Walter Schmid machte aus Pferdemist Strom und baute als Erster Minergie-Häuser. Heute sagt der Umweltpionier: «Ich bin nie ein Grüner geworden»

Die Geschichte eines Unternehmers, der seit sechzig Jahren Profit und Ökologie verbindet. Nun wird er dafür geehrt.

Vincenzo Togni (Text) und Dominic Nahr (Bilder)04.11.2026, 05.03 Uhr

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Der Schweizer Umweltpionier und Unternehmer Walter Schmid erzeugte aus Biomüll Energie. Damit wollte er einst nur «Geld verdienen».

Der Schweizer Umweltpionier und Unternehmer Walter Schmid erzeugte aus Biomüll Energie. Damit wollte er einst nur «Geld verdienen».

1964 schliesst in einem kleinen Dorf in der Agglomeration von Zürich ein junger Mann seine Maurerlehre ab, der später zu einem der bedeutendsten Umweltpioniere der Schweiz werden sollte.

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Walter Schmid ist damals vor allem an einem interessiert: «Geld machen», möglichst rasch. Er ist mit wenig aufgewachsen, in einer Arbeiterfamilie im Limmattal.

Von den politischen Entwicklungen jener Jahre bekommt er wenig mit: Die Umweltorganisation WWF wird in Zürich gegründet, die ersten Protestmärsche gegen die Atomkraftwerke finden statt, im Nationalrat wird ein Umweltschutzartikel in der Bundesverfassung gefordert. Während sich eine Umweltbewegung bildet, schlägt Schmid einen anderen Weg ein. Statt Aktivist will er Unternehmer sein.

In den folgenden Jahrzehnten entwickelt er zwei Umwelttechnologien, die er bis nach Japan oder Katar verkauft. Dennoch sagt er heute noch: «Ich bin nie ein Grüner geworden.»

Es ist Herbst 2026. Mehr als sechzig Jahre sind seit seinem Lehrabschluss vergangen. Walter Schmid, mittlerweile 81 Jahre alt, läuft mit zügigen Schritten auf die gläsernen Eingangstore der Umwelt-Arena in Spreitenbach zu. Das Museum hat er vor vierzehn Jahren eröffnet.

Grosse grün-blaue Lettern stehen über dem Eingang. Die geknickten Dachflächen des futuristischen Baus sind mit schwarzen Solarpanels bedeckt und reichen bis zum Boden. Die Arena sieht aus wie eine gigantische Schildkröte, die mitten in einem schmucklosen Gewerbegebiet gelandet ist.

In seinem Museum zeigt Schmid den Besucherinnen und Besuchern, wie ökologisch gelebt und gebaut werden kann. Dahinter steht seine Überzeugung: Wenn Klimaschutz funktionieren soll, muss er «ökonomisch-ökologisch» sein.

Täglich besucht Walter Schmid die Umwelt-Arena: In der grossen Halle präsentiert er an Messen seine Ideen und Produkte interessierten Investorinnen und Investoren.

Täglich besucht Walter Schmid die Umwelt-Arena: In der grossen Halle präsentiert er an Messen seine Ideen und Produkte interessierten Investorinnen und Investoren.

Geld zu verdienen und die Umwelt zu schonen: Das war für Schmid nie ein Widerspruch. Seine Ideen und Erfindungen entstanden aus Beobachtungen im Alltag. Seine Neugier brachte ihn dazu, zu tüfteln und so nach immer neuen Wegen zu suchen, wie sich Umweltschutz mit dem Geldverdienen verbinden liess.

Der Pferdekot regte seine Gedanken an

Walter Schmid kommt am 8. November 1944 zur Welt. Seine Lehre absolviert er in einem Bauunternehmen in Glattbrugg. Nach der Ausbildung bleibt er im Betrieb, will sich weiterbilden. Er besucht die Abendschule und wird diplomierter Baumeister. Mit 22 Jahren übernimmt er den Betrieb und leiht sich dafür eine beträchtliche Summe. «Ein Risiko», wie er heute sagt.

Als junger Unternehmer muss sich Schmid auf einem umkämpften Markt durchsetzen. Dadurch sei er zum nachhaltigen Wirtschaften gekommen. In seinen Baustellenbaracken versah er die Heizungen mit Zeitschaltuhren, halbe Holzbretter verwendete er weiter. «Ich war sparsam, habe Geld verdient und war dazu nachhaltig.»

Bereits in den 1980er Jahren gelingen Schmid erste ökologische Baulösungen. In Kloten baut die Schmid AG eine Überbauung, die dank warmem Wasser aus einer Tiefbohrung als erste in der Schweiz CO2-neutral geheizt wird. Schmid ist fasziniert von der günstigen Energieversorgung. Er beginnt, beim Bauen gezielt nach Ansätzen zu suchen, die Umwelt und Ressourcen schonen.

In den 1990er Jahren bringt ihn schliesslich eine beiläufige Beobachtung auf die Idee für seine erfolgreichste Erfindung. Schmid ist auf einem Spaziergang. Als er an einer Weide vorbeiläuft, sieht er ein Pferd, das Gras frisst. Daneben verrichtet ein anderes seine Notdurft.

Er erkennt in diesen Pferden Maschinen: Sie fressen Gras, gewinnen daraus Energie und scheiden wertvollen Dünger aus. «Das wollte ich mit unseren Grün- und Gartenabfällen nachmachen», sagt er. Gas aus Kompost schwebt ihm vor. Zu Hause auf seinem Balkon beginnt er, mit «Chübeli und Schlamm» zu tüfteln. Als bei einem Experiment ein Kübel explodiert, weiss er: «Hier hat es Power drin.»

Gemeinsam mit Wissenschaftern von Universitäten gründet Schmid die Kompogas AG. Aus den Versuchen auf dem Balkon werden bald industrielle Anlagen. In einem luftdichten, beheizten Reaktor zersetzen Mikroorganismen die Grünabfälle zu energiereichem Biogas. Daraus lassen sich Strom, Wärme oder klimaschonender Treibstoff gewinnen. Die nährstoffreichen Rückstände werden als Naturdünger genutzt.

Aus Grünabfall Gas zu gewinnen, war Walter Schmids Vision. Sein Kompogas-Verfahren wird heute weltweit genutzt.

Aus Grünabfall Gas zu gewinnen, war Walter Schmids Vision. Sein Kompogas-Verfahren wird heute weltweit genutzt.

Christoph Ruckstuhl / NZZ

«Knorzig» sei der Verkauf des «Ökostroms» zunächst gewesen, sagt Schmid. An Gemeindeversammlungen muss er mit Bauern diskutieren, die an der Qualität seines Düngers zweifeln. Am Ende habe der Preis überzeugt. «Wir waren günstiger und setzten uns deshalb durch – nicht weil wir ökologisch waren.»

Schmid exportiert seine Idee in mehrere Länder in Europa, Nordamerika und Asien. 2010 verkauft er die Kompogas AG an den Energiekonzern Axpo. Die grösste Anlage weltweit steht heute in Doha, gebaut von chinesischen Ingenieuren und Bauunternehmen.

«Oft höre ich, die kleine Schweiz könne nichts leisten für den Klimaschutz», sagt Schmid. Der Erfolg von Kompogas zeige das Gegenteil. Weltweit würden heute aus Abfällen Energie und Dünger gewonnen. «Natürlich können wir etwas machen, wir müssen einfach innovativ und mutig sein.»

Gegen einen Ferrari hat Schmid nichts

Walter Schmid geht die Treppe in der Umwelt-Arena hoch. Er stützt sich am Geländer, doch sein Tempo bleibt zügig. Im obersten Stock zeigt er einen Ausstellungsraum, der ihm besonders am Herzen liegt. Anhand eines Modellhauses wird dort erklärt, wie der schweizerische Baustandard Minergie funktioniert: Eine gedämmte Gebäudehülle und eine automatische Lüftung sorgen für frische Luft und halten die Wärme im Haus. Das senkt den Energieverbrauch.

Mit Unterstützung des Maschinenbauers Ruedi Kriesi, der die Zürcher Energiefachstelle leitete, baut Schmid Ende der 1990er Jahre als Erster in der Schweiz Minergie-Mehrfamilienhäuser. Als die Idee aufgekommen sei, sei die Skepsis gross gewesen. Alle hätten ihn gewarnt, die Mehrkosten zahle am Ende der Mieter. «Ich machte es trotzdem.»

Schmid lässt zwei Häuser nebeneinander bauen, eines mit und eines ohne Minergie. Die Wohnungen werden verkauft, anfangs sind jene ohne Minergie begehrter. Als die Energiepreise steigen, zeigt sich: Wer im Minergie-Haus wohnt, ist günstiger dran. Mittlerweile leben laut dem Verein Minergie, der vom Bund mitgetragen wird, mehr als eine Million Menschen in der Schweiz in entsprechend zertifizierten Gebäuden.

«Mein Ziel mit den Minergie-Häusern war es, ökologisch nachhaltig zu bauen, ohne Komfort zu verlieren», sagt Schmid. Wer ökologisch wohne, solle sich auch einen Ferrari leisten und Freude daran haben. Für die Ökologie Annehmlichkeiten verbieten will er nicht. Lieber zeigt er den Bewohnerinnen und Bewohnern, wie viel Energie sie verbrauchen.

In seinen Häusern lässt sich das an Gebäudecomputern ablesen. Selbst Kinder verstehen, was gemessen wird: «Papi, jetzt hast du zu lange geduscht.» So sensibilisiere man die Menschen, ohne ihnen die Freiheit zu nehmen.

Schmid selbst fährt keinen Ferrari, so etwas interessiere ihn weniger, sagt er. Sein Auto tankt er mit Biogas aus seiner Kompogas-Anlage. Jeden Tag fährt er damit von seiner Baufirma in die Umwelt-Arena. Manchmal hat er Kundschaft bei sich, der er seine Ideen präsentieren will.

130 000 Besucherinnen und Besucher kommen jährlich in die Umwelt-Arena, unter ihnen viele Familien und Schulklassen. Dafür, dass er Umweltbewusstsein auf seine eigene, unternehmerische Art vermittelt, wird Schmid nun auch offiziell gewürdigt.

Der Brandenberger-Preis ehrt jährlich eine Schweizer Persönlichkeit, die sich für die humanitäre Kultur oder den sozialen Fortschritt einsetzt. Die Stiftung ist nach Jacques E. Brandenberger benannt, dem Erfinder der Cellophan-Folie. Das Preisgeld von 200 000 Franken will Walter Schmid in neue Ausstellungen in der Umwelt-Arena investieren.

Mit «Chübeli und Schlamm» begann Walter Schmid einst zu tüfteln: 2026 wird er für sein Lebenswerk mit dem Brandenberger-Preis ausgezeichnet.

Mit «Chübeli und Schlamm» begann Walter Schmid einst zu tüfteln: 2026 wird er für sein Lebenswerk mit dem Brandenberger-Preis ausgezeichnet.

Da das Museum nicht subventioniert werde, sei der Betrag besonders wertvoll. «Wenn wir Ausstellungen ohne Sponsoren organisieren können, sind wir viel freier.»

Der Bundesrat als Pöstler

An Anlässen und Messen finden auch regelmässig prominente Entscheidungsträger den Weg nach Spreitenbach in die Umwelt-Arena. Erst kürzlich war Bundesrat Albert Rösti zu Besuch.

Auf einem kleinen Papierzettel steckte Walter Schmid dem Umweltminister mehrere Ideen zu. Daraufhin hätten sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschiedener Bundesämter bei ihm gemeldet. Schmid sagt: «Rösti ist ein guter Pöstler.»

Mit konkreten Vorschriften schiesse die Schweizer Klimapolitik allerdings oft daneben. Schmid nennt ein Beispiel aus seinem Alltag: Erst kürzlich habe er eines seiner Häuser mit einer Solaranlage bestücken wollen. Doch er durfte nicht – weil das Hausdach als wertvolle Biofläche galt. «Zu viele Vorschriften beim Bau, die einst im Sinne der Ökologie eingeführt wurden, können kontraproduktiv sein.»

Für die Klimajugend hat Walter Schmid gewisse Sympathien. Sie solle weiter demonstrieren, um die Behörden auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen, findet er. Wer protestiere, müsse aber bei den Forderungen möglichst konkret sein. Gute Ideen, glaubt Schmid, könne jeder haben, nicht nur Expertinnen und Experten. Er selbst habe schliesslich auch nicht über ein Studium zu seinem Thema gefunden. «Ich habe immer direkt versucht, etwas Sinnvolles für die Nachhaltigkeit zu tun.»

Die Trockenheit nach dem vergangenen Hitzesommer hat ihn in ihrem Ausmass überrascht. Doch dass der Klimawandel wieder einmal spürbar geworden sei, bringe Chancen mit sich: «Jetzt merken sogar die Rechten, dass der Klimawandel eine ernste Sache ist.»

Dass auch die Schweiz betroffen sei, müsse mittlerweile jedem klar sein. Die richtige Reaktion darauf liegt für Schmid auf der Hand: Alle, denen an einer lebenswerten Zukunft gelegen sei, sollten den Mut haben, zu handeln und die Hochschulen und ihre Infrastruktur für Innovationen zu nutzen.

Bei Aufenthalten im Ausland habe er über die Jahre gemerkt, wie gut es der Schweiz gehe. «Wir haben hervorragende Ingenieure und Maschinenbauer, das muss die Schweiz nutzen und ihre Erfindungen mit der Welt teilen.»

Walter Schmid wird im November 82 Jahre alt. Noch immer ist er gesund und fit, regelmässig trainiert er auf dem Mountainbike. Solange ihm die Arbeit Spass bereitet, will er weitermachen. Angefangen hat er einst mit dem Ziel, Geld zu verdienen. Inzwischen ist das nicht mehr sein wichtigster Antrieb.

Das Dach der Umwelt-Arena, die Walter Schmid 2012 eröffnet hat, wird grösstenteils durch die eigenen Solarpanels mit Energie versorgt.

Das Dach der Umwelt-Arena, die Walter Schmid 2012 eröffnet hat, wird grösstenteils durch die eigenen Solarpanels mit Energie versorgt.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Vincenzo Togni, Dominic Nahr

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