«Wenn man etwas liebt, möchte man nicht, dass es aufhört»: Stan Wawrinka lädt zum letzten Tanz in Basel

«Stan the Man» bestreitet an den Swiss Indoors seine Dernière – mit Wehmut, aber ohne Angst vor dem Danach. Neben ihm hoffen vier weitere Schweizer im Turnierhauptfeld auf einen Exploit.

26.10.2026, 05.30 Uhr

4 Leseminuten


Im Mittelpunkt vor seinem letzten Turnier: Stan Wawrinka an der Pressekonferenz der Swiss Indoors am Sonntag in Basel.

Im Mittelpunkt vor seinem letzten Turnier: Stan Wawrinka an der Pressekonferenz der Swiss Indoors am Sonntag in Basel.

Georgios Kefalas / Keystone

Selbst wer keinerlei Affinität für Tennis hat, begreift an diesen Swiss Indoors sofort, in wessen Zeichen das Turnier steht. Rund um die St.-Jakobs-Halle leuchten Werbetafeln mit Stan Wawrinkas Porträt und der Botschaft «Merci Stan!». Im Medienzentrum werden die Spieler nach dem 41-Jährigen gefragt: «Wie würdest du Stan in drei Wörtern beschreiben?» lautet eine Frage an den spanischen Jungstar Rafael Jódar.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Als Wawrinka am Sonntag zur Pressekonferenz erscheint, «Stan the Man»-Aufschrift auf dem Rücken, ist der Raum erstmals bis auf den letzten Platz gefüllt. Wawrinka hat sich nie um das Rampenlicht gerissen, er ist von zurückhaltender Natur, fast schüchtern. Doch wenn einer seines Formats abtritt, am Heimturnier, hofieren ihn alle.

Wawrinka spricht von «gemischten Gefühlen»: von Traurigkeit, aber auch von Glück, Freude und Genugtuung, noch einmal hier in Basel zu sein. Gegen die Emotionen anzukämpfen, wolle er gar nicht erst versuchen.

Keine Angst vor dem Ende, aber etwas Melancholie

Wawrinka verabschiedete sich Anfang September am US Open bereits emotional von der Major-Bühne, nun folgt die Dernière. Basel ist definitiv nicht sein bestes Pflaster, in achtzehn Teilnahmen erreichte er zweimal den Halbfinal, nie den Final – und scheiterte neunmal zum Auftakt.

Druck, doch noch am Heimturnier zu reüssieren, macht er sich nicht. Am Sonntagabend will er mit Novak Djokovic trainieren, danach richtet sich der Blick auf seinen 985. Match und den Tschechen Jiri Lehecka. Gegen die Nummer 20 der Welt spielt Wawrinka erstmals. «Gut», «solide», «schwierig» zu bespielen, sagt der Westschweizer über ihn.

Nach der Pressekonferenz wird Wawrinka im kleinen Kreis grundsätzlicher. Ob ihm das Ende Angst mache? «Nein. Es macht mich ein wenig traurig. Denn wenn man etwas liebt, möchte man nicht, dass es aufhört.» Die letzten Jahre seien schwieriger geworden, die grossen Resultate seltener. «Es ist eher eine gewisse Melancholie über die Vergangenheit. Aber diese Melancholie gibt es im Leben immer.»

Dass sich so viele Leute mit ihm identifizieren können, erklärt er sich damit, dass er nie versucht habe, ein anderes Bild seiner Person zu vermitteln. «Ich bin stolz, meine Grenzen immer wieder verschoben und die Leidenschaft nie verloren zu haben», sagt er. Was nach der Karriere kommt, lässt Wawrinka offen: «Ich möchte Ruhe haben, bevor ich entscheide, womit ich wirklich meine Zeit verbringen will.»

Hinter Wawrinka kämpfen die Schweizer um den Anschluss

Während das Turnier für Wawrinka unter dem Stern eines möglichst süssen Abschieds steht, geht es für Dominic Stricker und Jérôme Kym – die beiden weiteren Schweizer mit einer Wild Card für das Hauptfeld – um neuen Schwung nach Seuchenjahren, viel Auf und Ab.

Für Stricker ist die Rückkehr nach Basel eine schöne Zeitreise: 2023 erreichte er hier den Viertelfinal, kurz zuvor war er am US Open sensationell in den Achtelfinal vorgestossen. Vorübergehend rangierte er auf Weltranglistenplatz 88.

Danach bremsten ihn hartnäckige Rückenprobleme, später ein Innenbandriss im Knie. Es gab auch Unruhe um die Emanzipation von seinem dominanten Manager-Vater. Stricker fiel bis auf Weltranglistenplatz 380 zurück. Zuletzt zeigte die Formkurve aber zaghaft wieder nach oben: Im Sommer bezwang er in Gstaad die Nummer 44 der Welt, Jaume Munar, und gewann in Sitten seinen ersten Challenger-Titel seit 2023.

Am Samstag erklärte Stricker sich an der Pressekonferenz für «topfit». Er trifft – da sein eigentlich zugeloster Gegner Alexander Bublik am Samstag eine Knieblessur erlitt – auf Casper Ruud. Den Norweger und dreifachen Major-Finalisten, den er bei seinem Höhenflug 2023 in Basel besiegt hatte. Nach dem Ausscheiden muss Stricker in die Sportler-Rekrutenschule in Magglingen einrücken. Ein zusätzlicher Anreiz, im Turnier zu verweilen, wie er schelmisch sagte.

Gut gelaunt vor dem Turnier: Dominic Stricker will an den Swiss Indoors seinen Coup gegen Casper Ruud wiederholen.

Gut gelaunt vor dem Turnier: Dominic Stricker will an den Swiss Indoors seinen Coup gegen Casper Ruud wiederholen.

Georgios Kefalas / Keystone

Auch Jérôme Kym, 23, verbindet gute Erinnerungen mit seinem Auftaktgegner Arthur Rinderknech, der Nummer 61 der Welt. Vor zwei Jahren bezwang der Aargauer den Franzosen in der Basler Qualifikation. Kym hatte sich damals gerade von langwierigen Knieproblemen zurückgekämpft, zwei Challenger-Titel gewonnen und war von Rang 485 auf 134 geklettert. Später warfen ihn Schulterbeschwerden erneut zurück. Jüngst deutete der 23-Jährige, der bereits als 15-Jähriger im Davis-Cup debütierte, mit einem Challenger-Final in Hagen und einem Halbfinal in Roanne an, dass es wieder aufwärtsgeht.

In Roanne stoppte ihn ausgerechnet sein Landsmann Mika Brunold. Der 22-jährige Baselbieter gewann danach das Turnier und hatte bereits im September bei einem Challenger in Tulln triumphiert. Obwohl er inzwischen neben Wawrinka der einzige Schweizer in den Top 200 ist, erhielt Brunold in Basel nur eine Wild Card für die Qualifikation.

Die Entscheidung verblüffte einige, und es drängte sich die Frage auf, warum Stricker und Kym statt Brunold auf direktem Weg ins Hauptfeld befördert wurden. Der Turnierdirektor Roger Brennwald sagte dazu: «Es sind minimale Unterschiede, es geht um eine Gesamtbeurteilung und einen über längere Zeit erbrachten Leistungsausweis.» In Basel bezwang Brunold in der ersten Qualifikationsrunde am Samstag zwar den 139 Ränge höher klassierten Portugiesen Jaime Faria, unterlag im entscheidenden Schweizer Duell gegen Rémy Bertola aber. Wegen mehrerer Verletzungen rückt Brunold als «Lucky Loser» dennoch ins Hauptfeld. Er trifft auf den Portugiesen Nuno Borges.

Henry Bernet hatte sein Basler Hauptfelddebüt bereits 2025 als 18-Jähriger gegeben. Die Phantasien eines Federer-Erben – genährt durch seine Basler Herkunft, den Klub TC Old Boys und die einhändige Rückhand – erhielten jedoch keinen neuen Schub: Bernet schied heuer in der ersten Qualifikationsrunde aus. Nun wartet ebenfalls die Sport-RS.

Damit stehen mit Wawrinka, Stricker, Kym, Bertola und Brunold fünf Schweizer im Hauptfeld. Am Montagabend wird Wawrinka auf dem Centre-Court mit einer Hommage verabschiedet, sein möglicherweise letzter Match ist am Dienstagabend zur Primetime anberaumt.

Passend zum Artikel

Source: Neue Zürcher Zeitung · Niels Bossert

At a glance

Topic
World
Country
🇨🇭 CH
Publisher language
DE
Added to Allnira