Vor fünfhundert Jahren wurde Rom zerstört: Der «Sacco di Roma» markiert das Ende eines Zeitalters

Am 6. Mai 1527 stürmten deutsche Landsknechte die Ewige Stadt und nahmen den Papst gefangen. Niklas Maak schildert, wie eine jahrhundertealte Kultur in Flammen aufging.

Clemens Klünemann04.11.2026, 05.30 Uhr

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Die Engelsburg in Rom: Beim Einfall der kaiserlichen Söldner am 6. Mai 1527 verschanzte sich Papst Clemens VII. einen Monat lang im ehemaligen kaiserlichen Grabmal.

Die Engelsburg in Rom: Beim Einfall der kaiserlichen Söldner am 6. Mai 1527 verschanzte sich Papst Clemens VII. einen Monat lang im ehemaligen kaiserlichen Grabmal.

Mario Aurich / Imago

Am 6. Mai 1527 überwinden Tausende von marodierenden Söldnern, die im Dienst Karls V. gestanden hatten, die Mauern Roms und des Vatikans und fallen über die Stadt her. Wochen und Monate der Plünderung und Verheerung folgten. Zeitgenössische Kommentatoren sahen im «Sacco di Roma» ein Strafgericht Gottes. Den Einfall ungehobelter Barbaren in eine Stadt, die geprägt war von der Schönheit, die Künstler wie Raffael und Michelangelo in Gemälden und Skulpturen als Vorschein des Göttlichen geschaffen hatten.

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Mit dem «Sacco» hätten «die letzten Tage der Schönheit» geendet, schreibt Niklas Maak in seinem neuen Buch, das im Hinblick auf den 500. Jahrestag des Ereignisses erschienen ist. Anschaulich schildert der Kunsthistoriker den brutalen Überfall deutscher Landsknechte und spanischer Söldner auf die Stadt von Papst Clemens VII. Die Atmosphäre in Rom sei damals geprägt gewesen durch eine spielerische Verbindung von Antike und Christentum, wie sie sich etwa in der Villa Farnesina oder in der Christusfigur von Michelangelo in Santa Maria sopra Minerva zeige, schreibt Maak.

Wie eine dunkle Gewitterwolke erscheint in seiner Darstellung der bilderfeindliche Furor Martin Luthers, der die Ewige Stadt seit seiner Rom-Reise sechzehn Jahre zuvor abgrundtief gehasst habe: «Luther wurde endgültig zum antipäpstlichen Star aller Unzufriedenen und zum ersten Bestsellerautor in der Geschichte des modernen Buchdrucks», stellt Maak fest und betont, die wilde Horde der Landsknechte sei mit den von Luther verfassten Flugschriften im Gepäck auf Rom zumarschiert. Tatsächlich haben die Landsknechte den Namen Luthers in ihren Graffiti auf Raffaels Fresken verewigt.

Luthers Name

Maak will nicht nur die Ereignisse schildern. Ihm geht es darum, die erschreckende Aktualität zu zeigen, die in ihnen liegt: «Die fatale Mischung aus Propaganda, gezielt gestreuter Fake News und Aberglaube, die auf Ausbeutung, ökonomische Unsicherheit und ein wachsendes Bedrohungsgefühl stossen, war schon damals ein erfolgreiches Rezept zur Zerstörung von liberalen Hochkulturen.»

War der «Sacco di Roma» die Ursache für das Ende der Renaissance? War er nicht eher Symptom für einen Epochenbruch, der sich schon Jahre zuvor auch in der Kunst angekündigt hatte? Vor fast fünfzig Jahren verglich der Kunsthistoriker André Chastel in seinem Buch über den «Sacco di Roma» die Geschichte mit der Geologie: Schichten und Platten, Energieherde und tektonische Verschiebungen, schrieb er, seien am besten im Moment des Ausbruchs zu erkennen.

Goldenes Geschirr

In der Tat wurde in dem monatelangen Gemetzel nach der Einnahme der Stadt deutlich, was unter der Oberfläche von grosser Kunst und freizügigem Umgang mit der christlichen Tradition schon lange brodelte und gärte. Die gelassene Eleganz des päpstlichen Bankers Agostino Chigi, der in seinem Palazzo inmitten von Raffael-Fresken gemeinsam mit Papst Leo X. von goldenem Geschirr speiste, war nur in einer auf extremer Ungleichheit beruhenden Gesellschaft möglich, in der die Eliten den Volksglauben mehr oder weniger offen belächelten.

Zugleich ist Niklas Maak recht zu geben, wenn er in der Renaissance die unbefangene Symbiose von christlicher Gnade und antiker Grazie hervorhebt – ebenso wie die Aufwertung des Körperlichen, das im Mittelalter als sündhaft gegolten hatte. Der Renaissance-Schönheit Roms sei es, so Maak, gelungen, das zu überwinden, was Lessing später als den «garstigen, breiten Graben» bezeichnet habe, der zwischen dem antiken Mythos und der Gegenwart liege, zwischen der Sage und ihrer historischen Belegbarkeit.

War dies alles im Frühsommer 1527 abrupt vorbei? Ob es tatsächlich die letzten Tage der Schönheit waren, darüber lässt sich streiten, allein schon beim Gedanken an Claude Lorrains Malerei oder Berninis Architektur und Skulptur im folgenden Jahrhundert. Dass Niklas Maak die Aufmerksamkeit auf die Darstellung von Körperlichkeit in der christlichen Ikonografie lenkt und auf den Zusammenhang zwischen Schönheit und gutem Leben, darin liegt jedenfalls ein wesentliches Verdienst seines Buchs.

Zweitausend Jahre Kultur

Ein weiteres liegt in den zahlreichen biografischen Miniaturen von Menschen, die den «Sacco di Roma» erlebt haben: Maak zeigt, wie engmaschig das Beziehungsnetz war, das die europäischen Eliten im frühen 16. Jahrhundert verband, und wie es sich in der Kunst spiegelte. Vor allem aber wird deutlich, wie gefährdet die Stadt war – und dass sie sich dies nicht bewusst machte.

Vorkehrungen gegen die kaiserlichen Truppen, die sich auf die Stadt zubewegten, wurden kaum getroffen. Weil sich der Papst nicht vorstellen konnte, dass die Mauern Roms nicht genügten, um dem Ansturm zu trotzen. Dem Heer der Angreifer standen neben der Schweizergarde nur hastig rekrutierte, militärisch unerfahrene Bürger und Handwerker gegenüber, die nicht in der Lage waren, sich gegen den Ansturm der Söldner zu behaupten.

«Fast zweitausend Jahre Kultur gehen an einem Tag in Rauch auf: So schnell kann eine falsche, zaghafte, zögerliche Politik, die das Undenkbare lieber nicht denken will und sich deshalb weigert, sich darauf vorzubereiten, alle Freiheit in einem Moment verlieren.» Niklas Maaks Buch ist neben der Erinnerung an ein historisches Ereignis auch eine Mahnung, das Undenkbare nicht unbeachtet zu lassen.

Niklas Maak: Die letzten Tage der Schönheit. Die Plünderung Roms 1527 und das Ende der Renaissance. Insel-Verlag, Berlin 2026. 252 S., Fr. 39.90.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ

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