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Lange Zeit war Syriens Luftraum ein schwarzes Loch. Jetzt fliegen wieder Passagiermaschinen aus Deutschland ins ehemalige Bürgerkriegsland. Ein Besuch auf dem Flughafen von Deir al-Zur.
29.10.2026, 05.30 Uhr
7 Leseminuten
Am Himmel hängen dunkelgraue Wolken, Regen geht auf das Rollfeld nieder. Aber die Angestellten des Flughafens von Deir al-Zur in ihren gelben Warnwesten lassen sich dadurch die Laune nicht verderben. «Regen ist gut für uns, wir sind ja mitten in der Wüste», sagt einer von ihnen.
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Der Regen ist nicht der einzige Grund für die gelöste Stimmung unter den Arbeitern in der ostsyrischen Provinzstadt. Heute Nachmittag soll wie jeden Dienstag hier auf der rissigen Betonpiste in der Wüste ein Airbus A320 aus Deutschland landen.
Seit zwei Monaten verbindet die deutsche Startup-Airline Leav Aviation Köln/Bonn einmal pro Woche mit Deir al-Zur. Das Flugzeug aus dem fernen Europa ist das Highlight auf dem Provinz-Airport. Dutzende Arbeiter sind mit Vorbereitungen beschäftigt. Suchhunde schnüffeln das Gepäck ab, Männer mit Salafistenbärten bedienen die Röntgenanlage.
«Die Flüge sind immer ausgebucht»
Dabei grenzt es an ein Wunder, dass in Deir al-Zur überhaupt Passagierflugzeuge landen. Bis vor zwei Jahren war der heruntergekommene Flugplatz für Zivilisten gesperrt. Er stand unter der Kontrolle der Armee des inzwischen gestürzten Diktators Bashar al-Asad, der von hier aus Rebellengebiete bombardieren liess.
Der Flughafen von Deir-al-Zur in der syrischen Wüste war bis vor kurzem fast völlig zerstört. Jetzt landen hier Flüge aus Deutschland.
Ein junges Ehepaar wartet auf den Abflug nach Köln. Einmal die Woche verbindet die deutsche Fluggesellschaft Leav Aviation die syrische Provinzstadt mit dem Rheinland.
Jetzt sitzen stattdessen Syrer auf Heimatferien in der kleinen Abflughalle. «Das ist immer noch unglaublich», sagt ein älterer Mann, der zu Besuch in seinem Dorf war und auf den Rückflug nach Köln wartet. Ein paar Sitzreihen weiter hinten hält ein junger Deutschkurde seine frisch vermählte Ehefrau an der Hand.
Viele Reisende waren selbst einst vor der Asad-Diktatur und dem Krieg geflohen. Sie leben jetzt in Deutschland – aber auch in den Niederlanden oder sogar in Norwegen. Die Linie nach Köln ist neben derjenigen ins benachbarte Kuwait die einzige internationale Verbindung in Deir al-Zur.
«Die Flüge sind immer ausgebucht», sagt Khuder Mohammed, ein ehemaliger Journalist und Pressesprecher des Flughafens. Sechs Monate lang haben er und seine Leute Minen weggeräumt, Gebäude saniert und mithilfe der Türkei eine neue Funkanlage installiert, ehe der Airport wieder einsatzbereit war. «Das zeigt, dass wir Syrer es schaffen können.»
Eine Art Wiedergeburt am Himmel
Tatsächlich feiert das kriegszerstörte Syrien nach Jahren der Isolation derzeit eine Art Wiedergeburt am Himmel. Nicht nur in Deir al-Zur, überall im Land werden Pisten renoviert, Flughafengebäude hergerichtet und eingemottete Flugzeuge fit gemacht.
Bauarbeiten am Flughafen von Damaskus. Nach Jahren der Tristesse erlebt Syriens Luftfahrt gerade eine Wiederauferstehung.
Arbeiter entladen ein Flugzeug auf dem Flughafen von Deir al-Zur. Auch von Damaskus und Aleppo aus gibt es jetzt Flüge nach Deutschland. Eine Direktverbindung in die Schweiz fehlt noch.
Zum ersten Mal seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 ist Syrien wieder an die grosse weite Welt angeschlossen. Spätestens seit mehrere EU-Länder mit der neuen Regierung in Damaskus Luftfahrtabkommen geschlossen haben und Sanktionen aufgehoben wurden, landen auf den Flughäfen des Landes wieder ausländische Passagiermaschinen.
So verbindet Leav Aviation neben Köln auch Düsseldorf mit mehreren Städten in Syrien. Die Berliner Sundair fliegt nach Damaskus und Aleppo. Neben deutschen Kleinunternehmen und Exoten, wie der rumänischen Dan Air, sind die regionalen Schwergewichte Turkish Airlines, Qatar Airways oder Emirates auf syrischen Rollfeldern anzutreffen. Nur eine Direktverbindung in die Schweiz gibt es noch nicht.
Auch die Syrer machen mobil. Die unter Asad verrottete und aus Europa verbannte staatliche Fluggesellschaft Syrian Air fliegt inzwischen wieder Wien und Kopenhagen an. Vor ein paar Wochen stellte die Firma ihr rundum erneuertes Konzept vor – inklusive Lasershow und der Präsentation einer frisch lackierten, neu geleasten Airbus-Maschine.
Wie viel Geld fliessen wird, ist ungewiss
Andere Fluggesellschaften, wie die mit Geld aus den Vereinigten Arabischen Emiraten finanzierte Fly Cham, sind bereits in der Luft. Das zeige eben, dass es vorangehe, sagt Mustafa Kheirallah vom syrischen Amt für zivile Luftfahrt, gleich neben dem Flughafen von Damaskus. «Das alles ist Teil unseres Plans, Syrien wiederaufzubauen.»
Ein Passagier sitzt in der Wartehalle des Flughafens von Damaskus. Der Hauptstadt-Airport ist alt und sieht teilweise aus wie aus den siebziger Jahren.
Unweit des alten Flughafens entsteht ein neuer Terminal. Bei der Instandsetzung der Infrastruktur setzen die Syrer auf ausländische Investitionen. Aber wegen des Krieges am Golf ist unklar, wie viel Geld fliessen wird.
Der Hauptstadt-Airport sieht zwar aus wie aus den siebziger Jahren – mit vergilbten Fenstern und einer uralten Abflughalle. Doch auch hier soll es vorwärtsgehen. Nur ein paar Meter neben dem Terminal entsteht ein neues Gebäude. Tag und Nacht verschweissen die Arbeiter Stahlträger, ziehen Kabel durch Schächte und montieren Glasscheiben.
In Zukunft solle Damaskus zu einem Knotenpunkt ausgebaut werden, erklärt Kheirallah während einer Baustellenbesichtigung. Dann ärgert er sich über ein paar Arbeiter, die vor dem halbfertigen Glaskasten auf dem Fussboden ihr Mittagsmahl auspacken. «Das sieht unprofessionell aus. Das ist nicht das Bild, das wir vermitteln wollen.»
Verantwortlich für den Neubau ist die Firma UPC aus Katar, gemeinsam mit türkischen und amerikanischen Bauunternehmen. Wie so oft im neuen Syrien versucht die klamme Regierung auch hier, ausländische Investoren mit ins Boot zu holen. Wie viel Geld angesichts des Krieges am Golf aber fliessen wird, ist ungewiss.
Fassbomben und Raketen
Syriens Aviatik-Sektor habe jedoch Potenzial, glaubt der Luftfahrtexperte Darren Ellis von der englischen Universität Cranfield. «Es gibt eine grosse syrische Diaspora im Ausland. Zudem liegt das Land zentral.» Schon jetzt nutzten internationale Airlines den Luftraum wieder für Überflüge, nachdem sie ihn im Krieg gemieden hatten.
Passagiere vor einer Werbetafel der staatlichen Syrian Air. Die Fluggesellschaft will neue Maschinen leasen und damit in Zukunft auch nach Europa fliegen.
Die Abflugtafel am internationalen Flughafen Damaskus. Noch gehen die meisten Flüge in die arabischen Nachbarländer.
Doch um vorne mitspielen zu können, muss das Land noch viel aufholen. «Zwar hatte Syrien Glück im Unglück, weil die Russen zumindest an den Militärflughäfen eine rudimentäre Infrastruktur hinterlassen haben», sagt Ellis. Flughäfen wie Deir al-Zur liessen sich daher ziemlich rasch und günstig auf Vordermann bringen.
Sonst war die Luftfahrt aber in einem schlechten Zustand, als die Rebellen unter dem neuen Präsidenten Ahmed al-Sharaa vor zwei Jahren in Damaskus einmarschierten. Die meisten Fluggesellschaften lagen am Boden. Ihre wenigen Jets dienten oftmals der Geldwäsche von Asad-Günstlingen oder dem Transport finsterer Milizionäre.
Flughäfen wie jener bei Latakia, den die russische Luftwaffe besetzt hielt, oder der Militärflugplatz von Deir al-Zur hatten zudem einen schrecklichen Ruf. «Von hier aus wurden Raketen abgeschossen und Fassbomben auf Wohngebiete abgeworfen», sagt Khuder Mohammed.
Deir al-Zur liegt in Trümmern
Deir al-Zur hatte unter dem Krieg besonders gelitten. Nachdem sich die Stadt 2011 gegen Asad erhoben hatte, wurde sie von dessen Truppen mithilfe von Russen und Iranern fast völlig zerstört. Zwischendurch fiel auch noch der Islamische Staat über sie her. Am Ende besetzten kurdische Milizen Teile der Stadt.
Blick über die Innenstadt von Deir al-Zur. Die Metropole am Euphrat wurde im Bürgerkrieg von der Armee des Diktators Bashar al-Asad fast völlig zerstört.
In der Nacht wirkt Deir al-Zur bis heute finster und kaputt. Noch immer fehlt es hier am Nötigsten. Immerhin gibt es jetzt mehr Strom.
Inzwischen sind sie abgezogen. Doch die einst blühende Art-déco-Metropole am Euphrat liegt in Trümmern. Betonskelette ragen in den Herbsthimmel, viele Strassen sind wegen der aufgewühlten Erde voller Schlamm. In der Dämmerung sieht die Stadt beinahe so aus, als habe hier die Apokalypse stattgefunden.
«Es gibt kaum Arbeit, wenig Strom, alles ist kaputt», sagt Mohammed, der selbst aus Deir al-Zur stammt. Wie so viele war auch er im Krieg in die Türkei geflohen und kam zurück, um sein Land wiederaufzubauen. «Der Flughafen ist deshalb mehr als nur ein Flughafen. Er ist ein Symbol dafür, dass unsere Stadt wiederauferstehen kann.»
Inzwischen befindet sich die Maschine aus Deutschland im Landeanflug. In einer langen Kurve fliegt sie über die Ruinen. In dem winzigen Abfertigungsgebäude herrscht Hochbetrieb. Die Schlange der abfliegenden Passagiere zieht sich bis auf den Parkplatz. Gleichzeitig drängen Hunderte weitere Besucher in den Ankunftsbereich.
«Die Maschine hing in Deutschland fest»
Einmal pro Woche landet in Deir al-Zur jetzt ein Flugzeug aus Deutschland. Für viele Passagiere ist es der erste Heimatbesuch seit Jahren.
Angehörige warten im Ankunftsbereich des Flughafens auf ihre Liebsten. Die Maschine aus Deutschland ist fast immer ausgebucht.
Es sind Frauen in ihren schönsten Schleiern und Rüschenkleidern, Männer in samtenen Anzügen und Beduinen in schneeweissen Dishdashas. Als die Maschine dann endlich landet und die ersten Passagiere nach draussen treten, brechen die Wartenden in lauten Jubel und Tränen aus.
Mütter weinen, als sie ihre Söhne nach über zehn Jahren zum ersten Mal in die Arme schliessen. Manche der Rückkehrer können vor Freude kaum sprechen. Andere winken mit Syrien-Flaggen, die sie eigens für diesen Moment in ihr Handgepäck gepackt haben.
Die Flughafenarbeiter versuchen derweil, das sich ausbreitende Chaos einigermassen zu bändigen. Die Deutschsyrer beschwerten sich ständig über die Unordnung, sagt Mohammed. «Wir sagen ihnen dann: Was soll das, ihr habt doch früher hier gelebt. Ihr wisst doch, wie es ist.»
Der Regen hat jetzt aufgehört. Der weisse Airbus glänzt im Sonnenlicht. Flughafenarbeiter schwirren um ihn herum, ehe die Treppe weggezogen wird und das Flugzeug auf die Startbahn rollt, bereit zum Rückflug. Er hat drei Stunden Verspätung. Der Grund dafür liege nicht in Syrien, sagt Mohammed. «Die Maschine hing zuvor in Deutschland fest.»
Eine junge Frau begrüsst ihren Bruder aus Deutschland. Wie so viele hier haben auch sie sich seit Jahren nicht mehr gesehen.
Die Maschine aus Köln startet zum Rückflug nach Deutschland. Für Deir al-Zur ist der Flughafen ein Symbol der Hoffnung.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Daniel Böhm, Dominic Nahr
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