Wenn die Zeit für eine Stunde stillsteht
Neugeborene Zwillinge tauschen das Alter, die Polizei verdächtigt die Falschen – was während der Zeitumstellung am Wochenende passieren könnte.
23.10.2026, 15.27 Uhr
3 Leseminuten
Am Wochenende erfolgt der Wechsel auf die Winterzeit. Die Uhr wird dabei eine Stunde zurückgedreht.
Die Europäische Kommission, Donald Trump, Politiker und Schlafforscher rund um die Welt – sie alle wollen die Zeitumstellung abschaffen. Sie machen auf die wirtschaftlichen Kosten aufmerksam oder auf die gesundheitliche Belastung für einen Teil der Bevölkerung. Und sie betonen, dass die Umstellung – anders als früher angenommen – nicht per se energiesparend sei.
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Trotzdem scheiterte die Abschaffung der Zeitumstellung bis anhin. Die Uhren werden auch an diesem Wochenende zurückgedreht. Um 3 Uhr nachts, am letzten Sonntag im Oktober, erfolgt jeweils die Umstellung von der Sommerzeit auf die Winterzeit. Am Morgen wird es damit früher hell und am Abend früher dunkel.
Die Debatte um die Zeitumstellung hält damit auch in diesen Tagen an. Dabei geht es weniger darum, ob sie überhaupt abgeschafft werden soll, sondern darum, welche Zeit danach gelten soll. Würde die Sommerzeit als Standard gelten, bliebe es im Winter abends länger hell, die Sonne ginge dafür morgens später auf. Bei einer dauerhaften Winterzeit wäre das umgekehrt.
Zwar gibt es genügend rationale Gründe, ein ganzjährig einheitliches System einzuführen. Und doch stellt sich in diesen Tagen die Frage, was mit der «geschenkten Stunde» verloren ginge.
Die Schlafmangel-Gesellschaft
Wenn die Zeit in der Nacht plötzlich stehen bleibt, bedeutet das medizinisch erst einmal: Der Tag-Nacht-Rhythmus gerät durcheinander. Viele Menschen leiden bei der Zeitumstellung unter einer Art «Mini-Jetlag», der bei einigen auch gesundheitliche Beschwerden auslösen kann. Doch im Herbst ist das Problem weniger präsent als im Frühling, wenn durch die Umstellung eine Stunde verloren geht.
Das liegt laut Experten unter anderem daran, dass wir tendenziell weniger schlafen als die empfohlenen sieben bis acht Stunden. Laut einer Umfrage der Sanitas schläft rund ein Drittel der Schweizer Bevölkerung unter der Woche höchstens sechs Stunden. Eine Zusatzstunde am Wochenende kommt also für jene, die nicht im Nachtbetrieb arbeiten, bei Schlafmangel gelegen.
Doch nicht nur chronisch Übermüdete freuen sich über diese, sondern auch jene, die sich generell unter Zeitdruck fühlen. Im Schnitt steigt die Lebensqualität durch das längere Wochenende laut Studien in der gesamten Bevölkerung kurzfristig.
Besonders stark dürfte dies bei jenen der Fall sein, die erst kurzfristig von der Zeitumstellung erfahren – obwohl sich dieses Ereignis in der Schweiz seit 1981 jährlich wiederholt. Denn eine Studie aus den USA zeigt: Eine Stunde, die wir unverhofft geschenkt bekommen, fühlt sich länger an als eine Stunde, die bereits immer frei war.
Zur Frage, wie sich die unerwartet gewonnene Stunde am besten nutzen lässt, gibt es unterschiedliche Ansichten. In einem Experiment der Universität Bristol schliefen die rund 11 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Nacht im Schnitt nur 33 Minuten länger – und nicht eine volle Stunde. Die innere Uhr dürfte sich also bei einigen doch nicht so leicht anpassen.
Entsprechend gibt es während der Umstellung auf die Normalzeit im Herbst vielerorts ein Sonderprogramm für die Schlaflosen – von der «Zeitsprung-Party» über Gottesdienste, die «keine Zeit kosten», hin zu Pyjama-Partys in Studentenwohnheimen.
Vertauschte Zwillinge und falsch Verdächtigte
In einigen Fällen hinterlassen die zurückgestellten Uhren nachhaltigere Spuren im Leben. Zu diesen gehört etwa der jüngere Zwilling, der anders als sein Geschwister während der geschenkten Stunde geboren wird.
Im November 2016 wurde zuletzt ein solcher Fall aus dem amerikanischen Gliedstaat Massachusetts international bekannt: Samuel kam um 1 Uhr zur Welt. 31 Minuten später, kurz nach der amerikanischen Zeitumstellung, folgte sein Bruder Ronan. Obwohl er faktisch der jüngere Zwilling ist, darf er sich laut den Geburtsurkunden als der ältere bezeichnen.
Auch anderswo, wo die Uhrzeit entscheidend ist, würde es mit der Abschaffung der Zeitumstellung wohl zu weniger Missverständnissen kommen – zum Beispiel bei der Polizei.
Ein besonders aufsehenerregender Fall ereignete sich im November 2017 im Südwesten Englands. Nachdem dort eine junge Frau verschwunden war, nahm die Polizei drei Personen wegen Mordverdachts fest: eine 71-jährige Frau, ihren Sohn und ihren Enkel.
Später stellte sich heraus, dass die Uhr einer Überwachungskamera nicht auf die Winterzeit umgestellt worden war – die Aufnahmen passten deshalb nicht zu den Aussagen des Enkels über seinen Aufenthaltsort. Am Ende wurden die drei Verdächtigten aus der Untersuchungshaft entlassen. Ein späterer Bericht bestätigte, dass die fehlerhaften Angaben einer der Gründe für die Festnahme waren.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Jana Kehl
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