Wer sind Serbiens Wahlsieger, und was haben sie vor? Ein Psychologieprofessor auf dem Sprung ins Parlament sagt: «Es wird kein Kinderspiel»
Oliver Toskovic vergleicht das Vucic-System mit einem Krebs, will seine Kinder nie mehr an Proteste bringen und hatte eigentlich nie vor, Politiker zu werden. Für die studentische Protestbewegung hat er seine Meinung geändert.
31.10.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten
Oliver Toskovic ist Psychologieprofessor und war die Nummer 21 auf der Wahlliste der Studenten.
Goran Srdanov
Oliver Toskovic wollte nie Politiker werden. Doch für Serbiens studentische Oppositionsbewegung änderte er seine Meinung. Der 49-jährige Psychologieprofessor der Universität Belgrad liess sich auf Platz 21 ihrer Wahlliste setzen – und half so mit, den Langzeitherrscher Aleksandar Vucic bei den vorgezogenen Parlamentswahlen vom Sonntag zu Fall zu bringen. Toskovic wird darum künftig wohl nicht mehr Studenten unterrichten, sondern im serbischen Parlament sitzen.
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Er sieht sich dennoch zuerst als Wissenschafter und Akademiker. «Ich werde wohl ein Politiker sein – so, wie Politiker eben sein sollten»: ein aktives Mitglied der Gesellschaft, das seinen Beitrag zum Gemeinwohl leistet.
Auf der schwarzen Liste
Toskovic möchte mithelfen, die Machtstrukturen der scheidenden Regierung aufzubrechen, um wieder Vertrauen zu schaffen: Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger ineinander und in das System. Den Wunsch äussert der grossgewachsene Mann wiederholt. Er spricht strukturiert und analytisch. Den klaren Sieg über Vucic kann er auch Tage später noch immer nicht richtig fassen. «Ist das wirklich passiert?», frage er sich jeden Morgen ungläubig, wenn er aufwache. Es fühle sich an wie der Gewinn einer Million Dollar. Ein breites Lachen huscht über sein Gesicht.
Toskovic hat in den letzten vierzehn Jahren einiges unternommen, um auf die Probleme des Vucic-Systems aufmerksam zu machen. Wenn er als Experte zu Bildungs- oder Wissenschaftsthemen in Fernsehsendungen eingeladen war, nutzte er die Gelegenheit für Kritik. Zunächst wurden seine Aussagen zusammengeschnitten, bald kam er auf eine schwarze Liste und wurde gecancelt. Da musste er auf andere Kanäle ausweichen. Er brachte im Namen der Philosophischen Fakultät Verbesserungsvorschläge zu bestimmten Themen ein oder verfasste offene Briefe mit der Forderung nach unabhängigen Institutionen und einem funktionierenden Rechtsstaat.
Mit diesen Anliegen zog auch die studentische Protestbewegung über zwei Jahre durch das Land. Toskovic unterstützte sie von Beginn weg. Als ihm die Studenten einen Platz auf ihrer Wahlliste anboten, sagte er zu. Frühere Avancen von Oppositionsparteien hatte er stets abgelehnt, weil ihm die klassische Parteipolitik nie zusagte. Das Angebot der basisdemokratisch organisierten Studenten empfand er jedoch als Chance, um etwas in Serbien zu verändern.
Für die Kinder
Es folgte ein ausgeklügelter Selektionsprozess, der laut Toskovic jede Personalabteilung eines Unternehmens stolz machen würde. Er lacht, wenn er das sagt, und betont, dass er sich selbst eher als Ersatzkandidaten sah. Die Studenten waren anderer Meinung: Sie stellten ihn mit 249 anderen Technokraten ohne politische Erfahrung auf die Wahlliste. Neben Professoren wie Toskovic standen auch Kulturschaffende, Ärzte oder Sportler darauf. Die Strategie schlug ein: 140 von ihnen ziehen nun ins Parlament. Sie haben dort die absolute Mehrheit.
Toskovic hat sich den Schritt in die Politik gut überlegt: Er wolle seine Kinder nie mehr an Proteste bringen, sagt er zu seiner Motivation. Sie sind drei und fünf Jahre alt. «Sie fragen schon, wann die nächste Demonstration stattfindet, und ‹Protest› gehörte zu ihren ersten Wörtern.» Das sei traurig, nicht gut und vor allem nicht normal. Damit seine Kinder in einem anderen Serbien aufwachsen dürfen, ist er bereit, für eine Weile den Hörsaal und damit seine Komfortzone zu verlassen.
Die Verantwortung macht Toskovic nervös. 2,2 Millionen Serben vertrauen darauf, dass die Studentenbewegung den Rechtsstaat wiederherstellt und die Korruption beendet. Ist ein Scheitern bei solch hohen Erwartungen nicht programmiert? Er hoffe nicht, sagt Toskovic. Vielleicht sei er zu optimistisch, doch gehe es in erster Linie darum, das Gesetz einzuhalten und die Institutionen zu stärken. Das werde Zeit brauchen und müsse systematisch angegangen werden. Die Bewegung sei vorbereitet, versichert er. «Dennoch brauchen wir uns nichts vorzumachen: Es wird kein Kinderspiel.»
Die Freude ist gross: Nach vierzehn Jahren ist Aleksandar Vucic gefallen.
Marko Djurica / Reuters
Keine Massenentlassung
Von Entlassungen im grossen Stil, um den öffentlichen Sektor zu säubern, will die Studentenbewegung nichts wissen. Man könne und wolle die 180 000 Staatsangestellten nicht austauschen, da ihr Fachwissen gebraucht werde und das Land sonst kollabiere, sagt Toskovic. Sie sollen aus der Kontrolle von Vucics Partei SNS befreit und nicht kriminalisiert werden. Laut dem Psychologieprofessor gehören die Beschäftigten im öffentlichen Dienst gemeinsam mit der einfachen SNS-Wählerschaft zu den Hauptleidtragenden des Regimes. Viele von ihnen unterstützten das System aus wirtschaftlicher Not, aus Sorge um den eigenen Arbeitsplatz oder unter dem Einfluss einer einseitigen Medienberichterstattung.
Toskovic unterscheidet zwischen aktiver Täterschaft und passivem Mitläufertum. «Die Verantwortlichen an der Spitze haben ein klientelistisches System aufgebaut», sagt er. Sobald man diese Personen austauscht und juristisch verfolgt, wird ein Grossteil der Abläufe wieder funktionieren, davon ist er überzeugt.
Erste Veränderungen sind bereits nach wenigen Tagen sichtbar. Das klientelistische System habe auf der Grundlage gegenseitiger Vorteile funktioniert, das breche nun zusammen. Toskovic verweist auf die jüngsten Entwicklungen im öffentlichrechtlichen Rundfunk und Fernsehen. Am Montag entschuldigte sich ein regionaler TV-Ableger in der Nachrichtensendung für seine einseitige Berichterstattung. Der Chefredaktor war zuvor zurückgetreten.
Am Mittwoch räumte die Intendantin des staatlichen Fernsehsenders RTS ihr Büro. Auch die oberste Staatsanwältin des Landes demonstrierte Handlungsfähigkeit, indem sie am Mittwoch die Ermittlungen in politisch gestoppten Fällen reaktivierte, darunter befinden sich auch jene zum Dacheinsturz in Novi Sad mit sechzehn Toten.
Vierzehn Jahre Vucic haben tiefe Spuren in der Gesellschaft hinterlassen. Toskovic vergleicht das SNS-System mit einem Krebsgeschwür. «Die Menschen wissen nicht mehr, wie sie sich an ein Gericht wenden oder zu einem Arzt gehen können, ohne Bestechungsgelder zu zahlen», sagt er. Das schüre Misstrauen. Er sei zwar kein Psychotherapeut, aber er wisse, dass es viel Zeit brauchen werde, um Vertrauen ins System wiederherzustellen. Dies wird eines der obersten Ziele der neuen Regierung sein.
Das Risiko einer Spaltung
Über ihren aussenpolitischen Kurs ist im 11-Punkte-Programm der Studentenbewegung kein Wort zu finden. Die inneren Angelegenheiten hätten Priorität, sagt Toskovic. Aussenpolitisch wolle man derweil Stabilität bewahren. Serbien sei an einen Vertrag mit Brüssel gebunden, die Beitrittsverhandlungen mit der EU müssten darum weitergeführt werden – auch wenn der Prozess zuletzt de facto zum Stillstand gekommen war. Dabei tönt er Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Bewegung an: «Ein Teil von uns ist fest davon überzeugt, dass der Weg zum Beitritt der richtige ist. Und selbst die Skeptiker erkennen: Ein Abbruch der Verhandlungen wäre für Serbien eine Katastrophe.»
Auch den bisherigen russlandfreundlichen Kurs wolle die neue Regierung fortsetzen. Da Serbien im Energiesektor stark von Moskau abhänge, würden Sanktionen das Land nur destabilisieren, stellt Toskovic klar. Die Gefahr einer Zersplitterung bei den aussenpolitischen Fragen ist jedoch real. Dessen ist sich Toskovic bewusst. Das Programm, das die Bewegung eint, soll als Filter dafür dienen: «Jede neue Entscheidung wird daran gemessen, ob sie seinen Zielen nützt oder nicht.» Wie das konkret gehen soll, bleibt jedoch unklar.
Zuerst muss nun aber eine Regierung gebildet werden. Das Auswahlverfahren ähnelt dem für die Wahlliste. Namen kursieren bis jetzt nicht öffentlich – auch nicht für das Amt des Regierungschefs. Alles geschieht hinter verschlossenen Türen. Ob er selbst Minister werden will? Toskovic druckst herum. Er weiss es nicht. Die Frage sei schwierig. «Aber wo ich einen Beitrag leisten kann, bin ich dabei.» Für die Besetzung der Ministerposten habe er Präferenzen, sagt er, betont aber sofort, dass er sich selbst nicht zu den Kandidaten zählt. «So etwas von sich zu glauben, wäre dumm und egoistisch.»
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Nicole Anliker
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