese immer die Falschen, nämlich die Bevölkerung, träfen. Das ist ein vorgeschobenes Argument. Tatsächlich geht es darum, dass breite Bevölkerungsschichten in Serbien mit Russland sympathisieren. Eine klare Stellungnahme für Kiew oder Moskau würde das Bündnis gefährden.

Auch mit Blick auf China wird Belgrad auf Kontinuität setzen und am Freihandelsabkommen mit dem grössten Investor und zweitwichtigsten Handelspartner des Landes festhalten. Allerdings soll mit Vucics Praxis gebrochen werden, chinesische Grossprojekte über Sonderabkommen am Vergaberecht vorbeizuschleusen. Das eingestürzte Bahnhofdach hatte ein chinesisches Konsortium gebaut.

Auch die Kosovo-Politik wird sich nicht ändern. Unter den gewählten Parlamentariern der Studentenbewegung gibt es sowohl Gegner als auch Befürworter der Unabhängigkeit. Insgesamt aber besteht im Land auch nach fast zwanzig Jahren ein breiter Konsens gegen die Eigenstaatlichkeit Kosovos. Vielleicht werden die Normalisierungsgespräche mit Pristina wieder aufgenommen – wobei unsicher ist, ob Kosovo interessiert ist.

Das bedeutet freilich nicht, dass eine neue Regierung einfach die Aussenpolitik von Vucic fortsetzt. Vor allem die aggressive Tonalität, mit der Belgrad mit seinen Nachbarn verkehrte, dürfte sich ändern. Auch das seltsame Verhältnis zwischen Vucic und Milorad Dodik, seinem Juniorpartner in Bosnien-Herzegowina, ist jetzt eine Privatangelegenheit. Das sind gute Nachrichten. Sie werden die Stimmung in der Region aufhellen.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Andreas Ernst

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