Von Natur aus fast unsterblich Das Geheimnis eines langen Lebens
Manche Tiere trotzen dem Alter. Ihre besonderen Mechanismen liefern wichtige Erkenntnisse für die Altersforschung.
08.11.2026, 13:52
In der Tierwelt verläuft die Alterung nicht bei allen Arten gleich. Während viele Säugetiere mit zunehmendem Alter körperlich abbauen, haben andere Lebewesen bemerkenswerte Überlebens- und Regenerationsstrategien entwickelt.
Bestimmte Lachse in Alaska sterben beispielsweise innerhalb weniger Tage nach der Fortpflanzung. Hummer und Langusten hingegen zeigen eine kaum messbare Alterung. Sie wachsen weiter und behalten ihre Kraft und Fortpflanzungsfähigkeit.
Zu den langlebigsten Wirbeltieren gehört der Grönlandhai (Somniosus microcephalus). Der bis zu sieben Meter lange Hai lebt in den kalten Gewässern der Arktis und kann ein Alter von rund 400 Jahren erreichen.
Ebenfalls in der Arktis lebt der Grönlandwal (Balaena mysticetus). Er kann mehr als 200 Jahre alt werden und gilt als langlebigstes Säugetier der Welt. Seine Zellen verfügen über ausgeklügelte genetische Reparaturmechanismen, die dazu beitragen, das Gewebe über lange Zeit gesund zu erhalten.
Auch an Land gibt es bemerkenswerte Beispiele: Die Schildkröte Jonathan hat ein Alter von 194 Jahren erreicht.
Bei Hummern und Langusten spielt zudem das Enzym Telomerase eine wichtige Rolle. Es verhindert die Verkürzung der Telomere und trägt so zum Schutz der DNA bei. Unsterblich sind die Tiere dennoch nicht: Mit zunehmendem Alter wird die Häutung für ihren Stoffwechsel immer belastender.
Rückwärts altern
Eine besondere Fähigkeit besitzt die Qualle (Turritopsis dohrnii). Bei Stress, etwa durch Nahrungsmangel, Verletzungen oder Temperaturschwankungen, kann sie ihren Lebenszyklus umkehren. Sie bildet ihre glockenförmige Körperstruktur zurück und entwickelt sich wieder zum jugendlichen Polypenstadium. Sobald sich die Bedingungen verbessern, beginnt sie erneut zu wachsen. Dieser Vorgang kann sich theoretisch unbegrenzt wiederholen.
Auch Planarien, kleine Plattwürmer, verfügen über aussergewöhnliche Regenerationsfähigkeiten. Bei Nahrungsmangel bauen sie eigene Organe ab und reduzieren ihre Körpergrösse. Sobald wieder genügend Nährstoffe vorhanden sind, regenerieren sie sich vollständig. Selbst kleinste Körperstücke können einen ganzen, lebensfähigen Wurm bilden. Möglich machen dies besonders leistungsfähige Stammzellen.
Der Liebling der Anti-Aging-Forschung
Ein besonders interessantes Forschungsobjekt ist der Nacktmull (Heterocephalus glaber). Das kleine Nagetier lebt in unterirdischen Kolonien und kann mehr als 35 Jahre alt werden. Zum Vergleich: Gewöhnliche Mäuse erreichen meist nur drei bis vier Jahre. Selbst im hohen Alter zeigt der Nacktmull kaum Anzeichen körperlichen Verfalls. Zudem ist er aussergewöhnlich widerstandsfähig gegen Krebs.
Eine wichtige Rolle spielt dabei die Hyaluronsäure in seinem Gewebe. Sie besitzt ein besonders hohes Molekulargewicht und trägt dazu bei, eine unkontrollierte Zellvermehrung zu verhindern. Deshalb gilt der Nacktmull als vielversprechendes Modell für die Krebsforschung und die Untersuchung der Zellalterung.
Leben im Stand-by-Modus
Bärtierchen sind nur etwa einen halben Millimeter gross, gehören aber zu den widerstandsfähigsten Lebewesen der Erde. Sie überstehen Bedingungen, die für andere Organismen tödlich wären.
Möglich macht dies die sogenannte Kryptobiose. Dabei geben die Tiere fast ihr gesamtes Körperwasser ab. Ihre Zellen nehmen eine glasartige Struktur an, und der Stoffwechsel kommt praktisch vollständig zum Stillstand. In diesem Zustand können Bärtierchen jahrzehntelang überdauern.
Erkenntnisse für die Medizin
Die Erforschung der genetischen und zellulären Mechanismen dieser Tiere eröffnet neue Möglichkeiten für die Medizin. Im Mittelpunkt steht nicht die Suche nach Unsterblichkeit, sondern das bessere Verständnis altersbedingter und degenerativer Erkrankungen. Langfristig sollen daraus neue Therapien entstehen, die eine längere Lebenszeit bei guter Gesundheit ermöglichen.
Source: SRF · Christian Bernasconi / RSI
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