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Von furioso bis decrescendo: Wie Donald Trump jetzt durchregieren könnte
«NZZ Pro» präsentiert drei Szenarien dafür, was die neue Ausgangslage in Washington für die Geopolitik bedeutet.
04.11.2026, 05.31 Uhr
7 Leseminuten
Der chinesische Präsident Xi Jinping lächelt milde, während Donald Trump spricht: Die disruptive Politik Washingtons der vergangenen zwei Jahre hat vor allem den Gegnern des Westens geholfen.
Reuters
Eine amerikanische Atombombe auf Iran, ein russischer Handstreich in Polen, die Nato als Ziel des Zorns, falls die Demokraten im Kongress den Präsidenten im neuen Jahr ausbremsen. Der November hat mit Szenarien und wilden Spekulationen begonnen. Alles scheint möglich zu sein, auch wenn die Vernunft dagegenspricht.
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Unabhängig vom Resultat der Zwischenwahlen: Das Weisse Haus und sein Präsident haben in der Aussen- und Sicherheitspolitik ein hohes Mass an Handlungsfreiheit. Die USA werden nicht über Nacht wieder von einer Unordnungs- zu einer Ordnungsmacht. Der geopolitische Epochenwandel ist nicht abgeschlossen. Die Phase der Ungewissheit dauert an.
Die kommenden zwei Jahre, 2027 und 2028, könnten besonders gefährlich werden: Donald Trump ist noch im Amt, Wladimir Putin noch nicht am Ziel seiner Revision der russischen Geschichte, und für Xi Jinping öffnet sich – nach seiner eigenen Planung – das Taiwan-Fenster: die Möglichkeit, die Insel militärisch mit China zu vereinen.
Keine Rücksicht mehr auf die Bevölkerung?
Die Disruption von Trumps zweiter Amtszeit hat an den geopolitischen Trends, die schon seit den frühen 2010er Jahren zu beobachten sind, grundsätzlich nichts geändert: China strebt an, die USA als erste Supermacht abzulösen – und Russland will mindestens seine Einflusssphäre in Osteuropa wiederherstellen.
Trumps Anbiederung an den Kreml und der Verrat an der Ukraine waren zu befürchten. Die eigentliche Überraschung ist aber die amerikanisch-israelische Kampagne gegen das Regime in Teheran. Der neue Krieg dürfte die Absichten Xis und Putins kaum behindern, schränkt aber die strategischen Möglichkeiten Washingtons ein.
Dennoch dürfte Trump seinen Gestaltungswillen – ob als Dealmaker oder selbsternannter Friedensbringer – nicht aufgeben. Es besteht vielmehr die Gefahr, dass das Gegenteil eintritt: Während er bisher mit Blick auf die Zwischenwahlen gewisse Rücksicht nahm, weiss er nun, dass er seine Politik nicht mehr in einer neuen Wahl vor der Bevölkerung verantworten muss.
Die folgenden drei Szenarien, benannt nach Vortragsweisen der klassischen Musik, skizzieren, was die kommenden zwei Jahre bringen könnten:
«Trump furioso»: Der Präsident wütet enthemmt
Das Gespenst einer «angry duck», einer wütenden statt einer lahmen Ente im Weissen Haus, kommt im allgemeinen Wettbewerb um Aufmerksamkeit gegenwärtig am besten an. Trump schafft Tatsachen, dem Kongress gelingt es nicht, den Präsidenten einzuhegen.
Tucker Carlson, ein Vordenker der Maga-Bewegung und einstiger Chefclaqueur Trumps, beschrieb einen Tag vor den Zwischenwahlen, wie die USA unter dem Druck des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu zu einem Atomangriff auf Iran verleitet werden könnten. Das Ziel wäre laut Carlson das Pickaxe-Massiv, wo das Regime die Arbeit am eigenen Nuklearprogramm wieder aufgenommen hat.
Under pressure from Israeli prime minister Benjamin Netanyahu, the Trump administration may be within days of launching a nuclear strike on Iran. The target would be Pickax Mountain in central Iran, where Israeli intelligence claims the Iranian government has restarted its…
— Tucker Carlson (@TuckerCarlson) November 2, 2026
Die unterirdischen Laboratorien im Pickaxe-Massiv existieren. Die Gesteinsschicht ist selbst für die wirksamste bunkerbrechende Bombe, die GBU-57, zu dick, als dass sie tatsächlich durchbrochen werden könnte. Eine Atombombe könnte die Anlage – vielleicht – zerstören. Aber Anzeichen für einen solchen Angriff gibt es nicht.
Der schrille Post Carlsons, dessen antiisraelische Haltung antisemitische Züge angenommen hat, erinnert an die Risse innerhalb der Maga-Bewegung. Trumps Krieg im Nahen Osten widerspricht dem Versprechen, die USA aus bewaffneten Konflikten herauszuhalten. Der Widerstand gegen die Aussenpolitik des Präsidenten könnte zukünftig auch in den eigenen Reihen zunehmen.
Eine weitere Warnung vor einem «Trump furioso» publizierte «Politico»: Um sein Erbe zu zementieren, wispern Diplomaten in Brüssel den Journalisten zu, werde Trump «Zehntausende amerikanischer Soldaten aus Europa abziehen». Die europäischen Nato-Länder, deren Nachrüstung erst gerade begonnen hat, wären Russland schutzlos ausgeliefert.
Im Dezember will das Pentagon tatsächlich die «Global Force Posture Review» veröffentlichen, die Überprüfung der weltweiten Truppenpräsenz. Ein Abbau in Europa geschähe nicht aus einer Laune des Präsidenten heraus, sondern liesse sich militärstrategisch begründen – etwa mit der Lage im Pazifik.
Doch es gibt handfeste Argumente gegen einen radikalen Rückzug: Trump unterzeichnete im Juli die Schlusserklärung des Nato-Gipfels von Ankara, worin die USA ihr Bekenntnis zur Nato erneuern: «Die europäischen Partner und Kanada übernehmen in Zusammenarbeit mit den USA mehr Verantwortung für die Bündnisverteidigung», heisst es in der Ankara-Erklärung. Zudem hat das Pentagon die europäischen Verbündeten stets über die Zwischenschritte der «Global Force Posture Review» orientiert, ohne dass jeweils gleich Panik ausgebrochen wäre.
Das Szenario eines enthemmt wütenden Trump ist eine unangenehme Vorstellung, insbesondere aus europäischer Sicht. Selbst wenn der Kongress aber nicht selber gestalten kann, dürfte er die gefährlichste Entwicklung verhindern können.
«Trump decrescendo»: Der Präsident ermattet allmählich
Weil er sich niemandem mehr beweisen muss, arbeitet Trump, milde und versöhnlich, an seinem eigenen Denkmal als Friedenspräsident.
Anstelle der Maga-Lakaien und auf Deals getrimmten Businessleute übernehmen in der Aussen- und Sicherheitspolitik allmählich wieder die echten Realisten, die zwar in den Kategorien der Machtpolitik denken, aber trotzdem den amerikanischen Grundwerten verpflichtet sind.
Eine solche Entwicklung mag vor allem dem Wunschdenken der Transatlantiker entspringen, es gibt aber durchaus Anzeichen, dass Trump nach den Zwischenwahlen Veränderungen im Kabinett vornehmen könnte.
Auf der Kippe soll vor allem Pete Hegseth stehen, der Pentagonchef, der sich neu Kriegsminister nennt und bei Soldaten über dreissig Jahren einen Testosterontest eingeführt hat. Sein militärisches Verständnis beschränkt sich dagegen auf die tiefe taktische Stufe. In Washington wird gemunkelt, Trump nehme ihm übel, dass er ihn nicht über die Risiken des Iran-Abenteuers aufgeklärt habe.
Möglich ist eine Aussenpolitik auf der Linie des Aussenministers und Sicherheitsberaters Marco Rubio sowie des CIA-Chefs John Ratcliffe. Beide versuchen, einen russisch-amerikanischen Deal auf Kosten der Ukraine zu verhindern – und die Staaten an der Nato-Ostflanke vor Übergriffen des Kremls zu schützen. Ratcliffe reiste im August an Bord einer C-17 Globemaster nach Moskau, um Putin vor den Konsequenzen seiner verdeckten Aktionen in Europa zu warnen.
Es scheint laut dem Nachrichtenportal «Axios» auch der CIA-Chef zu sein, der Trump rät, im Persischen Golf den Status quo «Kein Krieg, kein Abkommen» beizubehalten und das Regime in Teheran weiterhin wirtschaftlich unter Druck zu setzen. Die Atombombe wäre in diesem Szenario keine Option.
Für eine neue Sachlichkeit spricht auch die schrittweise Rückkehr der Amerikaner in den Pazifik. Ende Oktober trainierten sie zusammen mit den japanischen Selbstverteidigungskräften und philippinischen Truppen in der Übung «Keen Sword 27». Daran war auch die amerikanische Flugzeugträgergruppe «Theodore Roosevelt» beteiligt, die nun in Richtung des Südchinesischen Meers unterwegs ist.
Ein «Trump decrescendo» würde wieder den grossen Linien der Strategie folgen, sich in den nächsten Jahren vor allem auf den Pazifik zu fokussieren. Auch dieses eher günstige Szenario nimmt die Europäer nicht aus der Pflicht, die Verantwortung für die eigene Sicherheit selbst zu übernehmen.
«Trump ritenuto»: Der Präsident wird punktuell ausgebremst, macht aber einfach weiter
Das Chaosszenario ist das wohl wahrscheinlichste. Trump will das Regime in Teheran besiegen, dazu einen Deal mit Russland und womöglich auch mit China eingehen. Die grossen Linien der amerikanischen Aussenpolitik kümmern ihn weiter wenig.
Doch ab Januar kann der Kongress dagegenhalten: über die Budgethoheit, mit Resolutionen oder auch Untersuchungen. So dürfte sich das Tempo der Trumpschen Disruption verringern, auch wenn sich der Präsident selbst rhetorisch sogar noch radikalisieren würde.
Diese Entwicklung wäre insbesondere für Europa fast ebenso gefährlich wie ein Truppenabzug. Anfang 2027 wählt Frankreich die Nachfolge von Emmanuel Macron, die deutsche Bundesregierung steht unter dem Druck der politischen Extremen, die Eliten verlieren das Gespür für die Bevölkerung. Wenn sich Trump und seine Entourage nun verstärkt in die europäische Politik einmischen, könnte dies die Erosion der geltenden Ordnung beschleunigen, was wiederum im Interesse Moskaus wäre.
Ein Gegenargument sind die Wahlen in Ungarn oder auch in Serbien, wo die Sympathien Trumps für die lokalen Machthaber keinen Einfluss hatten, wenn nicht sogar kontraproduktiv waren.
Ein partiell ausgebremster Trump könnte sich schliesslich auf die Bereicherung seiner selbst und seines Umfelds konzentrieren. Noch mehr als bis jetzt wird er versuchen, Rohstoffdeals abzuschliessen – vor allem auch mit Russland. Auf dem Tisch liegt laut dem «Wall Street Journal» gegenwärtig ein Plan, wonach möglichst bald wieder russisches Gas durch die ukrainischen Pipelines fliessen soll. Die Geschäfte sollen über eine amerikanische Firma abgewickelt werden.
Noch sind die europäischen Regierungen wenig von der Idee überzeugt. Günstiges Gas aus Russland gehört aber zum Forderungskatalog der populistischen Parteien in Deutschland und Frankreich. Konkretisierte sich die Reaktivierung der ukrainischen Pipelines – etwa als Bedingung für Sicherheitsleistungen an die Ukraine –, kreierte Trump ein Politikum, das die europäischen Sanktionen gegen Russland unterliefe.
Es sind schliesslich auch Annäherungsversuche gegenüber Xi Jinping – oder noch schlimmer: gegenüber Kim Jong Un, dem nordkoreanischen Machthaber – denkbar. Solche Aktionen kann Trump auch anstossen, ohne vorher den Kongress zu fragen. Es entstehen die Bilder, die er will, er kann seine Verbündeten in Asien und Europa verunsichern – auch ohne nachhaltige Resultate.
Das wahrscheinliche Szenario wäre für die liberalen Demokratien weltweit eine unangenehme Entwicklung.
Russland und China haben ein Momentum
In allen drei Fällen wird sich die gestaltende Kraft der USA verringern. Der Anspruch, Frieden durch Stärke zu schaffen, ist an Trumps Eitelkeit gescheitert. Vielmehr hat er mit seiner Aussenpolitik ein Momentum geschaffen, das nun vor allem China und Russland nützen dürfte.
Es war der polnische Ministerpräsident Donald Tusk, der vor einem russischen Einfall aus Kaliningrad warnte. Die Polizei und die Armee verstärkten in den vergangenen Tagen ihre Präsenz an der Grenze zu der russischen Enklave. Einen Zwischenfall würde der Kreml als das Resultat von Provokationen der «Kriegstreiber in Warschau» erklären. Wenn nichts passiert, wird Moskau den Aktionismus verhöhnen.
Europa ist herausgefordert wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg: Ausgerechnet in den letzten zwei Jahren der zweiten Amtszeit Trumps droht die transatlantische Einheit für Frieden, Freiheit und Demokratie weiter zu erodieren: unter den europäischen Staaten, aber auch in manchen Ländern innenpolitisch. Die disruptive Politik Washingtons hat die Gegner des Westens gestärkt. Daran ändern auch die Zwischenwahlen nichts.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Georg Häsler
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